Neonazis Kassel
Neonazis in Kassel, die sich im August 2002 von der Polizei am Rande einer NPD-Veranstaltung in Sicherheit vor linken Gegendemonstranten bringen ließen. Bild © picture-alliance/dpa

Standen die NSU-Mörder in Verbindung mit Kasseler Neonazis? Zwei Rechtsextreme sollen heute im Untersuchungsausschuss Auskunft geben: der frühere V-Mann Benjamin G. und Michel F., eine der zentralen Figuren der Szene in Nordhessen.

Glaubt man der Selbstdarstellung von Michel F., dann ist seine Neonazi-Karriere Vergangenheit. Er habe nach einem Gefängnisaufenthalt 2009 mit dem Rechtsextremismus abgeschlossen. Beobachter haben da allerdings ihre Zweifel.

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Benjamin G. darf sprechen

Anders als im NSU-Prozess in München unterliegt Benjamin G. bei seiner Aussage im Landtagsausschuss (hessenschau.de-Liveticker) keiner Einschränkung. Warum, ist unklar. Das Landesamt für Verfassungsschutz gibt dazu keine Auskunft, nur so viel: "Die Erteilung von Aussagegenehmigungen dient dem Zweck, das gerichtliche bzw. parlamentarische und zugleich öffentliche Informationsinteresse möglichst vollumfänglich zu bedienen."
Die Opposition im Landtag erhofft sich dadurch aber nicht unbedingt mehr Klarheit, eher im Gegenteil. Weil G. keiner besonderen Geheimhaltung unterliege, könne man ihn bei möglichen Widersprüchen auch nicht mit Erkenntnissen aus vertraulichen Dokumenten konfrontieren, hieß es aus SPD und Linken.

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Denn F., dessen Körper großflächig mit Neonazi-Symbolen tätowiert ist, rief danach die Kasseler Hardcore Crew ins Leben: eine Art Rocker-Club, der altbekannte Neonazis versammelt. Die Hardcore Crew, sagt der nordhessische Rechtsextremismus-Experte Helge von Horn, sei keine harmlose Vereinigung von Motorradfreunden.

Michel F. betrachtet sich als Leitwolf dieser Gruppe, in der sich so viele alte Gesinnungsgenossen wiederfinden. Sie gehörten schon zum harten Kern nordhessischer Rechtsextremisten, als Halit Yozgat am 6. April 2006 in seinem Internetcafé von Mitgliedern der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ermordet wurde.

Mitglied von Sturm 18 und Streetfighting Crew

Michel F.
Michel F., eine der zentralen Figuren in der rechtsextremen Szene in Kassel. Bild © linksunten.indymedia.org

Michel F. selbst ist damals nicht nur als gewaltbereiter Hooligan in Erscheinung getreten. Er war auch Gründungsmitglied der inzwischen verbotenen Kasseler Neonazi-Truppe Sturm 18. Und er hatte als Mitglied der Streetfighting Crew beste Verbindungen zur rechtsextremen Szene in Dortmund. Diese Crew war eine Art Saalschutz und Security-Dienst der Dortmunder Rechtsrock-Band Oidoxie. Sie zählte sich zum Umfeld von Combat 18, dem militanten Arm des verbotenen Neonazi-Netzwerks Blood & Honour.

Auch in Dortmund wurde im April 2006 ein Mensch vom NSU erschossen, nur zwei Tage vor Halit Yozgat: der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik. Von Bedeutung dabei könnte sein, dass Oidoxie im März 2006 in Kassel auftrat, also kurz vor den beiden Morden. Beim Konzert wurden nach nicht abschließend geklärten Angaben aus Neonazi-Kreisen auch die mutmaßlichen Mörder gesehen, die NSU-Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Mögliche Schnittstellen zum NSU

Die Band Oidoxie und die Streetfighting Crew gelten als mögliche Schnittstellen zwischen dem NSU und den Neonazi-Szenen in Kassel und Dortmund. Bis heute ist ungeklärt, wer den NSU bei der Vorbereitung der Morde möglicherweise vor Ort unterstützt hat.

Die Hardcore Crew von Michel F. funktioniert als neue Sammelstelle alter Neonazis aus Nordhessen. Michel F. bleibt damit Drahtzieher dieser Szene, auch wenn er dies nicht offen propagiert. Die alten Seilschaften funktionieren auch immer noch. Dies hat ein Vorfall aus dem Jahr 2015 gezeigt. Im Dezember flog ein mutmaßlicher Waffendeal auf. Michel F. soll versucht haben, an einen Neonazi-Kameraden und ehemalige Oidoxie-Musiker Pistolen zu verkaufen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Im NSU-Prozess klärte Benjamin G. nichts

Benjamin G.
Benjamin G., früher V-Mann des Verfassungsschutzes in der Neonazi-Szene von Kassel. Bild © hr

Auch mit Benjamin G. war Michel F. bereits zum Zeitpunkt des Yozgat-Mordes verbandelt. G. wurde etwa 2002 als V-Mann angeworben, um das hessische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) mit Informationen über Kasseler Neonazis zu beliefern. 2006 wurden beide zeitgleich wegen Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen erfasst.

Benjamin G. war bereits beim NSU-Prozess in München als Zeuge geladen, gab dort allerdings keine Auskünfte, die zur Aufklärung des Kasseler Mordfalls beitrugen. Das LfV stellte seinem ehemaligen Informanten einen Anwalt zur Seite.

Unklar ist, ob Benjamin G. vom geplanten Mord an Halit Yozgat wusste. Kurz vor der Tat telefonierte er mit seinem Verbindungsmann beim Verfassungschutz, dem V-Mann-Führer Andreas Temme. Der hielt sich zum Zeitpunkt des Mordes oder unmittelbar davor am Tatort auf, will von den tödlichen Schüssen aber nichts mitbekommen haben.

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