Droht in Deutschland eine Welle rechtsextremer Anschläge? Der frühere Kasseler Nazi-Musiker Oliver Podjaski rechnet mit neuen Attentaten. Dabei nutzten Neonazis gezielt die Flüchtlingskrise aus, um Stimmung zu machen, sagte der Aussteiger im Interview mit hr-iNFO.

Neonazi-Aussteiger Oliver Podjaski
Neonazi-Aussteiger Oliver Podjaski Bild © hr

Das Attentat auf die Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker in Köln war für viele Menschen ein Schock. Ein 44-Jähriger mit rechtsextremistischem Hintergrund verletzte die Politikerin vor gut zwei Wochen mit einem Messer lebensgefährlich am Hals. Für den Nazi-Aussteiger Oliver Podjaski kam diese Tat nicht aus heiterem Himmel: "Überrascht hat mich das nicht“, sagte er in einem Interview, das am Freitagabend auf hr-iNFO ausgestrahlt wird. Eine Zusammenfassung läuft am Sonntag um 18 Uhr im TV-Magazin "defacto" im hr-fernsehen.

Weitere Informationen

Vom Nazirocker zum Aussteiger

Der gebürtige Berliner Oliver Podjaski gründete 1996 in Kassel die Rechtsrockband Hauptkampflinie (HKL). Die Gruppe wurde schnell zu einer festen Größe in der Szene. Mehrere ihrer Alben, die auf Titel hörten wie "Völkermordzentrale“ oder "Endsiegterroristen“, landeten auf dem Index. 2009 löste Podjaski die Band auf und stieg aus der Naziszene aus. Heute lebt er als Tätowierer in Lübeck.

Ende der weiteren Informationen

Im Gegenteil - Podjaski rechnet mit weiteren Angriffen dieser Art oder auch Anschlägen auf Asylbewerberheime: "Das ist das, worauf Rechtsextreme hoffen - auf eine Eskalierung der Situation." Das werde schon immer von rechtsextremer Seite gewünscht und forciert.

"Radikale wollen Stimmung nach Pegida weiter anfachen"

Seiner Ansicht nach nutzen Rechtsextremisten die Flüchtlingskrise in Deutschland gezielt aus und versuchen, die Stimmung, die unter anderem durch Pegida entstanden sei, noch weiter anzufachen. Beispielsweise würden auf Facebook bewusst Falschmeldungen und Lügen verbreitet.

Videobeitrag

Video

zum Video Neonazi-Aussteiger: "Rechtsextreme hoffen auf Eskalierung der Lage"

Ende des Videobeitrags
Weitere Informationen

Das ganze TV-Interview mit Oliver Podjaski läuft am 8. November, 18 Uhr, in "defacto" im hr-fernsehen.

Ende der weiteren Informationen

In der rechtsextremistischen Szene herrsche die Haltung vor, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei zu handeln, ist sich Podjaski sicher. Der ehemalige Sänger der Kasseler Nazirockband Hauptkampflinie beschreibt das Denken der Rechtsextremen so: "Wenn wir jetzt nicht handeln, dann ist alles zu spät. Wir müssen jetzt das Volk auf die Straße bringen, wir müssen jetzt was unternehmen. Notfalls auch mit Gewalt oder illegalen Mitteln - das sind die Gedankengänge, die diese Menschen haben."

Begegnungen mit Flüchtlingen als Präventionsmaßnahme

Audiobeitrag
Mikrofon

Sie können das Audio zur privaten Nutzung hier herunterladen oder im Systemplayer öffnen.

Audio

zum Audio hr-Reporter: "Er wird als Verräter gesehen"

Ende des Audiobeitrags

Gerade in der rechten Musikszene rechne er damit, dass das Flüchtlingsthema gezielt aufgegriffen werde, um mit rassistischen Texten neuen Hass zu schüren: "Ich habe die rechte Musik nicht mehr im Auge, aber so wurde es immer gemacht, und so wird es auch heute sein. Rechtsrock hat die Botschaft, aufzuwiegeln und Wut zu schaffen."

Als Maßnahme gegen den Rechtsextremismus müsse man bei den Menschen ansetzen, die an der Schwelle zur rechten Szene stehen und drohen abzurutschen. Ein Zusammenbringen dieser Menschen mit Flüchtlingen könne helfen, Vorurteile abzubauen, hofft Podjaski: "Vielleicht nur in geringem Maße, aber man muss irgendwo anfangen. Diese Menschen haben eine Schutzmauer um sich aufgebaut, wo Argumente dran abprallen sollen."

Weitere Informationen

Mehr Aussteiger in Hessen

Die Zahl der Aussteiger aus der Neonazi-Szene ist in den zurückliegenden Jahren deutlich gestiegen. Nach Angaben des Landeskriminalamtes Hessen haben mithilfe des dort angesiedelten "Ikarus"-Programms inzwischen 68 Teilnehmer der Szene den Rücken gekehrt. Es habe bislang keine Rückfälle gegeben.

Die Leiterin des Programms, Marion Hohmann, spricht von einem Erfolgskonzept. Seit zehn Jahren gibt es das Aussteigerprogramm "Ikarus", seit 2013 geht Hessen als Folge der Enttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) offensiv in die Szene. Seinerzeit war das Programm massiv aufgestockt worden. Unter anderem wurden Regionalstellen in Hessen eingerichtet. Seither gehen die Mitarbeiter aktiv auf Rechtsextreme zu. Das habe zu einer deutlich steigenden Zahl an Aussteigern geführt.

Nach hr-iNFO-Recherchen sind im ersten Halbjahr dieses Jahres 69 Rechte angesprochen worden und damit so viele wie noch nie. Im ganzen Jahr 2014 waren es dagegen nur 42. Nach Angaben der Leiterin führen die Anstrengungen auch zu einer deutlichen Verunsicherung der Szene.

Ende der weiteren Informationen

Das könnte Sie auch interessieren

Zum Seitenanfang