Schulklasse mit Tablets
Schüler der Schule am Eschilishov in Limburg mit ihrer Lehrerin Frauke Linz Bild © Schule am Eschilishov

Was passiert, wenn man sieben- bis zehnjährigen Kindern iPads in die Hand drückt - hilft das wirklich beim Lernen, oder spielen die Kinder nur herum? Die Ergebnisse eines dreijährigen Pilotversuchs in Hessen sind eindeutig.

Drei Jahre lang hat das MOLE-Projekt Grundschüler begleitet, die iPads im Unterricht nutzen durften. "Die Fragestellung war, ob der Einsatz mobiler Endgeräte im Unterricht einen positiven Einfluss auf das Lernen und die Medienkompetenz unserer Schülerinnen und Schüler hat", erklärt Ingo Antony, der das Projekt für die Hessische Lehrkräfteakademie betreut hat, und verrät: das Ergebnis ist ein klares Ja. "Wir haben festgestellt, dass es durchaus einen Unterschied macht, und dass es einen sehr positiven Unterschied macht."

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„Wir haben festgestellt, dass es durchaus einen Unterschied macht, und dass es einen sehr positiven Unterschied macht.“ Zitat von Ingo Antony, Hessische Lehrkräfteakademie
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Motivationskurven der Kinder: Interesse, Kompetenz und Wahlfreiheit
Fortgesetzt hohes Interesse, Vertrauen in die eigene Kompetenz und große Wahlfreiheit: diese Faktoren machen "intrinsische Motivation" aus, Lernantrieb aus eigenem Interesse. Wissenschaftler maßen beständig hohe Werte bei den Kindern im Tablet-Pilotprojekt MOLE. Bild © Dr. Alexander Tillmann, studiumdigitale, Goethe-Universität Frankfurt

Das ist nicht nur ein Bauchgefühl: Eine Studie der Universität Frankfurt hat das Projekt begleitet und gemessen, wie sich die neuen Geräte auf die Motivation der Schüler auswirkten. So konnte ausgeschlossen werden, dass nur der Reiz des Neuen die Kinder zum iPad zog: tatsächlich sorgte das neue Lerngerät für anhaltend hohes Engagement im Unterricht. Beobachter, Teilnehmer und Organisatoren haben die Ergebnisse des seit drei Jahren laufenden Versuchs am Freitag auf dem Lehrer-Medientag im Hessischen Rundfunk vorgestellt.

Auch bei beteiligten Lehrern hat das Tablet in den Klassen viel Begeisterung ausgelöst. So sagt Bodo Merz, Lehrer an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hünfelden: "Seit ich das mit den iPads mache, überlege ich mir immer: kann ich das nicht im Unterricht anders aufbereiten, dass ich das mit der Medienkompetenz der Schüler verbinde? Gerade in Mathe." Und er sagt bestimmt: "Ich werde Unterricht nicht mehr ohne iPad machen."

Ein Kreativ-Werkzeug, keine Lernmaschine

Die begleitende Studie der Goethe-Universität hat aber auch belegt, dass das iPad allein keinen besseren Unterricht bedeutet: Wurde die neue Technik nur als Lernmaschine benutzt - als Plattform zur Vermittlung bestehender Wissensinhalte - verloren die Schüler eher wieder das Interesse. Aber sie waren hoch motiviert, wenn es ihnen weitgehend selbst überlassen war, was sie mit dem Gerät anstellten.

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zum Video "Weniger Frontalunterricht" - Lehrer Uwe Schöneberg und Forscher Alexander Tillmann zu Beobachtungen aus dem Pilotprojekt

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Das hat Konsequenzen für den Unterrichtsstil: "Die Lehrerinnen und Lehrer sind weniger selbst gefordert, den Unterricht frontal zu steuern und zu lenken", erklärt Studienleiter Alexander Tillmann. "Die Lehrer haben zum Teil gesagt: ich weiß gar nicht, was ich machen soll; die Kinder arbeiten ganz alleine, was habe ich denn jetzt zu tun?" Die traditionelle Form des Unterrichts - der Lehrer gibt jeden einzelnen Schritt vor, die Schüler lernen diese Schritte auswendig - hat ausgedient.

Bildungsforscher halten das für überfällig. Der Stuttgarter E-Learning-Spezialist Frank Thissen weist darauf hin, dass angelerntes Wissen in der digitalen Welt immer weniger Wert hat - es gehe heute vor allem um die Fähigkeit, eigenständig zu arbeiten; die Kompetenz, die richtigen Fragen zu stellen. Die fördert man, indem man die innere Motivation der Schüler fördert - dass sie Spaß daran erfahren, eigenständig Lösungen zu erarbeiten, Filme und Präsentationen zu präsentieren, kreativ zu werden. Und er zitiert einen US-Bildungsforscher: "Wenn Kinder etwas für die Welt machen, machen sie es gut. Wenn sie es für mich machen, machen sie es nur gut genug."

Erst einmal muss das W-LAN funktionieren

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zum Video Frauke Linz, Lehrerin an der Schule am Eschilishov in Limburg und diplomierte Informatikerin, zu den Hürden

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Den Erfolgen stehen erhebliche Aufwände gegenüber. Tablets sind teuer. Und es reicht nicht, sie anzuschaffen; alle paar Jahre müssen sie gegen neuere Geräte-Generationen ausgetauscht werden. Ein Team von engagierten Lehrern muss die Geräte einrichten, die richtigen Apps installieren, bei Problemen helfen. Dafür müssen die Lehrer Zeit haben - die Teilnehmer des MOLE-Projekts sagen: ohne die Zeit und die Neigung, sich Spezialwissen anzueignen, geht es nicht. Etwa, wenn es darum geht, alle Geräte zuverlässig ins Netz zu bringen.

Schülerinnen
Schülerinnen der Freiherr-von-Stein-Schule in Hünfelden mit ihren Tablets Bild © Judith Lehnert, Freiherr-von-Stein-Schule Hünfelden

Die Freiherr-vom-Stein-Schule in Hünfelden musste erst einmal ein Schul-W-LAN aufbauen - Uwe Schönfeld, Erdkunde- und Informatiklehrer, ging zu naiv an diese Aufgabe: "Ich dachte zuerst: so ein Router, 80 Euro, vom Baumarkt, der wird’s dann tun. Nein, der wird’s überhaupt nicht tun, da müssen wirklich Profis ran." Und es gibt an Schulen wenig Fachleute, die man fragen kann.

Widerstände waren auch in den Köpfen zu überwinden. Einige Lehrerkollegen wehrten sich gegen den Gedanken, den Schülern eine Technik in die Hand zu geben, die sie selbst noch nicht kannten.

Begeisterung macht gute Schüler

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Was die Schüler mit dem iPad alles anstellten

Hier einige der Ideen, die die Kinder mit der neuen Technik umsetzten:

  • Im Mathematikunterricht drehten die Kinder Filme, um Vorgänge und Lösungswege zu dokumentieren
  • Im Erdkundeunterricht entstand ein E-Book über Leuchttürme
  • Beim Tanzen im Sportunterricht filmten die Kinder Tänze und bemerkten: wir sind nicht synchron. Die Video-Technik wurde dann genutzt, um die Bewegungen zu perfektionieren
  • Im Deutschunterricht nutzten sie Mindmaps - und hielten Arbeitsergebnisse in Präsentationen fest, die die Kinder dann drahtlos direkt vom iPad auf den Beamer schicken konnten
  • In einer Intensivklasse mit Flüchtlingen entstanden per iPad Online-Übersetzungen von Aufgaben und Lösungen
  • Im Musikunterricht musizierten die Kinder mit ihren iPads - so konnte jeder mitmachen, obwohl es nicht genug herkömmliche Instrumente gab
Ende der weiteren Informationen

Was das Pilotprojekt nicht untersucht hat: ob die iPads tatsächlich auch zu besseren Schulnoten geführt haben. Um das sicher belegen zu können, war die Zahl der beteiligten Schüler noch zu klein, erläutigt der Wissenschaftler Tillmann - schließlich muss man im Vergleich mit möglichst vielen normalen Klassen beweisen können, dass der Effekt wirklich auf die neue Lernmethode zurückgeht und nicht auf Zufall. Aber man wisse aus Studien: Schüler, die motiviert und begeistert sind, erzielen auch bessere Noten.

Julia Eckhardt, Lehrerin an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hünfelden, beobachtete jedenfalls eine interessante Entwicklung: Die kreative Arbeit mit den Geräten machte die Kinder zu Perfektionisten. Auch wenn die Stunde vorbei war, wollten sie weiterarbeiten, weil sie mit dem Ergebnis noch nicht völlig zufrieden waren. "Die hatten ein tolles Ergebnis, aber es war in den Augen der Kinder noch nicht perfekt."

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