Flüchtlingszelte in Marburg-Cappel
Die Erstaufnahme in Marburg-Cappel (Archivbild vom Juli 2015) Bild © hr

Bisher galt die Erstaufnahme für Flüchtlinge in Marburg als vorbildlich. Nun hat die Betreiberfirma European Homecare die Leiterin entlassen. Sie soll zu einfühlsam gewesen sein.

Die Entlassung der Leiterin der Erstaufnahme für Flüchtlinge in Marburg Ende vergangenen Jahres sorgt bei vielen weiterhin für Unverständnis. "Die Leiterin hatte aus meiner Sicht einen sehr engagierten persönlichen Umgang bis hin zu einem Vertrauensverhältnis mit den Flüchtlingen“, sagt der Ombudsmann für die Camp-Bewohner, der Marburger Rechtsanwalt Karl-Otto Beckmann. So habe sie etwa gemerkt, "wenn jemand weinend über den Hof lief". Ihre Professionalität habe sie dabei nicht verloren sowie Mitarbeitern und Flüchtlingen stets die Grenzen aufzeigen können. Die hauptamtliche Mitarbeiterin habe außerdem die Kooperation mit Ehrenamtlichen unterstützt, sagt Beckmann.

Unternehmenssprecher: "Empathie darf nicht zu weit gehen"

Die Betreiberfirma European Homecare, ein mittelständisches Familienunternehmen mit rund 1.500 Mitarbeitern, sah das aber anders. Das Unternehmen hat die Leiterin der Erstaufnahme Ende des vergangenen Jahres entlassen. Auf hr-Nachfrage hieß es von Unternehmenssprecher Klaus Kocks, zu den genauen Umständen dürfe er aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen nichts sagen. Nur so viel: Es habe an professioneller Distanz zur Aufgabe gefehlt. "Empathie darf nicht zu weit gehen", so der Sprecher. Eine religiöse Teilgruppe sei bevorzugt behandelt worden. Nach Informationen der "Oberhessischen Presse", die zuerst über die Vorfälle berichtet hatte, sollen das Christen gewesen sein.

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Ombudsmann Karl-Otto Beckmann hält diesen Vorwurf für "absurd“. Er habe keinerlei Beschwerden von muslimischen Flüchtlingen erhalten. Er sei täglich im Camp gewesen, nach seiner Beobachtung hat die Leiterin "alle gleich behandelt“. Auch Marburgs ehemaliger Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) wies den Vorwurf zurück. Der Politiker hatte sich bis zum Ende seiner Amtszeit im Dezember sehr für einen einfühlsamen Umgang mit Flüchtlingen eingesetzt und steht nach eigener Aussage ständig mit Campbewohnern und Ehrenamtlichen in Kontakt.

Ex-OB Vaupel fordert Vertragskündigung mit Betreiberfirma

"Wir brauchen Menschen mit Empathie, wir arbeiten doch nicht an irgendeinem Industriegut“, erklärte er sichtlich aufgebracht. "Ich finde es wirklich schlimm, dann zu sagen, das ist keine professionelle Arbeit." Für ihn sei das ein Grund, den Vertrag mit European Homecare zu kündigen.

Das hat das zuständige Regierungspräsidium Gießen (RP) aber nicht vor. Es gebe keine Differenzen mit dem Betreiber, sagte RP-Sprecherin Gabriele Fischer auf Nachfrage. Die in der Ausschreibung festgelegten Kriterien, dazu gehöre auch eine Sozialbetreuung, seien erfüllt. Es habe sich um das günstigste Angebot gehandelt, deshalb sei European Homecare ausgewählt worden. Das RP Gießen arbeite schon länger mit dem Unternehmen zusammen, es betreibe sechs Einrichtungen für Flüchtlinge in Mittelhessen.

European Homecare nicht zum ersten Mal in der Kritik

Doch das Essener Unternehmen steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. So soll es Schlägereien in von European Homecare betriebenen Einrichtungen und Misshandlung von Flüchtlingen durch Wachmänner gegeben haben. Auf seiner Homepage wirbt der soziale Dienstleiter damit, auf "respektvollen und nichtrepressiven Umgang" Wert zu legen. Es würden Konzepte entwickelt, "die zu einem effizienten und verantwortungsbewussten Einsatz öffentlicher Mittel führen“. Ferner werde die "ehrenamtliche Mitarbeit von Bürgern dankbar aufgenommen und verantwortbar organisiert".

Was "dankbar und verantwortbar" bedeutet, darüber haben European Homecare und Flüchtlingshelfer in Marburg nun offenbar unterschiedliche Auffassungen. Ombudsmann Karl-Otto Beckmann formuliert es so: "Ich finde, es gehört zur Sozialarbeit dazu, sich intensiv mit Problemen der Flüchtlinge zu beschäftigen." Das Regierungspräsidium Gießen hat jetzt angekündigt, mit den Beteiligten das Gespräch suchen zu wollen.

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