Potenzialanalyse Neu-Isenburg
Wo liegen die eigenen Stärken, welcher Job würde passen? Eine Potenzialanalyse will das bei jungen Flüchtlingen in Neu-Isenburg herausfinden. Mit dabei sind Aimal aus Afghanistan (ganz rechts) und Abdarachma aus Algerien (links). Bild © Andreas Bauer (hr)

Wer ist für welchen Job geeignet? Das will die Stadt Neu-Isenburg mit einem Assessment-Center für Flüchtlinge herausfinden - ein Pilotprojekt. Dabei lernen die Flüchtlinge auch, wie wichtig es ist, pünktlich zu sein.

Eine Brücke bauen - nur mit Papier, Kleber und Schere. Mehr Hilfsmittel gibt es nicht. Die erste Herausforderung an 16 junge Asylbewerber, die an dem dreiwöchigen Assessment-Center der Stadt Neu-Isenburg teilnehmen.

Die acht Frauen und acht Männer aus Afghanistan, Somalia, Eritrea, Algerien und dem Iran werden in einem Pilotprojekt der Stadt auf das Berufsleben in Deutschland vorbereitet. Das Ganze nach dem Vorbild von Unternehmen, die mit Assessment-Centern gezielt Bewerber scannen. Die 16 jungen Asylbewerber gehören zu jenen rund 200 Flüchtlingen, die in der Stadt ein neues Zuhause gefunden haben.

"Zeigt viel über Fähigkeiten und Charakter"

Juliane Timmerberg ist Pädagogin beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft und begleitet die Flüchtlinge. Die Bastel-Aufgabe verrät ihr viel über die persönlichen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften.

"Einige Teilnehmer haben sich im Vorfeld als kommunikationsstark eingeschätzt. Während der Gruppen-Aufgabe haben sie sich aber sehr zurückgehalten", berichtet sie. "Dafür habe ich dann andere Kompetenzen gesehen, wie Konzentrationsfähigkeit oder Sorgfalt."

Juliane Timmerberg vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft berät die Jugendlichen
Juliane Timmerberg vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft berät die Jugendlichen. Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Das Assessment-Center soll helfen, die Asylbewerber auf einen Job in Deutschland vorzubereiten. Und vor allem, den Job zu finden, der am besten zu ihren Voraussetzungen passt. Dazu lernt jeder Teilnehmer an mehreren Praktikumstagen ganz unterschiedliche Branchen kennen.

Berufswünsche treffen auf Realität

Zu dem Konzept gehört auch, dass die Flüchtlinge zunächst mit Berufen vertraut gemacht werden, in denen die Hürden für den Einstieg nicht allzu hoch liegen: Hotel- und Gaststättengewerbe, Gebäudereinigung, Einzelhandel oder Garten- und Landschaftsbau. 

Dabei sehen die eigenen Berufswünsche oft anders aus. Die 19-jährige Zainab aus dem Iran sagt, ihr Traum sei es, am Frankfurter Flughafen zu arbeiten, vielleicht als Stewardess. "Oder Dolmetscherin zu werden."

Die 19-jährige Zainab beim Brückenbauen - später mal will sie richtig abheben und vielleicht Stewardess werden.
Die 19-jährige Zainab (re.) beim Brückenbauen - später mal will sie richtig abheben und vielleicht Stewardess werden. Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Der 22-jährige Aimal aus Afghanistan lebt schon seit drei Jahren in Deutschland. Seine Familie habe in seiner Heimat eine Apotheke, erzählt er. Darum ist sein Traumjob schon lange fest zementiert: "Ich möchte ein guter Apotheker sein", sagt Aimal. Seinen ersten Praxistag soll er in einer Drogeriefiliale verbringen.

Zu den im Assessment-Center vorgestellten Berufen passt da am ehesten noch der Berufswunsch von Abdarachma aus Algerien. Der 24-Jährige hat in seiner Heimat als Trockenbauer gearbeitet. Er brennt schon auf den Praxistag bei einem Maler- und Lackierbetrieb. Sein erster Praxistag führt ihn aber erstmal in den städtischen Abfall-Entsorgungsbetrieb.

Arbeitzeiten einhalten, pünktlich und zuverlässig sein

Einige der Jugendlichen haben in ihrer alten Heimat eine Ausbildung absolviert oder sogar einen Abschluss gemacht, berichtet Timmerberg. Allerdings hadern einige mit der Erkenntnis, dass ihre Abschlüsse in Deutschland  meistens nicht voll anerkannt werden.

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Potentialanalyse von Flüchtlingen in Neu-Isenburg

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zum Audio Schritte in die Arbeitswelt: Pilotprojekt mit Flüchtlingen in Neu-Isenburg

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"Wir versuchen die Jugendlichen darauf vorzubereiten, dass sie am Anfang vielleicht erst einmal einen Beruf ausüben, um die Sprache zu lernen", sagt die Pädagogin Timmerberg. Es geht darum erst mal zu lernen, wie die Arbeitswelt in Deutschland funktioniere.

"Dass man pünktlich ist und seine Arbeitszeiten einhält, dass man zuverlässig ist", sagt sie. Viele müssten sich mit dem Gedanken anfreunden, zunächst erstmal einen Job zu machen, der nicht ihrer Ausbildung entspricht.

Bürgermeister: "Integration in den Arbeitsmarkt"

Angeschoben hat das Projekt der Bürgermeister der Stadt. "Ich glaube, das ist ein wichtiger Anfang im Hinblick auf die Integration in den Arbeitsmarkt. Ich hoffe, dass wir das noch weiter ausdehnen können", sagt Herbert Hunkel (parteilos).  

Ein Isenburger Unternehmer habe ihn auf die Idee mit dem Assessment-Center für Flüchtlinge gebracht, berichtet der Bürgermeister. Daraufhin ist er auf die örtliche Wirtschaft zugegangen und hat in vielen Gesprächen Überzeugungsarbeit geleistet. Inzwischen haben 20 Unternehmen Praktikumsplätze und auch Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt, berichtet er.

hessenschau.de schaut in den kommenden Wochen und Monaten, wie es weitergeht mit Aimal, Agdim und anderen Asylbewerbern in Neu-Isenburg. Die Redaktion verfolgt in einem Langzeitprojekt, wie die Integration von Flüchtlingen in der Hugenottenstadt funktioniert.

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