Ditib Melsungen
Der Sitz der Ditib-Moscheegemeinde in Melsungen. Bild © hr/Canu

"Sie lügen und stehlen": So ist auf der Internetseite einer Moscheegemeinde in Melsungen gegen Juden gehetzt worden. Die türkisch-islamische Dachorganisation Ditib, Partner des Landes beim Islamkundeunterricht, distanzierte sich. Doch längst nicht alle beruhigt das.

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Die Seite ist zwar inzwischen abgeschaltet, juristisch und politisch hat die Aufarbeitung am Mittwoch aber erst so richtig begonnen: Hetze gegen Juden, geübt auf der Homepage einer muslimischen Gemeinde in Melsungen (Kassel), beschäftigt nicht nur den Staatsschutz, bei dem eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung eingangen ist. Antisemitismus-Gegner hatten Sprüche wie "Die Juden sind niederträchtig" oder "Sie lügen und stehlen" auf der Seite identifiziert und aus dem Türkischen übersetzt.

Diese Sätze sorgen in der Jüdischen Gemeinde in Kassel für "Enttäuschung, nicht für Überraschung", wie die Vorsitzende Ilana Katz hessenschau.de am Mittwoch sagte. "Das zeigt, dass in muslimischen Gemeinden viele Antisemiten sind." Die Sätze lassen aber auch die Landespolitik und vor allem das Kultusministerium in Wiesbaden nicht kalt. Erst recht nicht in diesem Fall.

Kritisch beäugt trotz Distanzierung

Denn unter der Überschrift "Lernen wir die Juden nach dem Koran kennen“ standen die Thesen bis Dienstag auf der Seite einer Moscheegemeinde, die zur türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) gehört, wie das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus (bga) in seinem blog meldete. Als Dachverband ist Ditib ist Partner der Landesregierung und organisiert seit mehr als zwei Jahren maßgeblich den Islamkundeunterricht an hessischen Schulen mit.

In einer offiziellen Erklärung geht der Landesverband auf Distanz zur Hetze. Juristisch verantwortlich für die zu Tage getretenen "fälschlichsten Interpretationen des Koran“ ist demnach der Ditib-Ortsverein, schuld der Alleingang eines inzwischen zurückgetretenen Betreuers der Internetseite.

Der lange Arm Erdogans

Screenshot der inzwischen gelöschten Onlineseite der muslimischen Ditib-Gemeinde in Melsungen.
"Böse", "gemein", "schwach": Screenshot der inzwischen gelöschten Onlineseite der türkisch-muslimischen Ditib-Gemeinde in Melsungen. Bild © Screenshot: hessenschau.de

Ein Einzelner auf Irrwegen: Genau das glaubt neben der Jüdischen Gemeinde das Bündnis gegen Antisemitismus nicht. "Das ist kein Zufall. Dieses Gedankengut ist bei Ditib verbreitet“, sagt bga-Mitglied Jonas Dörge. Nachdem Netz-Aktivisten am Dienstag auf die antisemitische Online-Thesen aufmerksam gemacht hatten, stellte er eine Übersetzung des Textes und seiner 30 Beschimpfungen ins Netz.

Der hetzerische Artikel geht nach Auffassung Jörges‘ mit der Ideologie des türkischen Präsidenten Recep Erdogan und seiner islamisch-konservativen Partei AKP völlig konform. Und der Ditib-Verband sei Ankara schließlich direkt unterstellt. In Deutschland würden die dazugehörigen antisemitischen Positionen zwar nicht "hinausposaunt". "Türkisch versteht aber bekanntlich nicht jeder. Da kann dann auch von der Ditib mal Klartext gesprochen werden“, lautet Jörges' Kommentar.

Ministerium mit Stellungnahme zufrieden

Lippenbekenntnisse und ein taktisches Verhältnis zur Wahrhaftigkeit also? Die Ditib-Verantwortlichen in der Landeszentrale halten dagegen. Ihr Verband stehe für Grundsätze wie "Achtung, Nachsicht, Toleranz und Solidarität“, auch gegenüber Andersgläubigen. Deshalb habe es schon gemeinsame Mahnwachen mit Juden gegeben, und deshalb sei man über die antisemitischen Ausfälle "besonders entsetzt".

Solche Sätze lassen nach Meinung des Kultusministeriums nichts zu wünschen übrig. Als "klar und gut", wertet ein Sprecher von Minister Alexander Lorz (CDU) daher die Erklärung. Das Ministerium hatte nach Bekanntwerden von Ditib eine Klarstellung verlangt. Es baut nach eigenen Angaben darauf, "dass der Ditib-Landesverband seiner Verantwortung als verlässlicher, verbindlicher Kooperationspartner auf der Grundlage der Verfassung nachkommt." So klingt eine öffentliche Ermahnung.

"Keine Einzelmeinung"

bga-Aktivist Dörge kann sich immerhin vorstellen, dass es bei Ditib "gewiss auch Leute gibt", die aufrichtig empfinden, was ihre Organisation in Worte fasste. "Das halte ich für Show“, sagt dagegen der Mainzer FDP-Politiker Tobias Huch zur Ditib-Reaktion. Er stellte wegen der Online-Inhalte der Melsunger Moscheegemeinde noch am Dienstag Strafanzeige beim Staatsschutz.

"Ich habe Ditib schon länger im Blick", sagt der Liberale, der im Internet emsig gegen diejenigen zu Felde zieht, die er als Islamisten identifiziert. Bei der muslimisch-türkischen Organisation gebe es nur eine Strömung. "Und die bestimmt Erdogan", sagt Huch.

Ditib immer wieder in der Kritik

Nicht erst seit der antisemitischen Verbalattacke aus dem Ortsverein in Melsungen sieht sich Ditib scharfer Kritik ausgesetzt. Hauptvorwurf: viel zu große Nähe zur islamisch-konservativen Staatsführung. Religionswissenschaftler der Uni Freiburg hatten im Sommer öffentlich die Lehrpläne für den hessischen Islamkundeunterricht auseinandergenommen.

Problematische Koranstellen etwa über die Rolle der Frau würden gar nicht erst thematisiert. Ditib wies das zurück. Der Verband distanzierte sich dieses Jahr auch, als ein ARD-Reporterteam enthüllte, dass es in seinen Ortsvereinen Sympathisanten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gibt.

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