Thomas Fehling
Bürgermeister Thomas Fehling Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Auf Facebook hat Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling laut über die Ereignisse von Köln und über Flüchtlinge nachgedacht. Es folgte großer Beifall, heftige Kritik - und ein Rückzieher.

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Thomas Fehling Bürgermeister Bad Hersfeld

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Den Stoff, aus dem erbitterte Kontroversen gemacht werden, hat die Facebook-Seite von Thomas Fehling normalerweise nicht zu bieten: Hier ein braver Hinweis auf die 4. Bad Hersfelder Klimatage, dort ein lustiger Adventskranz aus Bierflaschen und Mettwürstchen. Je nach Eintrag gefällt das drei, elf oder auch mal 39 Menschen.

Seine jüngste Facebook-Aktivität hat dem parteilosen Bürgermeister ein Vielfaches an "Gefällt-mir"-Resonanz eingebracht. Aber auch Druck aus dem Stadtparlament und den Vorwurf, ein "geistiger Brandstifter“ zu sein. Sogar ein Beleidigungs-Prozess kündigt sich an. Alles, weil der 49-Jährige am Wochenende mit zwei markigen Einträgen in die aufgeregte bundesweite Debatte über die Silvester-Vorfälle am Kölner Hauptbahnhof eingestiegen ist.

Wann ist der Mann ein Mann?

"Offenbar stehen doch einige der Flüchtlinge in vollem Saft und strotzen nur so vor überschüssiger Energie", diagnostiziert Fehling unter anderem. Und er stellt die Frage: "Warum kommen diese 'Drückeberger' in unser Land und treten unsere Kultur mit Füßen anstelle zu Hause für ihr Land und ihre Familie zu kämpfen. Das wäre m.E. richtig männlich."

Fehling Facebook-Post
Bild © Screenshot: facebook.de

Flugs lagen sich die Nutzer auf der Fehling-Facebook-Seite in den Haaren. Sie machen damit einen für die bundesdeutsche Flüchtlingsdebatte symptomatischen Graben sichtbar, der sich auch durch die 29.000-Einwohner-Stadt Bad Hersfeld und ihr Umland zieht.

Besorgte Bürger jubeln

Auf der einen Seite applaudieren "besorgte Bürger“ dem Stadtoberhaupt: "DIESER Thomas Fehling gewinnt immer mehr an Hochachtung bei mir“, heißt  es. Oder: "Wenn sich nur 'größere' Politiker trauen würden, das so offen zu sagen..." Ein anderer Nutzer vermutet: "Das ist bestimmt auch die Meinung der Mehrheit.“ Ginge es nach der Zahl lobender Kommentare, er hätte recht.

Auf der anderen Seite des Grabens finden sich Leute wie Timo Schadt wieder. "Ein Bürgermeister darf sich in einer sensiblen Sache so nicht äußern. Er ist ja kein Privatmann, der in Stammtischmanier solche Phrasen dreschen darf, sondern vertritt eine weltoffene Festspielstadt“, sagt der Journalist. Er gibt ein regionales Print-Magazin heraus und engagiert sich im Toleranzbündis "bunt statt braun Bad Hersfeld/Rotenburg".

Konsequenzen für wen?

Begriffe wie "richtig männlich" und "Drückeberger" bewertet Schadt als "sexistische und rassistische Zwischentöne“. Und während andere in ihren Kommentaren Fehling betroffen ins Gewissen reden ("Thomas, Dein Rechtsruck macht mir Angst“) geht der "Bunt-statt-braun"-Aktivist Schadt auf Facebook in die Vollen. "Ihre Wortwahl ist nichts anderes als 'geistige Brandstiftung!“ hat er dem Bürgermeister für alle sichtbar ins Stammbuch geschrieben.

Fehling Facebook-Post Antwort
Bild © Screenshot: facebook.de

Postwendend drohte Fehling mit "rechtlichen Schritten" - wenn sein Gegner den Vorwurf nicht zurücknimmt. Der denkt aber nicht daran. "Ich muss ja weniger mit juristischen Konsequenzen rechnen, als er mit politischen", sagt Journalist Schadt über Bürgermeister Fehling. Denn der Streit im Internet hat auch die Kommunalpolitik erreicht. Die Grünen kritisieren Fehlings Wortwahl als "pauschale Verurteilung". Und die SPD fordert "als Akt der Reinheit", das Stadtoberhaupt müsse sich von seinen Äußerungen distanzieren.

Fehling fehlt die belastbare Machtbasis. 2011 ist er in einer Stichwahl Bürgermeister von Bad Hersfeld geworden, damals noch als FDP-Mitglied, denkbar knapp mit 50,7 Prozent und ohne eigene Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Vor zweieinhalb Jahren geriet der inzwischen parteilose Kommunalpolitiker in ganz anderer Rolle als heute landesweit in den Blickpunkt - als Kämpfer gegen Rechts. Er handelte sich eine Strafanzeige der NPD und einen Rüffel des Verwaltungsgerichts ein, weil er vor der Landtagswahl Hetzplakate entfernen ließ: "Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma" stand darauf geschrieben.

Reine Privatsache

Ob er nun wegen des "Brandstifter"-Vorwurfs wirklich vor Gericht ziehen wird, lässt Bad Hersfelds Bürgermeister offen. Inzwischen ist er aber in mehreren Etappen zurückgerudert. Noch am Wochenende verlängerte er den umstrittenen Facebookeintrag um einen Satz: "Ich will hier nochmal ergänzen, dass mit diesem Post die Kriminellen gemeint sind, die in der Silvesternacht in Köln, Hamburg und in anderen Orten Frauen belästigt, angegriffen oder sogar vergewaltigt hatten."

Am Montag ließ er einen Pressesprecher der Stadt zunächst ausrichten: Er habe sich als Privatmann geäußert, nicht als Bürgermeister. Später dann doch eine längere offizielle Pressemitteilung aus dem Rathaus. "Meine persönlichen Äußerungen haben hingegen auch zu Irritationen in den sozialen Netzwerken geführt, als wolle ich einer generellen Verurteilung oder gar einer Kriminalisierung von Asylbewerbern oder Flüchtlingen Vorschub leisten. Dies war ganz sicher nicht meine Absicht", heißt es darin unter anderem.

Dienstags äußerte sich Fehling dann doch persönlich. Im Interview mit hr-iNFO bezeichnete er es als nicht nachvollziehbar, "dass wir jetzt eine Diskussion über Worte und Begriffe führen und die Taten dabei in den Hintergrund gedrängt werden.“ Ob er seinen Post noch einmal wiederholen würde? Ja, aber. "Ich würde es beim nächsten Mal vielleicht etwas anders formulieren.“

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