Der Vater des NSU-Opfers Halit Yozgat am Donnerstag beim Gedenken in Kassel.
Der Vater des NSU-Opfers Halit Yozgat am Donnerstag beim Gedenken in Kassel. Bild © picture-alliance/dpa

Der elfte Todestag des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat ist in Kassel anders als sonst begangen worden. Londoner Wissenschaftler spielten Schüsse ab und sorgten mit neuen Erkenntnissen für noch mehr Wut unter Demonstrierenden und Trauernden.

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Der Schuss wird mit jedem Mal lauter. "Noch ein bisschen mehr", sagt Christina Varvia zu einem Tontechniker am Mischpult. In ihrer rechten Hand trägt sie ein Dezibel-Messgerät. Exakt 86 Dezibel soll der Schuss laut sein, den sie an diesem Donnerstagmittag im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof auf einer Pressekonferenz abspielen lässt. Schließlich ist der Schuss laut genug.

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Temme will sich nicht äußern

Gerne wollten wir mit Andreas Temme über die neuen Vorwürfe sprechen. hessenschau-Reporter Franco Foraci bat ihn deshalb in einer Anfrage über seinen derzeitigen Arbeitgeber, das Regierungspräsidium Kassel, um eine Stellungnahme. Per Mail ließ Temme aber ausrichten, dass er dazu nichts sagen wolle.

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86 Dezibel - so laut kann sich ein Presslufthammer anhören, ein vorbeifahrender Güterzug in 15 Metern Entfernung oder ein Schuss aus einer Ceska-Pistole mit Schalldämpfer, der in einem Nebenraum abgefeuert wird. Wie auf den Tag genau vor elf Jahren, am 6. April 2006, als wenige hundert Meter entfernt in einem Internet-Café in der Holländischen Straße 82 der 21 Jahre alte Betreiber Halit Yozgat erschossen wird - mutmaßlich von der Terrorgruppe NSU.

Londoner Architektin glaubt Temme nicht

Im hinteren Zimmer soll bis mindestens kurz vor dem Mord der damalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme an einem Computer gesessen haben. Etwas bemerkt haben will er nicht, wie er bei der Polizei, vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und dem Münchener NSU-Prozess ausgesagt hat. Christina Varvia glaubt Temme nicht und möchte dabei helfen, die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen erneut in Zweifel zu ziehen.

Christina Varvia misst die Lautstärke der abgespielten Schüsse.
Christina Varvia misst die Lautstärke der abgespielten Schüsse. Bild © picture-alliance/dpa

Die Architektin koordiniert am Goldsmith College der Universität London die Recherchen eines 15-köpfigen Teams von Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten, die dann ermitteln, wenn sie die Aufklärung von Verbrechen durch staatliche Behörden als nicht gewährleistet sehen.

Fall seit Dezember rekonstruiert

Ihre Forschungsgruppe "Forensic Architecture" rekonstriert seit Dezember Temmes Rolle im Mordfall Yozgat - mit forensischen Methoden wie 3D-Computersimulationen, einem 1:1-Nachbau des Internetcafés, Auswertungen von Videos, Fotos, Zeugenaussagen, Sicht-, Geruch- und Geräusch-Tests.

Ihr vorläufiges Ergebnis: Sollte Yozgat erschossen worden sein, während Temme noch im Internet-Café war, muss der damalige Verfassungsschützer die Schüsse gehört haben, den Toten beim Verlassen des Cafés hinter dem Verkaufstresen gesehen und möglicherweise auch das Schießpulver gerochen haben. Ob Temme das Internet-Café nicht doch kurz vor dem Mord verlassen hat, können Varvia und ihr Team allerdings nicht beantworten.

Computersimulation: So soll Temme den toten Yozgat gesehen haben.
Computersimulation: So soll Temme den toten Yozgat gesehen haben. Bild © Forensic Architecture London

Der Landtagsabgeordnete Hermann Schaus (Linke) hat sich zwischen die anwesenden Journalisten gesetzt und verfolgt Varvias Ausführungen aufmerksam. Seine Fraktion werde diese neuen Erkenntnisse im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags zur Sprache bringen und den Zeugen Temme damit konfrontieren, sagt der Oppositionspolitiker. Die Regierungspartei CDU hat die Londoner Untersuchungen zu diesem Zeitpunkt schon als "Verschwörungstheorie" abgetan.

"Temme lügt"

Während Varvia noch 3D-Simulationen und Grafiken an die Wand hinter sich projeziert, starten am Mittag am Kasseler Rathaus rund 200 Menschen zu einer Demonstration für die Opfer des NSU-Terrorismus und zum Gedenken an das Kasseler Opfer Halit Yozgat. "Temme lügt" ist auf einem Plakat zu lesen. Auch hier sind die Rolle des ehemaligen Verfassungsschützers und die Ergebnisse der Londoner Forscher Gesprächsthema.

Demo zum Gedenken an NSU-Opfer am Donnerstag in Kassel.
Demo zum Gedenken an NSU-Opfer am Donnerstag in Kassel. Bild © hessenschau.de

Die vielen schwarz gekleideten Protestierenden erinnern an einen Trauerzug. Mit Schwarz-Weiß-Fotos der NSU-Opfer ziehen sie durch die Innenstadt über den Friedrichsplatz in Richtung Holländische Straße. Ihr Ziel: Der Halitplatz nahe dem Tatort, an dem am Nachmittag wie in den Jahren zuvor, dem Kasseler NSU-Opfer gedacht wird.

Yozgats Eltern weinen um ihren Sohn

Als der Protestzug den Halitplatz erreicht, warten dort bereits rund 150 Menschen: Unter ihnen die Eltern von Halit Yozgat. Ayse und Ismail Yozgat brechen in Tränen aus, als sie am Gedenkstein auf das Foto ihres getöteten Sohnes schauen, umrahmt von Blumengestecken.

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Auch Angehörige, Freunde, Nachbarn, der türkische Generalkonsul, Stadtverordnete und Mitglieder der "Initiative 6. April" sind gekommen. Die Mitglieder der Initiative haben die Londoner Wissenschaftler mit den Untersuchungen beauftragt. Ihre Hoffnung: Dass weitere Umstände des Mordes aufgeklärt werden.

Kampf mit den Tränen

Die Londoner Architektin Varvia erklärt auch hier auf dem Halitplatz die Erkenntnisse ihrer Forschungsgruppe. Ismail Yozgat greift sie in seiner Ansprache auf. Seine Stimme überschlägt sich, er kämpft mit den Tränen, die Lautsprecher auf dem Platz dröhnen: "Die Ergebnisse belegen eindeutig, dass der Verfassungsschützer Halit gesehen haben muss."

Noch immer sei die Frage unbeantwortet, warum sein einziger Sohn ermordet wurde, sagt Yozgat und fragt: "Wer ermordete ihn?" Mit Schüssen, die nach Angaben von Christina Varvia im Hinterzimmer des Internet-Cafés so laut gewesen sein müssen wie ein vorbeifahrender Güterzug. Sie und ihr Team sind überzeugt: Temme muss sie gehört haben. Voraussichtlich im Mai werden sie ihre neuen Erkenntnisse im Münchner NSU-Prozess präsentieren.

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