Asta-Zeitung der Uni Frankfurt
Die Asta-Zeitung der Uni Frankfurt Bild © Screenshot Asta-Zeitung

Pick-Up-Artists brüsten sich damit, Experten im Frauenaufreißen zu sein. Ihr Treiben machte der Asta der Uni Frankfurt in seiner Zeitung mitverantwortlich für sexuelle Übergriffe auf dem Campus. Jetzt haben Richter den Artikel verboten, weil ein Mitstudent am Pranger stehe.

In Seminaren führt ein Frankfurter Student schüchterne Geschlechtsgenossen in die Kunst der "stilsicheren Verführung" ein. Als selbsternannter Pick-Up-Artist demonstrierte der Aufreißtrainer auch schon einem Fernsehteam, wie man seiner Meinung nach Frauen auf der Straße erfolgreich kontaktiert. Unter Beobachtung beließ er es da bei Sprüchen wie "Ich hab eine Schwäche für Blondinen".

Was ihn auf der Online-Seite seiner Coaching-Firma und im TV nicht störte, hat er nun mit Hilfe des Oberlandesgerichts (OLG) dem Allgemeinen Studentenausschuss (Asta) der Uni Frankfurt verbieten lassen: das Zeigen seines Bildes und die Nennung seines Namens.

Studenten entrüstet

Der Asta ist entrüstet und spricht von Zensur. Der umstrittene und inzwischen im Internet gelöschte Artikel in der Asta-Zeitung hatte sich kritisch mit sexistischen Übergriffen auf Frauen auseinander gesetzt und als eine Ursache das seiner Meinung nach frauenfeindliche Treiben der sogenannten Pick-Up-Artists identifiziert. Denn laut Asta wurden wiederholt auf dem Frankfurter Campus Frauen belästigt. Und zwar mit Techniken, wie sie der Pick-Up-Artist-Szene zuzuordnen seien.

"Es geht um einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht", begründete OLG-Richter Ingo Nöhre gegenüber hessenschau.de am Freitag die erlassene Einstweilige Verfügung. Der Mann sei mit Namen und Bild in dem Artikel in der Asta-Zeitung vorgekommen. Dagegen hatte der Student in einem Berufungsverfahren geklagt und gewonnen. Laut Gericht hätte er nicht gegen seinen Willen abgebildet und genannt werden dürfen.

Kläger-Anwalt: Mandant wurde bedroht

Das sieht der Anwalt des Klägers genauso: "Anstatt die Regeln einer fairen Berichterstattung zu berücksichtigen, stellt der Asta einen Studenten in seiner Zeitung derart an den Pranger, dass er in der Folge bedroht wird", sagte Medienanwalt Lucas Brost von der Kölner Kanzlei Höcker. Er verwies darauf, dass in dem TV-Beitrag über seinen Mandanten, den die Asta-Autoren in ihrem Text aufgriffen haben, die Thematik verkürzt und verzerrt wiedergegeben worden sei. "Dies hätte er gerne klargestellt, wenn der Asta ihm die Möglichkeit gegeben hätte. Doch eine Anhörung erfolgte nicht", so Brost.

Für die Asta-Mitglieder ist der Verbot des Artikels ein Eingriff in die Pressefreiheit. Das Urteil des OLG stellt für sie außerdem die demokratische Selbstverwaltung in Frage. "Es ist bezeichnend, dass sich gerade jetzt in Deutschland die juristische Auseinandersetzung mit  Pick-Up-Artists nicht auf die gewalttätigen Übergriffe bezieht, sondern auf die Frage, ob darüber berichtet werden darf", sagt Asta-Zeitungsredakteur Johannes Fechner zu dem Urteil. Der Zeitung der Studenten sei damit untersagt worden, sexistische Übergriffe zu thematisieren.

Gericht sieht Pick-Up-Artist-Szene als gesellschaftliches Phänomen

In der Urteilsbegründung steht dagegen, dass es sich bei der Pick-Up-Artists-Szene um eine gesellschaftliches Phänomen handele, das "insbesondere Frauen jüngeren Alters gleichermaßen angeht und Fragen der Hochschulpolitik oder sonstige studentische Angelegenheiten nicht in besonderer hochschulspezifischer Weise betrifft." "Allein der Umstand, dass einerseits auch Studenten an der Universität Frankfurt am Main […] der Pick-Up-Szene angehören und andererseits Studentinnen zu deren Zielgruppe gehören, vermögen den von § 96 Abs. 2 HHG geforderten Hochschulbezug nicht zu begründen", heißt es.

Es gehe um eine ganze Szene, deshalb müsse vor Gericht die Frage gestellt werden, ob die Nennung einer einzelnen Person wirklich wichtig sei. Den Vorwurf der Studenten-Vertreter, der Asta dürfe sexistische Übergriffe nicht thematisieren, wies der Richter entschieden zurück. "Der Asta kann natürlich über das Thema berichten", sagte Nöhre. In diesem Fall sei es jedoch darum gegangen, dass der besagte Pick-Up-Künstler nicht identifizierbar werden dürfe.

Studenten wollen nicht aufgeben

Für die Asta-Referentin für Kommunikation, Karla Ónodi, bewegt sich das Urteil bloß auf einer formalen Ebene und legitimiert "die strukturell sexistische Pick-Up-Artists-Szene". Aufgeben wollen die Studierenden trotz der Schlappe vor Gericht nicht. Asta-Vertreter Valentin Fuchs sagte gegenüber hessenschau.de, der Asta werde nun auf die Zustellung der einstweiligen Verfügung warten. "Diese werden wir ablehnen, so dass der Antragsteller eine Klage zur Hauptsache erheben muss. Wir gehen davon aus, dass es zur Klage kommen wird und werden diese führen", kündigte er an.

Skandal um Julien Blanc

Seminare von Pick-Up-Artists stehen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in der Kritik. Ende 2014 sorgte der Aufreiß-Trainer Julien Blanc international für Negativschlagzeilen, weil er im Internet sexistische und demütigende Abschlepp-Tipps verbreitet hatte. Blanc, der für die US-amerikanische Firma Real Social Dynamics (RSD) arbeitet, rief zu sexualisierten Gewaltakten gegen Frauen auf. Das Ziel seiner Seminare: Männer sollten lernen, wie man Frauen auch gegen ihren Willen zu Sex nötigt. Als Einstieg in ein Gespräch mit einer fremden Frau empfahl er zum Beispiel den Würgegriff.

Das ging auch deutschen Politikern zu weit. "Wir wollen keine Seminare, die zu sexualisierter Gewalt an Frauen aufrufen, in Frankfurt. Solche Seminare schaden dem Ruf unserer Stadt“, sagte etwa Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und rief Hoteliers dazu auf, den selbst ernannten Verführungs-Beratern keine Räume zur Verfügung zu stellen. Im Netz sammelt sich der Protest gegen Blanc und RSD unter den Twitter-Hashtags #takedownrsd und #takedownjulienblanc.

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