FR-Journalist Voigts, Unfallauto des NPD-Politikers
FR-Journalist Voigts, Unfallauto des NPD-Politikers Bild © Peter Jülich / Feuerwehr Büdingen

Flüchtlinge retten bei Büdingen einen rechtsextremen Lokalpolitiker nach einem Autounfall aus dem Wrack. Öffentlich gemacht hat das der Frankfurter Journalist Hanning Voigts. Ein Interview über die internationale Resonanz, den Geretteten und die Ironie des Lebens.

Es klingt nach einer unglaublichen Geschichte: Der hessische NPD-Politiker Stefan Jagsch wettert zuletzt im Kommunalwahlkampf wochenlang gegen Flüchtlinge und fährt mit seinem Auto nahe Büdingen (Wetterau) gegen einen Baum. Zwei syrische Flüchtlinge retten den Neonazi aus dem Wrack seines Autos. Der Bericht wird am Dienstag auf Facebook und Twitter zu einem Trend-Thema, auch internationale Medien berichten darüber. Recherchiert hat die Geschichte der Frankfurter-Rundschau-Journalist Hanning Voigts.

hessenschau.de: Wie haben Sie von dieser außergewöhnlichen Geschichte erfahren?

Hanning Voigts: Wie so oft im Journalismus. Ich habe am frühen Montagnachmittag einen Hinweis bekommen. Genaueres kann ich dazu nicht sagen. Der Hinweisgeber hatte die Geschichte so gehört. Erst konnte ich das selbst kaum glauben. Jagsch ist ein sehr bekannter NPD-Politiker mit guten Kontakten zu radikalen Neonazis. 'Wenn das wirklich stimmt, wäre das ein Knaller', habe ich gedacht und mich an die Recherche gemacht.

Der hessische #NPD -Kader Stefan Jagsch hatte einen schweren Autounfall. Erste Hilfe kam von Flüchtlingen. https://t.co/8m7jLHsbrk

hessenschau.de: Die Polizei hatte in ihrer Unfallmeldung vom Mittwoch ("Fahrt endet am Baum") nicht erwähnt, dass Ersthelfer dem Verletzten geholfen haben. Die Identität des Opfers nennt die Polizei ohnehin nicht. Ihnen hat sie den Namen dann doch verraten ...

Voigts: Hätte ich nur nach einem Politiker gefragt, hätte ich keine Antwort bekommen. Aber weil ich den Namen hatte, hat die Polizei mir bestätigt, dass es Stefan Jagsch war. Die Information, dass Flüchtlinge Ersthelfer waren, kam von einem Einsatzbeteiligten der Freiwilligen Feuerwehr Büdingen.

hessenschau.de: Sie kennen den NPD-Politiker Stefan Jagsch von vorherigen Recherchen und Berichten. Was mag nun in ihm vorgehen?

Voigts: Wie er mit der Situation umgeht, kann ich nicht sagen. Er liegt immer noch im Krankenhaus und wird aktuell andere Sorgen haben. Wenn ich NPD-Landeschef Christoph Fiedler richtig verstanden habe, weiß Jagsch noch gar nicht, dass ihn Flüchtlinge aus dem Auto gezogen haben. Er kann sich wohl an den ganzen Unfall nicht erinnern.

hessenschau.de: Unsere Kollegen vom hr-fernsehen haben Jagsch im Krankenhaus ans Telefon bekommen. Er sagte: "Wenn es so war, ist es lobenswert, dass mir syrische Flüchtlinge geholfen haben. Aber wenn ich das in der Zeitung lese, ist das für mich noch keine Tatsache." Trauen Sie ihm zu, dass er sich bei den Flüchtlingen bedankt?

Voigts: Ich hatte öffentlich gemacht, dass Jagsch in einem Frankfurter Jobcenter arbeitet. Daraufhin hat er zunächst seine Arbeit dort verloren. Trotzdem war er mir gegenüber in verschiedenen Situationen sehr korrekt. Menschlich ist er lange nicht so unangenehm, wie man es von jemandem erwarten würde, der solche Gedanken im Kopf hat. Deswegen halte ich nicht für ausgeschlossen, dass er sich bedankt.

hessenschau.de: Der Artikel ist auf der Rundschau-Facebook-Seite mehr als 700-mal geteilt worden. Haben Sie mit der Riesen-Resonanz gerechnet?

Voigts: Uns in der Redaktion war schon klar, dass das ein gewisses Echo hervorrufen würde. Die internationale Berichterstattung bis zu Fox News hatte ich überhaupt nicht erwartet. Das lässt sich wahrscheinlich damit erklären, dass die Geschichte sehr gut in die Zeit passt: Rechtsruck in Deutschland, Zulauf für Rechtsradikale, Hetze gegen Flüchtlinge sind ja seit Monaten Stichworte. Dass das nun in einer sehr ungewöhnlichen Weise in einer Geschichte zusammenkommt, funktioniert einfach gut.

"Syrian refugees come to aid of far-right German politician in car crash." https://t.co/V43UL3aK1L via @FoxNews

hessenschau.de: Vor allem bei Facebook und Twitter ist das Interesse riesig ...

Voigts: Die Geschichte ist wie für Social Media gemacht: Das klingt so unglaubwürdig, da will jeder gleich mehr wissen. Dass jemand, der seinen Wahlkampf fast ausschließlich gegen Flüchtlinge fährt und mit sehr aggressivem Kurs von Überfremdung spricht, in einer lebensbedrohlichen Situation ausgerechnet von Flüchtlingen Hilfe bekommt, entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie.

hessenschau.de: Welche Reaktionen aus dem rechtsextremen Milieu haben Sie beobachtet?

Voigts: Die gesamten Social-Media-Kanäle der mir bekannten hessischen Neonazis sind zu diesem Thema bisher still. Das lässt sich dadurch erklären, dass Flüchtlinge, die einem Kameraden helfen, nicht in ihre Ideologie passen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es in der rechten Szene für gewisses Aufsehen sorgt. Denn diese Geschichte hat nun eine Publizität, die hessische Nazis wirklich gar nicht gewöhnt sind.

hessenschau.de: Sind Sie nach Veröffentlichung der Geschichte angefeindet worden?

Voigts: Nein, trotz des irrsinnigen Interesses nicht. Das ist sehr ungewöhnlich, weil ich sonst sehr regelmäßig Drohbriefe erhalte. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die rechte Szene die Nachricht erstmal verdauen muss. Ich habe bisher auch von niemandem gehört: 'Das hast du doch erfunden.'

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