Grundwortschatz
Von Apfel bis Zunge - Kultusminister Lorz drängt auf einen Grundwortschatz für Grundschüler. Bild © picture-alliance/dpa, Kultusministerium Hessen ( Collage hr)

Mit 850 Wörtern besser schreiben lernen: Kultusminister Alexander Lorz (CDU) will mit einem Grundwortschatz die Rechtschreibung der Grundschüler verbessern. "Aktionismus", kritisiert die Bildungsgewerkschaft GEW. Man brauche keine Wörterliste - sondern mehr Lehrer.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) nimmt sich ein Vorbild an Bayern: Er will mit einem einheitlichen Grundwortschatz von 850 Wörtern die Rechtschreibung der hessischen Grundschüler verbessern. "Vom Apfel bis zum Zeh" ist der am Mittwoch veröffentlichte Entwurf überschrieben, in alphabetischer Reihenfolge listet er ausgewählte Wörter: Ampel, antworten, Apfel oder Tanne, Tasse, tausend, Taxi.

"Wir wollen die Bildungssprache Deutsch weiter stärken", erklärte Lorz in Wiesbaden. Der Grundwortschatz soll Lehrer unterstützen und nach einer Probephase an 50 Grundschulen möglicherweise schon zum Schuljahr 2018/19 allen 1.093 hessischen Grundschulen zur Verfügung stehen. Die Wörtersammlung umfasst sowohl häufig verwendete Begriffe als auch ausgewählte "Modellwörter", die wichtig zum Verständnis der Rechtschreiberegeln sind.

Vorbild Bayern

Dass sich der Entwurf am bayerischen Vorbild orientiert, ist kein Zufall. Bayern war im bundesweiten Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen im Jahr 2011 der Streber im Fach Deutsch. Hessen landete damals nur im Mittelfeld.

Das Argument allein überzeugt Grundschullehrer wie Susanne Hoeth, die auch für die Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW) arbeitet, nicht. Sie befürchtet eine Bevormundung der Lehrer: "Der Kultusminister braucht uns nicht auffordern, Kindern einen Grundwortschatz beizubringen, das ist Bestandteil unserer Arbeit", sagte sie hessenschau.de. Einen fest definierten Grundwortschatz von 850 Wörtern aufzustellen sei außerdem "Aktionismus". Es sei sogar "albern", sagt Hoeth, weil so unterstellt würde, der komplexe und unterschiedliche Lernprozess der Kinder ließe sich so komplett steuern.

Grundwortschatz - oder mehr Lehrer?

Hoeth befürchtet bei dem Plan des Kultusministers auch, dass es am Ende für die Lehrer immer engere und kleinmaschigere Vorgaben gebe. "Dabei ist die Arbeit an der Grundschule eigentlich eine sehr freie Arbeit, die an den Interessen und Bedürfnissen der Kinder orientiert ist", sagt Hoeth. Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) sagt, ein solcher Grundwortschatz sei keinesfalls neu bei der Arbeit von Lehrern - ähnliches Lehrmaterial von Fachleuten gebe es schon.

Es fehle vielmehr an einer anderen Stelle: "Wir brauchen mehr als einen Grundwortschatz, nämlich mehr Zeit zum Üben und Wiederholen", sagt Wesselmann. In der Konsequenz hieße das auch, es bräuchte mehr Deutschstunden mit mehreren Lehrkräften - was Lehrer mit der bisherigen Belastung aber nicht leisten könnten, sagt Wesselmann.

Lorz: Kein "Schreiben nach Gehör"

Der hessische Philologenverband sieht den Versuch von Lorz hingegen positiv. Vorstandsmitglied Jürgen Hartmann sagte hessenschau.de, der Verband begrüße den Vorstoß vor dem Hintergrund des schlechten Niveaus von Gymnasiasten bei Rechtschreibung und Grammatik. Es sei allerdings gut, dass der Grundwortschatz erst erprobt werde.

Bereits im Mai hatte Lorz angekündigt, korrekte Rechtschreibung zu einem Schwerpunkt an hessischen Schulen zu machen."'Schreiben nach Gehör' ist Unsinn!" ließ er über eine Mitteilung seines Ministeriums verbreiten, beruhigte aber zugleich, es gebe an hessischen Grundschulen "keine Rechtschreib-Anarchie".

Diese Aussage sei nicht ganz korrekt, korrigierte GEW-Mitarbeiterin und Grundschullehrerin Hoeth. Die Methode heiße nicht "Schreiben nach Gehör", sondern "Lesen durch Schreiben" - und diesen Ansatz gebe es an hessischen Grundschulen durchaus. Allerdings ziele auch diese Strategie letztlich auf das Erlernen der Rechtschreibung. Die Kinder sollen nur schon früher in der Lage sein, zu schreiben.

Sendung: hr-iNFO, 7.6.2017, 14 Uhr

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