Enge, heruntergekommene Zustände in Flüchtlingsunterkünften in Wiesbaden
In diesem Zimmer in einem ehemaligen Hotel an der Mainzer Straße leben auf etwa 16 Quadratmetern drei Menschen zusammen. Sie schlafen auf Matratzen auf dem Boden. Bild © Hessischer Flüchtlingsrat

Bis zu sechs Menschen in einem Zimmer, bis zu 750 Flüchtlinge unter einem Dach. Der Hessische Flüchtlingsrat kritisiert eine massive Überbelegung der Flüchtlingsheime in Wiesbaden. Bürgermeister Goßmann weist die Vorwürfe zurück.

"Zu eng, zu laut, heruntergekommen, katastrophal", so beurteilt der Hessische Flüchtlingsrat die Unterbringung von Asylbewerbern in Wiesbaden. Mitglieder des Flüchtlingsrates hätten im Rahmen einer "Lagertour" durch Flüchtlingsunterkünfte in mehreren Landkreisen in Hessen in Wiesbaden katastrophale Zustände vorgefunden, sagte Fritz Rickert vom Flüchtlingsrat am Dienstag zu hessenschau.de.

Auf Einladung von Bewohnern habe man sich in einem früheren Hotel in der Mainzer Straße, in einem ehemaligen Bürogebäude in der Hans-Bredow-Straße und in Containern in der Otto-Wallach-Straße umgesehen - und besorgniserregende Beobachtungen gemacht.

Hauptkritik des Flüchtlingsrats: Wiesbaden setze zu sehr auf Großunterkünfte für hunderte Bewohner. "Dies führt zu extremer psychischer Belastung, Konflikten und Exklusion", bilanziert Rickert. Die Situation in den Unterkünften in der Mainzer Straße und in der Hans-Bredow-Straße sei dramatisch: dauerhaft zu eng, mit fehlender Privatsphäre, zu laut, schlechten hygienischen Zuständen und ohne Räume für Kinder. Drei- bis Vier-Bett-Zimmer seien nur etwa 16 Quadratmeter groß.

Enge, heruntergekommene Zustände in Flüchtlingsunterkünften in Wiesbaden
Defekte Tür zu einer Toilette, kleine Küche mit kaputten Geräten für 60 Bewohner, fehlende Möglichkeiten zum Wäschetrocknen: Aufnahmen des Flüchtlingsrats aus drei Großunterkünften in Wiesbaden. Bild © Hessischer Flüchtlingsrat

"Zusätzlich zur Überbelegung ist auch der bauliche Zustand katastrophal", berichtet Rickert mit Blick auf die Unterkunft in der Mainzer Straße, wo rund 400 Flüchtlinge lebten. Dort gebe es Schimmelgeruch in den Bädern, kaputte Fenster und Türen, unzureichend ausgestattete Küchen für 50 Benutzer. Nur zweimal in der Woche kämen zwei Sozialarbeiterinnen für wenige Stunden - "angebracht wäre vielmehr ein Betreuungsschlüssel von einer Betreuerin pro 80 Bewohner", sagt Rickert.

Zu sechst in 20-Quadratmeter-Zimmern

In der Hans-Bredow-Straße lebten rund 750 Menschen auf acht Stockwerken und oft zu sechst in etwa 20 Quadratmeter großen Zimmern. Frauen hätten wegen der Anonymität der Unterkünfte Angst vor sexuellen Übergriffen und trauten sich nachts nicht auf die Flure.

Seit August vergangenen Jahres besucht der Flüchtlingsrat nach eigenen Angaben Unterkünfte für Asylbewerber in ganz Hessen. Weder bei Besuchen in Flüchtlingsunterkünften in Niedernhausen (Rheingau-Taunus), Oberursel oder Friedrichsdorf (beide Hochtaunus) hätten sie derartige schlechte Zustände gesehen oder seien von solchen unterrichtet worden, sagt Rickert. Wiesbaden sei "die Hauptstadt der Großunterkünfte".

Enge, heruntergekommene Zustände in Flüchtlingsunterkünften in Wiesbaden
Ein Zwei-Bett-Zimmer in der Containerunterkunft in der Otto-Wallach-Straße in Wiesbaden. Bild © Hessischer Flüchtlingsrat

Rickert beklagt, dass die dorthin zugewiesenen Flüchtlinge nun ausbaden müssten, dass die Stadt viele kleinere Unterkünfte, die es in den 1990ern Jahren noch gegeben habe, dicht gemacht habe. Und dass die Stadt - so wie auch Frankfurt und andere Kommunen - viel zu wenig in den Bau von günstigen Wohnungen investiere.

Bürgermeister: Falsche Zahlen des Flüchtlingsrats

Wiesbadens fürs Soziale zuständige Bürgermeister Arno Goßmann (SPD) bringt der Bericht des Flüchtlingsrats hörbar auf die Palme: "Das sind alles pauschale Vorwürfe, die ich ebenso pauschal und mit Nachdruck zurückweise." Zum einen hätten sich die Mitglieder des Flüchtlingsrats nicht einfach so Zutritt verschaffen dürfen in den Unterkünften - zum anderen hätten sie bei der Stadtverwaltung nicht nachgefragt und gingen von falschen Zahlen aus.

In der Unterkunft in der Hans-Bredow-Straße stehen dem Bürgermeister zufolge nur 550 Betten, nicht wie behauptet 750. Belegt seien sie derzeit von 491 Menschen. In dem Heim in der Otto-Wallach-Straße stünden 266 Betten und wohnten derzeit 240 Flüchtlinge, sagt Goßmann. Hier berichtet der Flüchtlingsrat von nur 200 Menschen. In der Unterkunft in der Mainzer Straße schließlich wohnten derzeit 359 Menschen - bei 442 Betten, so Goßmann weiter. Hier liegt der Flüchtlingsrat mit seiner Angabe von rund 400 Bewohnern freilich so falsch nicht.

"Stadt gibt sich wahnsinnig Mühe"

Ganz falsch sei die Beurteilung der Leistung der Stadt Wiesbaden bei der Unterbringung, ärgert sich Goßmann: "Wir geben uns wahnsinnig Mühe." Man habe soeben ein Integrationskonzept beschlossen, man kümmere sich speziell um die Betreuung von Frauen und bei den Gebäuden habe man das Bestmögliche angemietet.

Flüchtlingsunterkunft in der Mainzer Straße in Wiesbaden
Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Hotel in der Mainzer Straße in Wiesbaden. Bild © Hessischer Flüchtlingsrat

"Bei einem Andrang von bis zu 100 Flüchtlingen pro Tag mussten wir auf große Unterkünfte zurückgreifen, um nicht wie zum Beispiel in Frankfurt Leute in Turnhallen und Bürgerhäusern unterbringen zu müssen", sagt Goßmann. Im vergangenen Jahr seien der Stadt rund 1.700 Flüchtlinge zugewiesen worden, im Jahr zuvor seien es 1.800 Hilfesuchende gewesen.

Bürgermeister: Zu Großunterkünften gezwungen

Neben den erwähnten großen Flüchtlingsheimen gebe es mehr als 40 kleinere Gemeinschaftsunterkünfte in der Stadt - und die Verwaltung bemühe sich um weitere. "Jedoch ist das nicht einfach, weil sich das gesellschaftliche Klima gewandelt hat und weil der Wohnungsmarkt auch in Wiesbaden sehr angespannt ist", sagt Goßmann. "Wir würden gern große Unterkünfte schließen."

Dass sich offenkundig Bewohner selbst über die Zustände in den Gebäuden beschwerten, erklärt sich Goßmann so: "Es gibt dort mit Sicherheit unzufriedene Bewohner, die gerne eine Wohnung hätten. Überlegen Sie mal, wie lange die dort zum Teil schon leben."

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