Schüler arbeiten mit Tablets im Unterricht
Schüler arbeiten mit Tablets im Unterricht Bild © picture-alliance/dpa

Smartphone, Tablet, Notebook im Unterricht: Die einen halten das "digitale Klassenzimmer" für unabdingbar, um Schüler für das Berufsleben fit zu machen. Andere warnen vor einer Häppchen-Kultur. hessenschau.de zeigt die Positionen.

Ein "digitales Klassenzimmer" bietet jedem Schüler über ein Handy, Tablet oder Laptop einen Zugang zum Internet. Dazu gehören ein stabiler Breitbandzugang, ein interaktives Whiteboard und eine Druckerfunktion. Die meisten Schulen sind allerdings nicht so ausgerüstet. Und die meisten Lehrer sind nicht in der Lage, in einem solchen Klassenzimmer einen entsprechenden Unterricht anzubieten.

Digitales Klassenzimmer
Für die Studie "Schule Digital. Der Länderindikator 2015" befragte die Deutsche Telekom Stiftung Lehrer in allen Bundesländern danach, wie häufig sie digitale Medien im Unterricht nutzen. Bild © Deutsche Telekom Stiftung/ hr
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Schule Computer digital

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Hessens Landesregierung verfolgt auf politischer Ebene keine explizite Strategie zum digitalen Lernen in Schulen, will aber laut Kultusminister Alexander Lorz (CDU) in die Aus- und Fortbildung der Lehrer in diesem Punkt investieren. In der Tat gibt es Nachholbedarf: In Hessen nutzen 75 Prozent der Lehrer der Studie "Schule Digital. Der Länderindikator 2015" zufolge weniger als einmal wöchentlich digitale Medien im Unterricht. Damit liegt Hessen im Vergleich zu den anderen Bundesländern auf dem vorletzten Platz. Doch was bedeutet das? Zwei Experten, zwei Meinungen:

Pro: Handys und Tablets machen das Lernen flexibler

"Schon als Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, haben die Menschen jahrelang versucht, die alte mediale Form des Kodex beizubehalten", beschreibt Torsten Larbig, Studienrat an der Schillerschule in Frankfurt und Lehrbeauftragter am Institut für Pädagogik an der TU Darmstadt die Vorbehalte vieler Menschen gegenüber "neuen" Medien. Aber damals wie heute habe der Wandel stattgefunden. Larbig plädiert dafür, diesen Wandel an den Schulen vernünftig zu begleiten und auch zu gestalten. "Als Schule haben wir einen Bildungsauftrag, in dem es auch darum geht, die Kinder und Jugendlichen für den Berufseinstieg fit zu machen."

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Schulträger kümmern sich um Ausstattung

In Hessen sind die Schulträger selbst für die Computer-Ausstattung verantwortlich. Unter anderem finanzieren Sponsoren die PCs. Im Kreis Offenbach werden die Schul-PCs allerdings weggekürzt, auf neun Schüler soll künftig nur noch ein Rechner kommen.

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70 Prozent der Berufe, die es in 20 Jahren geben werde, kenne man heute noch nicht, so Larbig. Klar sei aber, dass sie alle hohe Kompetenzen mit digitalisierten Medien fordern werden. "Die Schulen verweigern sich da ein Stück weit, aber Tatsache ist, wir arbeiten ja heute schon unter den Bedingungen der Digitalisierung. Die Frage ist doch: Begleiten wir die Schüler jetzt vernünftig, oder lassen wir sie allein?"

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Handys und Tablets im Unterricht seien eine Möglichkeit, neue Lernzusammenhänge zu nutzen, etwa mit der Arbeit über Suchbegriffe, Wörterbuchfunktionen, oder statistische Verfahren. Die Integration neuer Medien in den Unterricht ermögliche ein dynamischeres, flexibleres und individuelleres Lernen. "Diese Chance sollten wir in den Schulen nutzen. Ich bin mir sicher, dass es hilfreich wäre, wenn jeder Schüler die Möglichkeit hätte, digital zu arbeiten."

Contra: Digitalisierung kann Lernen verhindern

Kritischer äußerte sich Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) zur Digitalisierung im Klassenzimmer. Es könne ja sein, dass Schüler heute aufgrund von neuen Informationstechniken über mehr Informationen über die Welt verfügen können als Voltaire, Kant und Goethe zusammen. "Aber dass wir heute klüger sind als unsere Väter, Großväter oder Urgroßväter, das ist doch sehr zu bezweifeln", so Kraus.

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Das Klassenzimmer der Zukunft - Kreide oder Tablet?

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Die Digitalisierung im Klassenzimmer führe lediglich zu einer Häppchen-Kultur, die Inhalte würden nicht mehr richtig aufgenommen und die Schüler mehr abgelenkt als echt gebildet. "Das meiste, was das Internet bietet, kann auch in einem Buch oder in der Zeitung nachgeschlagen werden". Außerdem bliebe immer das Handgeschriebene besser im Gedächtnis, als das am Computer Verfasste.

"Kommunikation soll unmittelbar und sozial bleiben"

Das Ergebnis multimedialer Vernetzung im Klassenzimmer könne eine Art Kasper-Hauser-Syndrom sein. "Damit wäre man bei einem Punkt angekommen, wo Information Kommunikation tötet, weil sich jeder nur noch das an Information sucht, was er braucht, und nur noch darüber redet." Hardware und Software seien sicher unschlagbar im Suchen, Speichern und Rechnen. Trotzdem plädiert Kraus, Schule solle bei einer Kommunikation bleiben, die "unmittelbar, personal, sozial und damit human" sei.

"Eine Komplettversorgung der Schulen, also eines jeden einzelnen Schülers mit einem schulischen Computerarbeitsplatz, ist nicht notwendig und auch nicht erstrebenswert." An allgemeinbildenden Schulen sei es ausreichend, wenn auf je zwanzig Schüler ein Rechner komme.

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