Kommentierte Fassung von Mein Kampf im Handel
Schulen können selbst entscheiden, ob sie die kommentierte Fassung von "Mein Kampf" im Unterricht verwenden. Bild © picture-alliance/dpa, Colourbox.de

Hessens Kultusminister will es den Lehrern überlassen, wie sie mit der kommentierten Neuauflage von "Mein Kampf" umgehen. Am Frankfurter Goethe-Gymnasium wird schon länger mit Hitlers Hetzschrift gearbeitet. Manche finden das hilfreich, andere sehen es kritisch.

Am Frankfurter Goethe-Gymnasium werden Schüler schon seit Jahren mit der Hetzschrift von Adolf Hitler konfrontiert. Auch Hoda Bourenane aus der 12. Jahrgangsstufe hatte mit "Mein Kampf" zu tun. Eins ist klar: Das Gedankengut des Diktators hat die junge Frankfurterin nicht erreicht, jedenfalls nicht emotional. Die Argumentation findet sie abstrus, Hitlers Sprache ist ihr fremd. Trotzdem ist sie froh, im Unterricht über das Thema gesprochen zu haben. "Ich fand es interessant, vor allem weil ich denke, dass es ein wichtiger Teil unserer Geschichte ist. Und um alles zu verstehen braucht man ein ganzes Bild", sagt Bourenane.

Im Gegensatz zu Bourenane hatte Nathaniel Haas in seiner Schullaufbahn keinen Kontakt zu "Mein Kampf". Der 17 Jahre alte Schüler des Goethe-Gymnasiums hätte das Thema aber gerne im Unterricht behandelt. "Ein paar Auszüge zu lesen, wäre bestimmt interessant", sagt Haas. Weil das Thema zurzeit häufig in den Medien ist, fragt er sich, was in "Mein Kampf" drin steht und vor allem, wie Hitler seinen Wahnsinn formuliert hat.

Kultusministerium gibt keine explizite Empfehlung

Weitere Informationen

Mein Kampf - eine multimediale Demontage

BR24-Webspecial: Wie gefährlich ist Hitlers Hetzschrift heute?

Ende der weiteren Informationen

Wie an allen hessischen Schulen entscheiden auch die Lehrer des Frankfurter Goethe-Gymnasium selbst, ob sie Auszüge aus "Mein Kampf" behandeln oder nicht. Durch den Ablauf des Urheberschutzes ist seit Freitag eine kommentierte Fassung des Machwerks im Handel. In Antiquariaten konnte die Originalfassung in den letzten Jahrzehnten bereits problemlos besorgt werden. Hitler hatte die Hetzschrift Mitte der 20er Jahre während seiner Festungshaft in Landsberg verfasst, sie stellte den Kern seiner menschenverachtenden nationalsozialistischen Ideologie dar.

Audiobeitrag
Mikrofon

Sie können das Audio zur privaten Nutzung hier herunterladen oder im Systemplayer öffnen.

Audio

zum Audio Was Schüler über "Mein Kampf" wissen

Ende des Audiobeitrags

Trotz der Neuauflage wird sich in Hessens Schulen aber nicht viel ändern. Ein Sprecher des Kultusministeriums erklärte gegenüber hessenschau.de: "Die kommentierte Neuausgabe von Hitlers 'Mein Kampf' kann in Auszügen gelesen und besprochen werden […]. Das Hessische Kultusministerium gibt jedoch keine explizite Empfehlung. Die Auswahl der Unterrichtsmaterialien obliegt den Lehrkräften".

Auch jetzt schon stehen in vielen Geschichtsbüchern Auszüge aus Hitlers antisemitischer Hassschrift. Für Katrin Thomas, Geschichtslehrerin am Goethe-Gymnasium, sind diese Passagen ein wichtiger Teil des Unterrichts. "Für mich ist 'Mein Kampf' eine zentrale Quelle für die Erarbeitung der NS-Ideologie". Deshalb sollte das Relikt aus dem Dritten Reich ihrer Meinung nach gerade im Rahmen des Geschichtsunterrichts kritisch beleuchtet und diskutiert werden.

Thomas meint, nichts sei verlockender als der Reiz des Verbotenen. Außerdem stellt sie immer wieder fest, dass das Thema die Schüler beschäftigt: "Warum ist 'Mein Kampf' verboten? Warum wird es dann im Schulbuch abgedruckt? Kann man das überhaupt kaufen?". Mit diesen Fragen sieht sie sich oft konfrontiert.

Entmystifizierung ist angesagt

Für die Lehrerin geht es vor allem um Entmystifizierung des Hitlerschen Elaborats. Ulrich Bongertmann, Vorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands, hält dagegen die Schrift auch in kommentierter Form für ungeeignet als Unterrichtsmittel: "Ich habe extra nochmal in verschiedenen Schulbüchern nachgeschaut und fast überall standen Auszüge aus 'Mein Kampf' drin". Es seien zwar meist nur wenige Zeilen abgebildet, aber mehr sei im Unterricht nicht realistisch.

In der Tat: Die kommentierte Version ist ein echter Wälzer. 3.500 Kommentare auf 2.000 Seiten. Das sei nicht wirklich reizvoll für die meisten Schüler, findet Bongertmann. Und auch die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sieht die Neuveröffentlichung kritisch. Eine Erziehung von Schülern zu geschichts- und verantwortungsbewussten Menschen sei auch sehr gut ohne die Lektüre denkbar und wünschenswert.

Das könnte Sie auch interessieren