Schulhof
Der Umgangston auf Schulhöfen ist mitunter recht rau. Bild © Colourbox.de

"Du Jude" - das ist wieder ein gängiges Schimpfwort in Deutschland. Heranwachsende benutzen es ganz unbefangen, wie zwei Frankfurter Pädagogen berichten. Junge Muslime tun sich dabei hervor.

Für Türkan Kanbicak sind antisemitische Beschimpfungen Alltag. Sie ist Lehrerin an der Franz-Böhm-Schule, einer Berufsschule in Frankfurt. Dafür braucht's ein dickes Fell. Der Ton, der unter den Schülern herrsche, sei rau, sagt Kanbicak: "'Du Jude' als Schimpfwort oder 'Du Spast' oder auch sexistische Beleidigungen sind relativ üblich. Das ist leider ziemlich normal und gehört in unseren Schulalltag."

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Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin, die auch für das Pädagogische Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts arbeitet, glaubt nicht, dass ihre Schule eine Ausnahme ist. "Jude" als Schimpfwort zu benutzen und nebenbei gleichzeitig allen Juden bestimmte Merkmale anzudichten - das scheint wieder Alltag zu sein auf deutschen Schulhöfen.

Lehrerin stellt Schüler zur Rede

Türkan Kanbicak ist Muslima und vielleicht auch deshalb besonders sensibilisiert. "Wenn ich so etwas höre", sagt sie, "dann reagiere ich sofort darauf." Doch leider gebe es auch Kolleginnen und Kollegen, die solche Äußerungen geflissentlich überhörten.

Kanbicaks Reaktion besteht nicht darin, entsprechende Schüler zurechtzuweisen oder ihnen gar den Mund zu verbieten, wie sie sagt. Sie hinterfrage die Vorurteile, kläre über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Religionen auf, halte ihre Schüler dazu an, sich auch mal in die Rolle derjenigen zu versetzen, die da geschmäht werden.

"Oft ist es einfach Provokation"

Arif Arslaner geht ganz ähnlich vor, wenn er mit Antisemitismus konfrontiert wird. Auch bei ihm ist das nicht selten der Fall. Arslaner ist Gründer und Geschäftsführer des Vereins Kubi, der an sieben Frankfurter Schulen Sozialarbeit leistet. Er war früher selbst als Sozialarbeiter an Schulen tätig.

Judenfeindliche Klischees, sagt Arslaner, seien unter muslimischen Jugendlichen verbreitet. Doch das, so betont er, gehe nicht zwangsläufig mit einem gefestigten Weltbild einher: "Oft ist es einfach Provokation. Manchmal plappern sie ohne nachzudenken nach, was sie irgendwo gehört haben. Daher ist mir wichtig, zu differenzieren zwischen jemand, der das als Ideologie hat, und dem Alltagsgebrauch, also wenn einfach mal dumm geschwätzt wird."

Respekt lernen in sozialem Training

Auch als dummes Geschwätz sind solche Äußerungen gefährlich. Aber Arslaner gesteht, es sei ihm lieber, wenn muslimische Jugendliche ihre Vorbehalte gegen Juden offen äußern. "Ich finde es besser, wenn jemand solche Tendenzen auf den Tisch legt, als wenn er schweigt und dann woanders in seiner Community dieses rassistische oder antisemitische Gedankengut weiterverbreitet", sagt Arslaner.

Zu den Angeboten der Sozialarbeiter des Vereins Kubi zählt ein so genanntes soziales Training. Dabei gilt der Grundsatz: Wer selbst respektiert werden will, muss bereit sein, andere zu respektieren. Dass das auch im Hinblick auf Juden gelten muss, scheint vor allem für Jugendliche mit arabischen Wurzeln alles andere als selbstverständlich.

Laut Türkan Kanbicak kursieren an ihrer Schule antisemitische Stereotype, die viele Menschen hierzulande für weitgehend überwunden hielten. "Du Jude" werde meist recht unreflektiert als Schimpfwort im Sinne von "Du Geizhals" oder "Du bist hinterhältig" verwendet.

Zerrbild aus NS-Propaganda

Der geldgierige und verschlagene Jude: Dieses Zerrbild war ein Klassiker der nationalsozialistischen Propaganda. Wenn sich Schüler heute so äußern, sagt Türkan Kanbicak, dann gelte es einzugreifen: "Da muss man, finde ich, im Unterricht sofort reagieren. Man sollte das nicht überhören."

Sie habe gute Erfahrungen damit gemacht, direkt zurückzufragen: "Was meinst du damit eigentlich? Und wie fändest du's, wenn man sagt: Du Moslem, du Katholik, du Protestant?" Das beeindrucke vielleicht nicht jeden, doch sie wolle ein Problembewusstsein schaffen, sagt Kanbicak.

Der neue Schulhof-Antisemitismus ist nach Einschätzung der Pädagogen beileibe nicht nur ein Phänomen unter Heranwachsenden muslimischen Glaubens. Die äußern ihn nur offener. Kanbicak glaubt zu wissen, warum: "In den deutsch-deutschen Familien, wenn ich das mal so nennen darf, ist das Thema stark tabuisiert. Da findet man Antisemitismus eher in subtiler Form - etwa verkleidet als Israelkritik."

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