Historikerin Sybille Steinbacher
Sybille Steinbacher Bild © Jörg Puchmüller, Goethe-Universität Frankfurt

An der Frankfurter Goethe-Universität ist - zum ersten Mal in Deutschland - eine "Holocaust-Professur" eingerichtet worden. Die Historikerin Sybille Steinbacher soll hier zu diesem Thema forschen und lehren. Die Gegenwart hat sie dabei fest im Blick.

Aufgewachsen ist Sybille Steinbacher in Bayern im Landkreis Dachau - und das hat sie geprägt. Denn schon als Jugendliche erlebte sie, wie die Stadt Dachau sich lossagen wollte von der historischen Erinnerung, die mit dem KZ Dachau verbunden ist.

Die "braven Bürger" und das KZ

Um eine Jugendbegegnungs- und Gedenkstätte auf dem KZ-Gelände wurde damals Anfang der Achtzigerjahre heftig gestritten. "Der damalige Bürgermeister hatte die Formel geprägt, es gebe das eine und das andere Dachau", erinnert sich Steinbacher. "Das eine Dachau sei die Stadt der Künstlerkolonie im 19. Jahrhundert und das sei doch wichtiger als die Geschichte des anderen Dachau, des Dachau der zwölf Jahre der NS-Zeit."

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Interview mit Sybille Steinbacher

Die Sendung hr-iNFO Das Interview läuft am Mittwoch 21. Juni, um 19.30 und 21.30 Uhr (Wiederholung: Samstag, 24. Juni, 10.00 und 18.30 Uhr sowie Sonntag, 25. Juni, 14.00 Uhr). Den Podcast zur Sendung finden Sie hier.

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Sybille Steinbacher begann, die Beziehungen zwischen den braven Bürgern von Dachau und dem Konzentrationslager zu erforschen. Und diese Beziehungen waren intensiv - wirtschaftlich, sozial, sogar in der Presse wurde über das KZ berichtet. So habe es in Dachauer Zeitungen eine Rubrik "Aus dem Konzentrationslager" mit kleinen Meldungen gegeben. Die SS-Leute seien in Dachauer Brauhäuser gegangen. Örtliche Bäcker und Handwerker belieferten das KZ.

Das Thema hat Sybille  Steinbacher nicht mehr losgelassen. Und so widmete sich die Historikerin immer wieder der Frage, wie weit die deutsche Gesellschaft eingebunden war in die Deportation und Ermordung der europäischen Juden. "Es geht nicht nur um diejenigen, die geschossen haben in den Massenexekutionen oder die, die die Gaskammern bedient haben", sagt Steinbacher, "sondern um alle, die in irgendeiner Weise dabei gewesen sind, Akteure gewesen sind – sei es bei der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung oder im Prozess der Entrechtung und Ausgrenzung."

Ausgerechnet im IG-Farben-Haus

Hauptgebäude der Goethe-Universität in Frankfurt
Das frühere IG-Farben-Haus, heute Hauptgebäude der Goethe-Universität Bild © picture-alliance/dpa

Sybille Steinbacher ist überzeugt: "Jede Generation stellt ihre eigenen Fragen an die NS-Zeit." Dazu will sie auch ihre Studierenden an der Frankfurter Goethe-Universität ermuntern. Ihr Büro im Fritz Bauer Institut, das sie parallel zu ihrer Professur leitet und das an die Frankfurter Uni angebunden ist, hat sie schon bezogen. Doch noch stehen die Bücherkisten unausgepackt herum. Absender: die Universität Wien, wo Steinbacher zuvor eine Professur für vergleichende Genozidforschung hatte. Dass sie jetzt in Frankfurt ausgerechnet im früheren IG-Farben-Haus der Goethe-Universität residiert, berührt sie besonders. Denn das Chemieunternehmen IG-Farben hatte von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter in Auschwitz massiv profitiert.

Wenn Sybille Steinbacher auch nach mehr als 70 Jahren ihre Arbeitskraft der Holocaust-Forschung widmet, dann tut sie das doch immer mit Blick auf die Gegenwart. "Es ist ja heute Teil unserer politischen Kultur, dass wir einen offenen und sehr selbstkritischen Umgang mit der NS-Geschichte haben", sagt Steinbacher. Rechtspopulisten, die das in Frage stellten, dürfe man nicht nachgeben. Vielmehr müsse man sehr klar machen, "dass die Massenverbrechen des Nationalsozialismus kein Unfall gewesen sind und nichts, was je verjährt". Dazu beizutragen, darin sieht Sybille Steinbacher ihre wichtigste Aufgabe als erste Holocaust-Professorin an einer deutschen Universität.

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