Fuldas Bischof Heinz-Josef Algermissen
Hilfsbereitschaft versus Ellenbogenmentalität: Fuldas Bischof Heinz-Josef Algermissen Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Wir schaffen das schon? Fuldas Bischof Heinz-Josef Algermissen hält die Merkel-Losung für eine "wurstige" Formel, die bei der Lösung der Flüchtlingskrise nicht reichen wird. Auch seine Amtskollegen widmen sich in ihren Neujahrsbotschaften dem Thema, das 2015 dominierte.

"Große Herausforderung", "zentrale Aufgabe", "mögliche Epochenschwelle": In den Mittelpunkt ihrer Neujahrsbotschaften haben die Bischöfe Heinz-Josef Algermissen (Fulda), Karl Kardinal Lehmann (Mainz), Weihbischof Thomas Löhr (Limburg) und Kirchenpräsident Volker Jung von der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) die Flüchtlingskrise gerückt. Skeptisch äußerte sich Algermissen: Für ihn ist noch nicht entschieden, ob die reiche deutsche Gesellschaft wirklich bereit sei, "spürbar zu teilen".

"Oberflächliche bis wurstige" Formulierungen wie "Wird alles nicht so schlimm!" oder die Merkel-Losung"Wir schaffen das schon!" reichten keinesfalls aus, sagte er in seiner Predigt am Silvestertag im Fuldaer Dom. Derzeit gebe es zwar eine enorme Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge, aber auch eine "rücksichtslose Ellenbogenmentalität beim Verteilungskampf".

Algermissen kritisierte, Religion werde in Deutschland immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. Auch an Solidarität mit verfolgten Christen im Orient fehle es. Der Schritt von einer geistlich entkernten Gesellschaft hin zum "gewissenlosen Menschen" sei nicht weit.

Lehmann: Anzeichen einer Epochenschwelle

Kardinal Lehmann
Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Angesichts der Fluchtwelle, aber auch des Klimawandels stehen Deutschland und die Welt nach Einschätzung des Mainzer Bischofs Lehmann vielleicht an einer "Epochenschwelle". Vertreibung und Flucht habe es zwar schon von Beginn der Menschheit an gegeben, sagte der Kardinal. Doch die Schere zwischen Reichen und Armen sei noch weiter auseinandergegangen.

"Jetzt spüren wir, wie die Menschen in den betroffenen Ländern sich nicht mehr einfach vertrösten lassen“, sagte Lehmann. Er dankte den vielen haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern.

Löhr: Viele haben Berufung neu entdeckt

Thomas Löhr
Limburgs Weihbischof Thomas Löhr Bild © picture-alliance/dpa

Auch der Limburger Weihbischof Thomas Löhr hat in seiner Silvesterpredigt den Blick auf die Situation von Flüchtlingen gerichtet. Was in Deutschland in den vergangenen Monaten geleistet wurde, um Schutzsuchende willkommen zu heißen, müsse zutiefst dankbar machen. "Viele haben darin neu ihre Berufung und Sendung entdeckt. Und das zusammen mit so vielen Menschen guten Willens, die andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen haben", lobte Löhr am Donnerstagabend im Frankfurter Dom.

Ganz praktisch sei die Gesellschaft so auf die Werke der Barmherzigkeit gestoßen worden, die in dem von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahr ihren festen Platz haben sollten.

Jung: "Alle brauchen Trost"

"Es ist großartig, wie sich Tausende in unserem Land ganz praktisch für andere einsetzen", lobte auch EKHN-Präsident Jung. Diese Hilfsbereitschaft zeige, dass es sich trotz einer vielfach trostlos erscheinenden Weltlage lohne, mit Gottes Hilfe nach Trost zu suchen.

EKHN-Präsident Volker Jung
EKHN-Präsident Volker Jung Bild © picture-alliance/dpa

Zuwendung bräuchten aber nicht nur Menschen, die vor Krieg und Not Zuflucht in Europa suchten, sagte Jung. Es gehe auch um diejenigen, die sich angesichts der Fluchtwelle "bei uns überfordert, unsicher und unbeachtet fühlen".

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