Stipendiatin Hannah Nowack
Medizinstudentin Hannah Nowack aus Romrod will Landärztin im Vogelsbergkreis werden. Bild © picture-alliance/dpa, Hannah Nowack

Im Vogelsbergkreis haben die Menschen hessenweit die längsten Wege zu einem Hausarzt. Medizinstudenten können von dem Landärzte-Mangel profitieren. Wer wie Hannah Nowack Lust auf den Job in der Provinz hat, dem bietet der Kreis ein Stipendium von 400 Euro im Monat.

Hannah Nowack weiß genau, wie ihre Zukunft in zehn Jahren aussehen wird: Sie ist dann Hausärztin, wohnt und arbeitet im Vogelsbergkreis. Umentscheiden sollte sich die 22 Jahre alte Medizinstudentin aus Romrod nicht. Dann müsste sie ihr Stipendium zurückzahlen - in ihrem Fall insgesamt etwa 15.600 Euro.

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Der Deal: Geld gegen Zeit

Geld gegen Zeit - das ist die Abmachung des Stipendiums des Vogelsbergkreises. 400 Euro investiert der Landkreis monatlich in die angehende Allgemeinmedizinerin (Details hier). Im Gegenzug verpflichtet sie sich, etwa acht Jahre nach ihrem Studium im Vogelsbergkreis zu bleiben: während ihrer fünfjährigen Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin und drei Jahre als praktizierende Hausärztin.

Für die Studentin ist das Stipendium eine finanzielle Entlastung, für den Vogelsbergkreis die Hoffnung, den Ärztemangel auf dem Land langfristig zu bekämpfen. Jedes Jahr vergibt der Landkreis vier Stipendien - drei Plätze für angehende Allgemeinmediziner, einen Platz für einen Mediziner im öffentlichen Dienst.

Zu wenig Ärzte im Vogelsbergkreis

In den kommenden Jahren droht die medizinische Versorgung in dem osthessischen Landkreis zu einem noch größeren Problem werden. Schon heute muss ein Patient im Durchschnitt 8,1 Kilometer bis zu einem Hausarzt zurücklegen - laut Kassenärztlicher Vereinigung die längste Distanz, die ein Bewohner in Hessen durchschnittlich zum nächsten Hausarzt braucht.

Aufgrund der Altersstruktur der niedergelassenen Mediziner würden kurz- und mittelfristig einige Ärzte in den Ruhestand gehen, sagt Erich Ruhl-Bady, Pressesprecher des Landkreises. Von derzeit rund 72 Hausärzten würden im Jahr 2020 nur noch 52 Ärzte praktizieren.

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, gibt es seit Oktober das Stipendiatenprogramm für Medizinstudierende im Vogelsbergkreis. "Wir wollen mit dem Stipendium das Fach Allgemeinmedizin und den Vogelsbergkreis als Arbeitsplatz bei jungen Medizinern beliebter machen", sagt Sigrid Stahl, die sich um das neue Angebot kümmert. Sie ist die Leiterin des Weiterbildungsverbunds "medizin +" im Vogelsbergkreis, der durch Aus- und Weiterbildungsangebote Mediziner an die Region binden möchte.

"Ein Statement zum Vogelsbergkreis"

Hannah Nowack ist eine der ersten zwei Stipendiaten des Landkreises. Sie studiert Medizin an der Universität in Göttingen, im siebten Fachsemester. Drei Jahre dauert es noch etwa, bis Hannah ihr Medizinstudium voraussichtlich beendet. Bis dahin wird sie vom Landkreis finanziell unterstützt. Arbeiten will sie später in ihrer Heimatstadt Romrod, auch noch nach ihrer Zeit, in der sie sich durch das Stipendium verpflichtet, in dem Landkreis zu arbeiten.

Die 22-Jährige möchte den Menschen im Vogelsbergkreis als Hausärztin etwas von dem zurückgeben, was sie dort von klein auf erfahren habe: Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt. "Das Stipendium ist ein Statement zum Vogelsbergkreis. Mein Lebensmittelpunkt ist dort, nicht in Göttingen", sagt sie. Schon ihre Praktika habe sie heimatnah verbracht - in Alsfeld, Schotten und Fulda.

 Stipendiatin Hannah Nowack am Schreibtisch
Hannah Nowack mit ihren Lernmaterialien am Schreibtisch. Bild © Hannah Nowack

Mehr Persönlichkeit, weniger Anonymität

Besonders beliebt ist der Beruf des Landarztes unter Medizinstudierenden nicht: Die Arbeit des Allgemeinmediziners sei zu oberflächlich, die Wege auf dem Land seien zu weit und die Patientenkontakte zu persönlich. Auch außerhalb der Arbeitszeiten könne man seinen Patienten begegnen.

Hannah Nowack sieht das anders. Gerade die Langzeitbetreuung von Patienten würden den Hausarzt-Beruf erst so spannend machen. "Man erlebt alles an Höhen und Tiefen des Patienten, ihren ganzen Werdegang. Vielleicht ab dem 18. Lebensjahr und dann bis ins hohe Alter", sagt sie. Im Gegensatz zur Stadt kenne man auf dem Land auch das soziale Umfeld der Patienten. "Es ist nicht alles so anonym. So kann man seine Patienten auch besser einordnen."

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So funktioniert das Stipendium

Der Vogelsbergkreis sucht für das Stipendiatenprogramm Studierende, die eine "hohe Affinität" zum Vogelsbergkreis mitbringen. Das könnte zutreffen, wenn das Elternhaus dort liege oder der Ehepartner bereits im Landkreis zuhause sei.

Die zweite Voraussetzung für Stipendiaten sei der Abschluss des ersten Staatsexamens im Medizinstudium. Deshalb nimmt der Landkreis erst Studierende ab dem 5. Semester in das Programm auf. So könne man mit größerer Sicherheit ausschließen, dass die Studierenden ihr Studium nicht noch abbrechen würden. In diesem Fall müssten die Stipendiaten dem Landkreis das Geld zurückzahlen.

Das Stipendium wird ab dem fünften Semester für maximal acht Semester (bis zum Ende der Regelstudienzeit) zuzüglich drei Monate für die Prüfungszeit gewährt. Das ist eine maximale Förderzeit von 51 Monaten. Bei einer monatlichen Förderung von 400 Euro beläuft sich der Geldwert des Stipendiums daher insgesamt auf maximal 20.400 Euro.

Das Stipendienprogramm ist zunächst befristet bis zum Jahr 2020. Dann wird das Programm evaluiert und über die Weiterführung ab dem Wintersemester 2020/21 entschieden. Für das Jahr 2017 sind im Haushalt des Kreises 20.000 Euro zur Finanzierung eingestellt.

Interessierte Medizinstudierende können sich das ganze Jahr über um einen Stipendienplatz bewerben. Der Einsendeschluss der Bewerbungsunterlagen ist jeweils der 31. Oktober. Die Bewerbungen gehen an diese Adresse.

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