Beschimpft, bedroht, entlassen: Seit dem gescheiterten Putsch vor rund einem Jahr in der Türkei sind viele Akademiker geflohen. Zu ihnen gehört auch die Soziologin Latife Akyüz, die in Frankfurt Zuflucht fand. An ihre Heimat denkt sie mit gemischten Gefühlen.

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Latife Akyüz

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Türkische Akademikerin nach Frankfurt geflüchtet

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Ihr Zuhause ist ein kleines Wohnheim-Zimmer in Frankfurt, von ihrer Heimat ist sie tausende Kilometer entfernt. Wenn Latife Akyüz darüber spricht, wie es ihr geht, ist sie zerrissen. "Ich weiß nicht, ich habe irgendwie seltsame, gemischte Gefühle. Die meiste Zeit bin ich einfach wütend, weil wir zu diesem Weg gezwungen werden", sagt die Wissenschaftlerin, die in Deutschland Zuflucht gefunden hat.

So wie der Akademikerin geht es auch Journalisten, Künstlern und Lehrern aus der Türkei - in der hr-Produktion "Exil Deutschland - Abschied von der Türkei" (Das Erste, 17.7.2017, 23 Uhr) erzählen vier davon, wie es ist, ihre Jobs in der Heimat zu verlieren, verhaftet zu werden und alleine in ein fremdes Land zu fliehen.

Als Terroristin denunziert

Akyüz arbeitet seit mehreren Monaten mit einem Stipendium an der Frankfurter Goethe-Universität. Vor mehr als einem Jahr forschte sie noch an der Uni in der türkischen Kleinstadt Düzce, gut 220 Kilometer östlich von Istanbul. Ihr Fach: Soziologie. Weil sie eine Petition gegen den Kurden-Konflikt unterschrieb, geriet sie ins Visier der Regierung. Sie wurde von den staatlich gelenkten Medien als Terroristin denunziert, weil sie gegen Menschenrechtsverletzungen in den türkischen Kurdengebieten protestierte. Die Kollegen an der Uni mieden sie plötzlich, ihre Mitmenschen betrachteten sie mit anderen Augen.

"Atmosphäre der Angst"

"In den sozialen Medien wurde ich entfreundet. Freunde, die mich jeden Tag anriefen und fragten, wie es mir geht, haben sich nicht mehr gemeldet. Das setzt einem am meisten zu", erzählt Akyüz. Die Atmosphäre der Angst habe zuerst die Menschen um sie herum erfasst.

Über das Internet erreichten Akyüz später auch Morddrohungen, ihre Lage wurde zunehmend bedrohlich. An der Uni wurde die Soziologin entlassen, außerdem bekam sie ein Reiseverbot. Sie entschied sich zur Flucht. "Meine Freunde sagten mir, es sei viel zu gefährlich für mich, in Düzce zu bleiben", sagte sie. Sie wurde mit dem Auto in die Provinz Izmit gefahren.

Stipendium für im Ausland gefährdete Akademiker

Über eine geheime Route kam Akyüz nach Deutschland, von der Humboldt-Stiftung bekam sie ein Stipendium für im Ausland gefährdete Akademiker. Zwei Jahre darf sie bleiben. Und danach? Oft denkt Akyüz an die Heimat: "Die Europäer müssen endlich sehen, was in der Türkei passiert. Sie werden den Krieg anheizen, es wird mehr Flüchtlinge im Land geben. Und auch viele Türken werden bald Flüchtlinge werden", warnt die Wissenschaftlerin.

Der Putschversuch in der Türkei ist rund ein Jahr her, seitdem fährt die Türkei einen harten Kurs gegen die Bevölkerung. Pro Monat beantragen laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fast 500 Menschen aus der Türkei Asyl in Deutschland. Sie fühlen sich in ihrem Land nicht mehr sicher, machen sich Sorgen um ihre Existenz. Wie Akyüz, die Soziologin aus Düzce.

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