Flüchtlinge in einem Wartesaal einer Ausländerbehörde
Flüchtlinge warten in einer Ausländerbehörde darauf, dass sie aufgerufen werden. Bild © picture-alliance/dpa

Ein Fünftel mehr Mitarbeiter, aber doppelt so viel zu tun: Hessens Ausländerbehörden kommen infolge gestiegener Flüchtlingszahlen mit der Arbeit kaum hinterher. Darum fallen auch Abschiebungen aus.

Die gestiegenen Flüchtlingszahlen führen in vielen hessischen Ausländerbehörden zu Verzögerungen und Arbeitsrückständen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von hr-iNFO unter allen 32 hessischen Ausländerbehörden. Danach hat sich in vielen Behörden das Arbeitsaufkommen seit 2015 mehr als verdoppelt. Das Personal ist dagegen nicht im selben Umfang aufgestockt worden.

Höchste Steigerung im Vogelsbergkreis

In den Landkreisen Offenbach, Limburg-Weilburg, Schwalm-Eder und Main-Kinzig sowie in der Stadt Gießen ist die Zahl der Ausländer, die in die Behörden kommen, seit 2015 um mehr als die Hälfte gestiegen. Den größten Zuwachs bei den täglichen Besucherzahlen verzeichnet der Landkreis Vogelsberg. Hier stieg die Zahl von zwölf pro Tag im Jahr 2015 auf derzeit durchschnittlich 41.

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Flüchtlinge stehen Schlange

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Das liegt daran, dass ländliche Gebiete wie der Vogelsberg einen sehr geringen Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung hatten. Durch die überproportionale Zuweisung von Flüchtlingen hat sich im Vogelsberg die Zahl an Ausländern um 45 Prozent erhöht. In Offenbach mit seinem vergleichsweise hohen Migrantenanteil ist die ausländische Bevölkerung seit 2015 hingegen um 4,5 Prozent gestiegen.

Mitarbeiterzuwachs reicht nicht

Die Kommunen haben zwar frühzeitig reagiert und die Zahl der Mitarbeiter in ihren Behörden seit 2015 von hessenweit 648 auf jetzt 762 erhöht. Doch der Bedarf an Mitarbeitern ist durch die Aufstockung von rund 18 Prozent noch nicht gedeckt. Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Gießen und der Landkreis Darmstadt-Dieburg suchen weitere Mitarbeiter.

Doch da der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern bundesweit gestiegen sei, könnten die Stellen nicht zeitnah besetzt werden, heißt es. "Das Problem des massiven Arbeitsanstiegs wurde durch Abwerbung qualifizierter Mitarbeiter durch andere Behörden verschärft", berichtet etwa ein Sprecher der Ausländerbehörde der Stadt Gießen.

Lange Schlangen in Frankfurt

Die Folgen sind lange Bearbeitungszeiten zum Beispiel für Aufenthaltspapiere und Warteschlangen in den Fluren. Auch wenn die meisten Kommunen auf Terminvergabe umgestellt haben, um den Andrang besser kanalisieren zu können, bleiben Bilder wie in Frankfurt nicht aus.

Vor Hessens größter Ausländerbehörde stehen bereits Stunden vor der Öffnung am Morgen über 100 Menschen an. Sie hoffen, eine der begehrten Wartemarken zu bekommen. Nicht jeder kommt sprachlich mit der Terminvergabe im Internet klar. Und telefonisch würde man so gut wie nie jemanden in der Behörde erreichen, heißt es unter den Wartenden.

Auch die Behörden-Mitarbeiter leiden unter der Situation: "Die Belastung bestehe aus den Schlangen vor dem Haus", sagt Angela Hertel, Vertrauensfrau der Gewerkschaft Verdi. "Ich als Mitarbeiter sehe dann kein Ende."

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Auswirkungen auch auf Abschiebungen

Ein Teil der befragten Kommunen gab bei der hr-iNFO-Umfrage an, dass sich die angespannte Personalsituation auch auf die Abschiebepraxis auswirkt. Der Arbeitsrückstau führe dazu, dass sich Abschiebungen verzögerten, übermitteln die Behörden in Frankfurt, Hanau, Darmstadt-Dieburg, Werra-Meißner, Odenwald, Lahn-Dill und Vogelsberg. 

Das gilt auch für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber, bei denen die kommunalen Ausländerbehörden den federführenden Landesbehörden zuarbeiten. Beispielsweise gibt die Ausländerbehörde Frankfurt die Auskunft: "Im Sachgebiet 'Aufenthaltsbeendende Maßnahmen' sind derzeit sieben Planstellen nicht besetzt. Natürlich können mit weniger Personal nur weniger Abschiebungen durchgeführt werden."

Sicherheitspersonal in den Ämtern

Wegen des hohen Besucherandrangs bemühen sich viele Behörden um mehr Sicherheit. In jeder dritten hessischen Ausländerbehörde gibt es inzwischen Sicherheitskräfte. So sorgen private Firmen zum Beispiel in Frankfurt, Darmstadt oder im Main-Kinzig-Kreis für einen geordneten Ablauf im Wartebereich.

In Kassel wird an den beiden offenen Sprechtagen Personal eines privaten Sicherheitsdienstes eingesetzt. In Gießen und Marburg kommen städtische Ordnungspolizei-Beamte zum Einsatz.

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