Flüchtlinge von hinten fotografiert
Flüchtlinge in Gießen Bild © picture-alliance/dpa

Diebstähle, Übergriffe, Vergewaltigungen: Ein Gießener Mediziner und Grünen-Politiker prangert im hessenschau.de-Interview Missstände in der Flüchtlings-Unterkunft auf dem ehemaligen US-Gelände an. Und er macht Vorschläge zur Entschärfung der Lage.

Die Belegung der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge hat einen neuen Höchststand erreicht: Aktuell befinden sich nach Angaben des Gießener Regierungspräsidiums (RP) mehr als 9.760 Menschen in der Erstaufnahme. Knapp 5.000 Flüchtlinge leben auf dem ehemaligen US-Gelände in Gießen. Immer wieder kommt es dort zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zuletzt wurden 14 Männer nach einem Überfall auf ein Notzelt festgenommen.

hessenschau.de: Herr Grothe, sie arbeiten seit über 25 Jahren mit Flüchtlingen zusammen, was macht die Situation derzeit so extrem?

Klaus-Dieter Grothe
Der Kinder- und Jugendpsychiater Klaus-Dieter Grothe ist der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Gießen und arbeitet seit 25 Jahren mit Flüchtlingen Bild © Grothe, privat

Klaus-Dieter Grothe: Es sind einfach zu viele Menschen in den Unterkünften. Die Situation entspricht eher einem Lager an den Außengrenzen Europas wie etwa im italienischen Lampedusa. Wir kriegen das nicht schön deutsch geordnet. Die Verwaltung und das Regierungspräsidium bemühen sich, aber sie können nicht mehr tun. Viel Not in der Welt, Opfer von Armut, Krieg und Diktatur landen hier an einem Ort in Gießen.

hessenschau.de: Was meinen Sie damit konkret?

Grothe: Natürlich die Gewalt. Dann die ständigen Polizeieinsätze und auch die Feuerwehr musste immer wieder ausrücken. Da wurde ja teilweise Feuerwehralarm ausgelöst, um die Leute aus den Zelten zu locken – und dann wurden sie bestohlen. Dazu kommt die Gewalt gegen Frauen. Viele Vergewaltigungen werden nicht angezeigt, aber ich weiß von Organisationen wie ProFamilia, dass diese Probleme auflaufen.

hessenschau.de: Wie kann es zu solchen Vorfällen kommen?

Grothe: Die 14 Verhaftungen vom Freitag kann man zwar als Versuch werten, das staatliche Gewaltmonopol wieder herzustellen. Aber dieses kann ja unter den Umständen, die in Gießen herrschen, kaum aufrecht erhalten werden. Wir haben eine Zweite- oder sogar Dritte-Welt-Situation mitten in Gießen, wie etwa in einem UN-Flüchtlingslager in Afrika. Die Menschen sind dort mit Bedingungen konfrontiert wie auf der Flucht – und auf der Flucht ist sich jeder selbst der nächste. Da bilden sich informelle Machtstrukturen. Und es sind dann selten die Hilfsbedürftigen, die die Macht übernehmen. Man soll nicht sagen, da kommen nur Gutmenschen.

hessenschau.de: Bei den Berichten über die Auseinandersetzungen wird immer wieder über Streit zwischen Flüchtlingen verschiedener Nationalitäten berichtet. Ist das auch Ihr Eindruck?

Grothe: Das kann keiner bestreiten. Dadurch, dass viele Albaner und Kosovaren gar nicht mehr auf die Kommunen verteilt werden (Anm. d. Red.: Weil sie kaum Chancen auf Asyl haben.) spitzt sich die Lage zu. Wenn dann jede Woche 100 von ihnen abgeschoben werden, sorgt das für Ärger. Dazu gibt es Rassismus gegenüber Schwarzafrikanern. Den gibt es bei uns und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr in Südosteuropa. Ich weiß von Eritreern, die sich aus Angst zu zehnt in einem Zimmer verbarrikadieren.

hessenschau.de: Wir haben nun viel über die Probleme gesprochen, was wären ihre Lösungsvorschläge?

Grothe: Erstens muss es mehr Lager und kleinere Einheiten geben. Zweitens muss es Räume geben, wo nur allein reisende Frauen und Kinder untergebracht werden – und drittens bin ich dafür, deutlicher nach Nationalitäten zu trennen. Das werden manche für nicht politisch korrekt halten, aber ich glaube wir brauchen pragmatische Notfalllösungen.

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Schutzräume gegen sexuelle Gewalt und Vergewaltigungen

Die Forderung nach Schutzräumen für allein reisende Frauen und Frauen mit Kindern wird auch von der Gießener Stadträtin Astrid Eibelshäuser (SPD) geteilt. "Wir wissen, dass es Vergewaltigungen gibt." Nach Berichten von Ehrenamtlichen, die in der Flüchtlingsunterkunft arbeiten, müsse man befürchten, dass die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen erheblich ist. Die Polizei in Gießen bestätigt Vorkommnisse gegenüber hessenschau.de, nennt aber keine konkreten Zahlen. "Es gibt diese Fälle, aber wir sehen darin kein herausragendes Phänomen“, so ein Sprecher. Eine hohe Dunkelziffer sei aber "wahrscheinlich“.

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hessenschau.de: Besteht bei einer Trennung nach Nationalitäten nicht die Gefahr, dass man noch stärker teilt in die "guten" Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten und die "schlechten" Flüchtlinge vom Balkan?

Grothe: Ich bin natürlich nicht Herr Seehofer, das Ziel kann nicht ein Ultra-Kurzverfahren sein. Aber um Konflikte untereinander zu minimieren, finde ich die Trennung sinnvoll.

hessenschau.de: Sie arbeiten seit Jahren als Psychologe mit traumatisierten Menschen. Welchen Einfluss haben diese Erlebnisse auf das Verhalten im Lager?

Grothe: Wer Gewalt am eigenen Körper erlebt hat, wird nicht automatisch gewalttätig. Das hat psychologisch nichts miteinander zu tun. Es ist eher das Gegenteil zu beobachten, man sehnt sich nach klaren rechtsstaatlichen Strukturen. Bei jugendlichen Flüchtlingen gibt es ganz viele, die zu einer Security-Firma wollen oder zur Polizei. "Die deutsche Polizei redet zuerst, bevor sie zuschlägt“, sagen die Jugendlichen gerne ironisch. In Somalia sei das anders herum.

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