Zwei Maschinen der Lufthansa über Frankfurt
Zwei Maschinen der Lufthansa über Frankfurt Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Häufigere Depressionen, größere Müdigkeit, weniger Lebensqualität: Laut der Großstudie "NORAH" setzt der Fluglärm im Rhein-Main-Gebiet den Anwohnern immer stärker zu. Trotzdem entdeckten die Experten auch Erfreuliches.

"Überflüssig", kontraproduktiv", "Ablenkungsmanöver vor Eröffnung der neuen Landebahn“: Als eine Ärzte-Initiative aus dem Rhein-Main-Gebiet 2012 dieses Urteil über "NORAH“ fällte, hatten Wissenschaftler erst damit begonnen, die vom Land Hessen in Auftrag gegebene gleichnamige Lärmwirkungsstudie zu erstellen.

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Nach viereinhalb Jahren Arbeit haben die "NORAH"-Macher am Donnerstag ihre Ergebnisse vorgestellt. Dabei lieferten sie nach Meinung eines unabhängigen Expertenbeirats, der sie kontrollierte, einige "herausragende neue Erkenntnisse“ zur Bewertung des Fluglärms in Frankfurt und Umgebung.

Die Fluglärmbelastung im Rhein-Main-Gebiet ist laut der Studie nicht nur "riesig", wie "NORAH"-Leiter Rainer Guski im Gespräch mit hessenschau.de sagte. Die Beeinträchtigungen für die Anwohner sind nach Angaben des Umwelt-Psychologen und Lärmexperten der Ruhr-Universität Bochum auch auf einigen Gebieten deutlich größer als gedacht.

Die Studie, die international umfangreichste ihrer Art, erbrachte aber auch positive Überraschungen . 100 Seiten umfasst allein die Zusammenfassung der Ergebnisse. Hier die wichtigsten:

1. Lebensqualität leidet zunehmend

Der Fluglärm beeinträchtigt mehr Menschen als die Wissenschaft bisher vermuteten. Im Rhein-Main-Gebiet ist diese Tendenz noch ausgeprägter als bei den mituntersuchten deutschen Flughafenregionen Köln/Bonn, Berlin und Stuttgart, obwohl dort das Unbehagen ebenfalls stieg. Was die Wissenschaftler besonders registrierten: Der Krach durch Flugzeuge nervt Anwohner mehr als der von Autos oder Zügen, sogar wenn der Fluglärm messbar geringer ist als der von Straße oder Schiene. "Luftverkehr ist stets die hinsichtlich der Belästigung dominierende Quelle“, lautet der Befund.

2. Der Landebahneffekt

Ein Jahr nach Inbetriebnahme der neuen Nordwest-Landebahn erreichte das Ausmaß der empfundenen Belästigung 2012 den bisherigen Höhepunkt, um dann wieder leicht nachzulassen. Die Experten stießen dabei auf den sogenannten "Change"-Faktor: In Gegenden, die neu zum Überfluggebiet wurden, störte der Lärm die Menschen mehr als dort, wo er im selben Maß schon länger herrscht.

3. Häufiger Depressionen

Fluglärm kann auch zu vermehrten körperlichen Erkrankungen führen, etwa zu Herzleiden. Ob er in - geringerer Häufigkeit - vielleicht sogar Brustkrebs verursachen kann, bleibt auch nach "NORAH" offen. Auffällig erhöht ist für Lärmgeschädigte aber das Risiko, depressiv zu werden. Es ist auch deutlich größer als beim Lärm durch Kfz- oder Bahnverkehr, der sich eher in einer Häufung von Herzerkrankungen auswirkt.

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24.000 Menschen befragt

"NORAH" steht für "Noise-Related Annoyance, Cognition and Health". 2011 ist die knapp zehn Millionen Euro teure Studie über die Folgen von Verkehrslärm gestartet worden – noch vor der Eröffnung der umstrittenen Nordwestlandebahn am Flughafen Frankfurt. Psychologen, Schlafforscher oder auch Umfrageexperten aus acht Forschungseinrichtungen hatten dazu ein Konsortium gebildet. Drei Schwerpunkte gab es: Folgen von Verkehrslärm auf Lebensqualität, Gesundheit und die Entwicklung von Kindern. Im Mittelpunkt stand der Fluglärm. Dazu befragten die Wissenschaftler 24.000 Rhein-Main-Bewohner, werten Krankenversicherungsdaten von drei Millionen Menschen aus und analysierten frühere Untersuchungen.

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4. Blutdruck stabil

Die Gefahr, an Bluthochdruck zu erkranken, ist für Flughafen-Anwohner kaum erhöht und nicht so groß wie angenommen. Über Wochen waren Puls und Blutdruck bei Testpersonen gemessen worden, Krankendaten von Versicherungen wurden einbezogen. Aus Ergebnissen wie diesen folgert der Vorstand des "Forums Flughafen & Region“ (FFR) mit Vertretern aus Politik, Luftfahrt und Region: "Insgesamt sind die nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken durch Fluglärm geringer als bisher angenommen.“

5. Durchschlafen dank Nachtflugverbot

"Das Hauptziel der Kernruhezeit wurde erreicht“, heißt es über das generelle Nachtflugverbot, das als Folge der umstrittenen neuen Landebahn und per höchstrichterlichem Beschluss auf die Zeit von 23 bis 5 Uhr ausgeweitet wurde. Es lässt demnach mehr Menschen durchschlafen.

6. Mehr sind müde

Doch das Ergebnis der "NORAH"-Schlafstudie ist zweischneidig. Anhand zweier Testgruppen, deren Schlafverhalten beobachtet wurde, fanden die Experten heraus: Viele werden in der Früh durch die Wiederaufnahme des Flugbetriebs geweckt. Und mehr Menschen im Rhein-Main-Gebiet gaben an, sie fühlten sich häufiger müde. Die SPD hat gerade eine Initiative zur Ausweitung des Nachtflugverbots angekündigt.

7. Fluglärmgegner schlafen schlechter

Wer dem Flugverkehr "positiv gegenübersteht", hat messbar weniger Schlafstörungen. Oder umgekehrt: Fluglärmgegner schlafen schlechter. Ein Rätsel bleibt bei der Frage nach Ursache und Wirkung. Schlafen diese Menschen wegen ihrer Einstellung schlecht? Oder haben sie ihre Einstellung, weil sie schlecht schlafen? Laut einer neuen, zwei Tage vor der NORAH-Studie veröffentlichten Fraport-Erhebung betrachten 67 Prozent der Menschen in der Region den Flughafen als Bereicherung. Aber fast genauso viele stört der Lärm erheblich.

8. Fluglärm hemmt das Lernen

Laute Flugzeuge stören den Unterricht und mindern die schulische Leistung von Kindern. In stark belasteten Gebieten kann das beim Lesen dazu führen, dass Grundschüler bis zu drei Monate hinter Gleichaltrigen im Rückstand sind. Dieses Ergebnis der Untersuchung wurde wegen der Brisanz bereits vor einem Jahr bekannt. Es folgte die Ankündigung weiterer Lärmschutzbemühungen.

Appell: "Keine extremen Interpretationen"

Die "NORAH"-Ergebnisse sind nach Einschätzung des "Forums Flughafen & Region" untauglich für Streit. FFR-Vorstandsmitglied Johann Dietrich Wörner, Generaldirektor der europäischen Raumfahrtbehörde ESA in Darmstadt,  appellierte am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie  an "Politiker wie Bürger, Luftfahrtbefürworter wie –gegner", sie sollten mit den "hochkomplexen Ergebnissen“ sorgsam umgehen. Es gelte, "extreme Interpretationen" und "voreilige Schlussfolgerungen" zu vermeiden.

Die Parteien im Landtag werteten die Ergebnisse fraktionsübergreifend als Ansporn, Maßnahmen gegen den Lärmschutz weiter voranzutreiben. "Auch wenn sich glücklicherweise gezeigt hat, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm insgesamt geringer sind als angenommen: Der Lärmschutz bleibt eines der zentralen Themen der Landesregierung", sagte Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne).

Die gesundheitlichen Risiken durch den Fluglärm seien minimal und damit geringer als angenommen, teilte Flughafenbetreiber Fraport mit. Weitere Eingriffe in den Flugverkehr seien unnötig, betonte Fraport-Chef Stefan Schulte.

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