Krankenbett ist im Universitätsklinikum in Frankfurt
Die Intensivstation der Uniklinik Frankfurt ist seit zwei Wochen zum Teil geschlossen. Bild © picture-alliance/dpa

Seit dem Fund eines gefährlichen Keims in der Frankfurter Uniklinik sind Teile der Intensivstation geschlossen. Wie sich der Keim dort ausbreiten konnte, ist nach wie vor ein Rätsel. Eine zunächst gefundene Erklärung scheidet nach hr-Recherchen offenbar aus.

Der in der Frankfurter Uniklinik gefundene Erreger ist noch eine Rarität in Deutschland: Klebsiella Pneumoniae. Zwar tragen ihn die meisten Menschen im Darm, aber nicht in dieser multiresistenten Form: Der Frankfurter Keim ist unempfindlich gegen alle vier Antibiotikaklassen und auch gegen das weltweit als Reserve-Antibiotikum vorgehaltene Colistin. Beim nationalen Referenzzentrum für solche Keime in Bochum werden solche Fälle erst seit wenigen Jahren in nennenswerter Zahl gemeldet. Meist war dann der Patient zuvor im Ausland, erklärt der Leiter des Zentrums, Sören Gatermann, auf Nachfrage von hr-iNFO. Das war in Frankfurt laut Gesundheitsamt allerdings nicht der Fall. Bei insgesamt fünf Patienten der Uniklinik wurde der Keim nachgewiesen.

Woher kam der Keim dann?

Geklärt ist, welcher Patient den Keim "Klebsiella pneumoniae 4-MRGN" in die Frankfurter Klinik gebracht hat. Der Mann war im März in einen Bach im Frankfurter Norden gefallen und beinahe ertrunken. Er wurde ins Offenbacher Sana-Klinikum gebracht. Weil sich sein Zustand verschlechterte, kam er auf die Intensivstation der Frankfurter Uniklinik. Dort ist er, wie zwei weitere Träger des Keims, gestorben. In allen drei Fällen soll der Erreger aber nicht die Todesursache gewesen sein. Die beiden übrigen Betroffenen liegen immer noch auf der Intensivstation der Uniklinik und sind nach wie vor von dem multiresistenten Erreger besiedelt. Bei ihnen haben die Klebsiellen aber laut Klinik noch keine Infektion verursacht.

Aus dem Bach kam's wohl nicht

Offen ist, wo sich der Mann, der den Keim ins Uniklinikum mitbrachte, infiziert hat. Der Mühlbach in Frankfurt-Niedereschbach, in den er gestürzt war, scheint nicht der Ursprung gewesen zu sein. Weder die Uniklinik Frankfurt noch das mikrobiologische Institut der Bonner Uniklinik konnten die multiresistenten Bakterien im Wasser nachweisen.

Aber wenn sie nicht von dort kommen, woher dann? Der Patient könnte sich den Erreger auch während des Aufenthalts im Offenbacher Sana-Klinikum eingefangen haben. Aber auch dafür spricht aktuell nicht viel. Die Klinik teilte am Freitag mit: "Es wurden weder vor, während, noch nach diesem Fall derartige Klebsiellen nachgewiesen." Überhaupt sei ein Klebsiella-Keim mit Vierfach-Resistenz noch nie im Sana-Klinikum aufgetaucht.

14 Proben in Offenbach – nichts

Der Offenbacher Gesundheitsdezernent Peter Schneider (Grüne) sagt: "Das Gesundheitsamt hat den Fall von Anfang an begleitet und, wie das in solchen Verfahren ist, eine Prüfung veranlasst. Es wurden 14 Proben in und um die betroffene Station genommen. Man hat nichts gefunden." Seine Schlussfolgerung: "Wir gehen davon aus, dass der Patient den Erreger mitgebracht hat und dass der Keim im Sana-Klinikum nicht verbreitet wurde." Das städtische Gesundheitsamt habe deshalb auch keine weiteren Maßnahmen veranlasst.

Keine Erklärung gibt es aber bisher für die Tatsache, warum bei dem Patienten beim Aufnahme-Screening der Keim nicht gefunden wurde, kurz vor der Verlegung nach Frankfurt aber sehr wohl. Das könnte zumindest ein Indiz dafür sein, dass der Aufenthalt in der Sana-Klinik etwas mit der Infektion zu tun hat.

Keim wohl doch nicht resistent gegen Desinfektionsmittel

Was auch immer in Offenbach passiert ist - in der Frankfurter Uniklinik trat ein, was eigentlich nicht geschehen darf: Der Keim verbreitete sich auf der Intensivstation weiter. Schon seit fast zwei Wochen ist ein Teil der Station geschlossen - und die Klinik bemüht, die Station mit einem hoch aggressiven Desinfektionsmittel keimfrei zu machen.

Eine Grundreinigung mit dem Standard-Desinfektionsmittel hatte laut Gesundheitsamt zunächst nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Der von der Uniklinik bestellte Experte Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, äußerte daraufhin den Verdacht, der gefundene Keim sei möglicherweise nicht nur resistent gegen die üblichen Antibiotika, sondern auch gegen herkömmliche Reinigungsmittel.

Auf Nachfrage von hr-iNFO räumte die Klinik jetzt allerdings ein, dass sich dieser Verdacht bisher nicht bestätigt habe. Wenn die bisherigen Analysen aber keine Resistenz gegen die verwendeten Desinfektionsmittel zeigen, heißt das im Umkehrschluss: Möglicherweise waren es doch Lücken in der Reinigungsroutine, die eine Übertragung des Keims innerhalb der Intensivstation ermöglicht haben. Die Uniklinik sagt: Man habe dazu keine neuen Erkenntnisse.

Mitarbeiter nicht untersucht

Umso mehr verwundert es, dass die Klinik einen möglichen Übertragungsweg bisher gar nicht untersucht hat: die eigenen Mitarbeiter. Von einem Screening des Personals der Intensivstation habe man abgesehen, so die Klinik auf Anfrage von hr-iNFO. Eine Untersuchung des Personals sei weder vom Frankfurter Gesundheitsamt noch von externen Sachverständigen angeraten worden. Es gebe auch keine derartige Empfehlung von medizinischen Fachgesellschaften.

Doch die Behauptung erscheint fraglich. So stellt etwa die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften fest: Treten mehr als zwei Fälle von multiresistenten Erregern innerhalb kurzer Zeit auf, können Untersuchungen bei den Mitarbeitern erforderlich sein. Auch die Landesregierung im benachbarten Thüringen empfiehlt in einer Handreichung, das Personal zu untersuchen, wenn mehr als zwei Keim-Fälle in einer Station auftreten. In Frankfurt waren es fünf Fälle.

Kein generelles Screening bei Aufnahme

Auch in anderer Hinsicht könnte der Fall die Krankenhäuser zum Umdenken zwingen. Die halten sich bislang im Umgang mit multiresistenten Keimen an die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert-Koch-Institut (Krinko). Die Kommission hält Krankenhäuser nicht dazu an, neue Patienten generell auf multiresistente Keime zu untersuchen. Zur Risikogruppe zählt bislang nur, wer vor kurzem in einem anderen Krankenhaus oder im Ausland war. "Ein obligatorisches differenziertes Screening bei der Patientenaufnahme könnte sinnvoll sein, um das Problem in den Griff zu kriegen", glaubt der hessische Ärztekammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach.

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