Radfahrer im Stadtverkehr
Es sind nicht alles "Rüpelradler". Viele Radfahrer fahren korrekter, als Autofahrer es glauben wollen. Bild © picture-alliance/dpa

"Der fährt mitte uff de Gass!", "Der gehört auf den Radweg!", "Der muss doch am Zebrastreifen absteigen!" - Radfahrer sind der Lieblingsfeind vieler Autofahrer. Oft beruht dieser Ärger auf Unkenntnis, sagen Frankfurter Verkehrsexperten. Ein Überblick über Mythen und Fakten.

Egal ob im Auto oder auf dem Rad, diese Situation kennen viele: Ein Fahrrad fährt voraus, zum Überholen ist nicht genug Platz. Vor allem Autofahrer sehen sich hier schnell im Recht und werden sauer, wenn der Radler nicht weit genug rechts fährt. Mit Rüpelradlertum hat das allerdings nichts zu tun. hessenschau.de zeigt die populärsten Irrtümer über Radler-Rechte.

1. "Radfahrer müssen immer den Radweg benutzen."

Einer der größten Irrtümer überhaupt. Er ist so tief verwurzelt, dass sich inzwischen sogar der Petitionsausschuss des Bundestags damit befasst. Ein Berliner hat dort gefordert, dass die Bevölkerung besser aufgeklärt werden müsse. Die seit vielen Jahren geltende Rechtslage lautet so: Radwege müssen nur benutzt werden, wenn ein blaues Schild einen Radweg oder einen gemeinsamen Rad- und Fußweg anzeigt - und damit die sogenannte Benutzungspflicht anordnet. Wenn kein blaues Schild da ist, kann der Radfahrer auf jeden Fall die Straße benutzen - und zwar in der unter Punkt 2. beschriebenen Fahrweise.

Fahrradspur mit Radweg-Schild
"Benutzungspflicht": Hier muss der Radweg bzw. die Radspur befahren werden. Bild © picture-alliance/dpa

Doch selbst wenn ein blaues Schild vorhanden ist, müssen Radfahrer den Radweg nicht zwingend benutzen. Ist er zugestellt, die Fahrbahn nicht geräumt, verschmutzt oder zu stark beschädigt, können sie ebenfalls auf die Straße ausweichen. Da ein Autofahrer oft nicht sehen kann, wie der Radweg beschaffen ist, steht es ihm kaum zu, einen auf der Straße fahrenden Radler zu kritisieren. Zurechtweisendes Anhupen ist ohnehin verboten.

In Frankfurt werden seit etwa zwei Jahren vermehrt Fahrrad-Piktogramme und Radspuren auf Fahrbahnen oder Radwegen aufgebracht, sagt Carsten Kehr vom Verkehrsüberwachungsdienst der Polizei. Die dienen aber vor allem dazu, auf den Radverkehr aufmerksam zu machen. Verpflichtend seien die Piktogramme allein aber nicht.

2. "Radfahrer müssen so weit rechts wie möglich fahren."

Das Rechtsfahrgebot gilt zwar auch für Radfahrer, erklärt Kehr. Allerdings muss ein Radfahrer auch einen ausreichenden Sicherheitsabstand zum rechten Fahrbahnrand halten. Je nach Situation sollten das knapp 1 Meter bis 1,5 Meter sein - und zwar gemessen ab dem Ende des Lenkers. Der Radfahrer selbst kann sich dann auf schmaleren Straßen oder Spuren durchaus auch mal in der Fahrbahnmitte befinden. Hintergrund ist die mögliche Unfallgefahr zum Beispiel durch aufgehende Türen parkender Autos sowie die Tatsache, dass Radfahrer immer mal Schlenker fahren können oder Unebenheiten ausweichen müssen.

Ein Radfahrer wird von einem Geländewagen überholt.
Beim Überholen von Radfahrern sind 1,5 Meter Abstand das Minimum. Bild © picture-alliance/dpa

Falsch verhält sich hier vor allem der Autofahrer, der dem Radler zu dicht auffährt oder ihn zu knapp überholt. Das kann als Nötigung oder Gefährdung des Straßenverkehrs ausgelegt werden. Der seitliche Abstand beim Überholen muss mindestens 1,5 Meter betragen - und zwar auch dann, wenn eine Radspur vorhanden ist. Bei besonderen Gegebenheiten oder wenn ein Kind transportiert wird, muss der Abstand mindestens 2 Meter sein (OLG Frankfurt: 2 Ss 478/80, OLG Karlsruhe, 10 U 102/88).

3. "Radfahrer dürfen den Radweg nur in eine Richtung benutzen."

Meistens richtig. Manchmal aber auch nicht. Die Verwirrung ist hier leider groß. Es gibt nämlich auch in Ortschaften sogenannte Zweirichtungs-Radwege, und zwar vor allem an Hauptstraßen, die nur an einer Seite einen Radweg haben. Manchmal sind die Fahrtrichtungen auf der Fahrbahn markiert - manchmal auch durch Schilder, erklärt Kehr. Fehlt beides, ist nur eine Richtung erlaubt. Wer trotzdem unerlaubt falsch fährt, riskiert außer einem Unfall auch ein Ordnungsgeld. Autofahrer sollten jedenfalls bei Radwegen davon ausgehen, dass auch mal ein Radler von rechts kommen kann.

4. "Radfahrer dürfen nicht über Zebrastreifen fahren."

Radfahrer auf einem Zebrastreifen
Fahren über den Zebrastreifen ist erlaubt, jedoch nicht mit den Rechten eines Fußgängers. Bild © picture-alliance/dpa

Sie dürfen. Jedoch sind sie anders als Fußgänger nicht bevorrechtigt, sondern müssen warten, bis frei ist oder ein Autofahrer anhält. Dass Radfahrer am Zebrastreifen absteigen müssen, ist Quatsch. Steigen sie jedoch ab oder benutzen das Rad wie einen Roller, sind sie damit automatisch Fußgänger und bevorrechtigt. Doch selbst bei Unfällen zwischen Auto und fahrenden Radlern haben Gerichte Radfahrern schon einen anteiligen Schadenersatz zugesprochen, wenn diese sich nur langsam dem Überweg genähert haben (AG Köln: 266 C 135/83, AG Brakel: 7 C 676/95).

5. "Radfahrer dürfen nicht nebeneinander fahren."

Im Normalfall ist das auf der Straße generell richtig, sagt Bertram Giebeler, Verkehrsexperte vom Fahrradclub ADFC in Frankfurt. Radfahrer dürfen sich aber überholen. Nebeneinander fahren dürfen sie auch auf sogenannten Fahrradstraßen, von denen es in Städten jedoch meist nur wenige gibt, und wenn sie den Verkehr nicht behindern.

6. "Radfahrer dürfen nicht mit Kopfhörer fahren."

Radfahrer mit Kopfhörern
Nicht verboten: Musikhören auf dem Rad. Es darf aber nicht die Teilnahme am Verkehr stören. Bild © picture-alliance/dpa

Das Auto-Adäquat hierzu würde wohl heißen: "Autofahrer müssen mit offenem Fenster fahren". Kopfhörer oder Ohrstöpsel dürfen getragen werden. Der Radfahrer muss aber das Verkehrsgeschehen mitbekommen - Musik darf nicht zu laut sein. Wie laut, hängt vom Einzelfall ab, sagt Verkehrsüberwacher Kehr. Reagiere ein Radfahrer nicht auf Signale der Polizei, mache das den Eindruck, dass er den Verkehr nicht wahrnimmt. Wer mit zu lauter Musik unterwegs ist, kann schon mal eine Verwarnung kassieren - übrigens auch als Autofahrer.

7. "Radfahrer dürfen sich nicht zum Linksabbiegen einordnen."

Natürlich dürfen sie. Sollen sie sogar, sagt Kehr. Nach den Urteilen zur weitgehenden Aufhebung der Benutzungspflicht (u.a. OLG Hamm: 27 U 2/89) dürfen Radwege zum Linksabbiegen verlassen werden. Diffus wird es aber bei der Frage, wie weit sich ein Radfahrer vorher auf der Fahrbahn einordnen soll. [Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, beim Linksabbiegen gehe die Benutzungspflicht eines Radwegs vor.] Entschieden wurde vor Gericht übrigens auch, dass ein Radfahrer beim Abbiegen nicht dauerhaft seinen Arm ausstrecken muss. Je nach Verkehrslage und Kreuzungsgröße muss aber jeder Radfahrer für sich entscheiden, ob er sich zutraut, sich auf einer dreispurigen Straße links einzuordnen, oder ob er lieber erst über die Kreuzung fährt und dann ein zweites Mal auf Grün wartet.

8. "Radfahrer dürfen nicht gegen Einbahnstraßen fahren."

Ein Zusatzschild erlaubt das Radfahren gegen die Einbahnstraße
Ein Zusatzschild erlaubt das Radfahren gegen die Einbahnstraße Bild © Gemeinfrei (CC0), Kombi: hessenschau.de

Grundsätzlich stimmt das, erklärt ADFC-Verkehrsexperte Giebeler. Allerdings werden zunehmend Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radfahrer freigegeben. Frankfurt erlaubt seit vielen Jahren das Fahren gegen die meisten Einbahnstraßen. Doch es gibt auch Ausnahmen, zum Beispiel enge Straßen mit Linienbusverkehr. Umstritten war lange Zeit die belebte Berger Straße in Frankfurt: Sie wurde erst vor kurzem freigegeben. Das Fahren in Gegenrichtung ist nur bei entsprechender Beschilderung erlaubt. Fehlt diese, gilt die Einbahnstraße auch für Radfahrer.

9. "Radfahrer ohne Helm sind selbst schuld."

Wie in den meisten EU-Ländern besteht auch in Deutschland keine Helmpflicht für Radfahrer, sagt Bertram Giebeler vom ADFC. Demnach bestehe auch versicherungsrechtlich keine Helm-Relevanz. Bei der Schuldfrage nach dem Unfallverursacher könne es ohnehin keine Rolle spielen, ob der Radler mit oder ohne Helm unterwegs war.

10. "In Fußgängerzonen müssen Radfahrer absteigen."

Das hängt davon ab, wie die jeweilige Kommune es regelt. Oberstes Gebot ist eine besondere Rücksicht auf die Fußgänger, die grundsätzlich Vorrang haben. In Frankfurt ist Radfahren in Fußgängerzonen mit Schrittgeschwindigkeit erlaubt. In Kassel und Gießen muss zu bestimmten Zeiten geschoben werden. Darmstadt verbietet das Fahren in bestimmten Abschnitten und auf einer bestimmten Gefällstrecke ganz.

11. "Radfahrer dürfen nicht an Autoschlangen vorbeifahren."

Radfahrer im Stadtverkehr
Radfahrer dürfen laut StVO am Stau vorbeifahren. Bild © picture-alliance/dpa

Dürfen sie doch. Die StVO (§ 5 Abs. 8) erlaubt das rechte Vorbeifahren bei "ausreichendem Raum ... mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht". An vielen Kreuzungen gibt es inzwischen offiziell für Radler markierte Wartebereiche vor den Autos, die oft nur durch Vorbeifahren am Stau zu erreichen sind.

Weitere Informationen

Grundregeln gelten auch für Radler

Bevor Autofahrer jetzt Schnappatmung bekommen: Natürlich haben Radfahrer auch viele manchmal verkannte Pflichten: Allen voran das Beachten von Ampeln und die Rechts-vor-Links-Regel sowie eine korrekte Beleuchtung. Die Grundregeln dürften den meisten Radfahrern zumindest bekannt sein. Thema dieses Artikels sind vor allem die Punkte, die im Alltag auf beiden Seiten immer wieder zu Missverständnissen führen.

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Autofahrer oder Radfahrer - wer fährt rücksichtsloser? Worüber ärgern Sie sich am meisten?

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