"Tiny Houses" Musterhaus der Tischlerei Bock
So groß wie nötig, so klein wie möglich: Dieses Muster-Minihaus ist acht Quadratmeter groß. Bild © Tischlerei Christian Bock , Katharina Jäger/Medienagentur Hallenberger

Auf einer Obstwiese in der Wetterau steht Frank Deltaus neues Eigenheim. Es ist kleiner als viele Kinderzimmer. Aber es hat ideelle Größe – und Räder.

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Der Weg von der Arbeit nach Hause führt Frank Deltau durch die Felder. Einen Kanister frisches Wasser trägt der 46-Jährige mit sich. Weit hat er es ja nicht. Von dem Bauernhof, auf dem er arbeitet, sind es keine 500 Meter zum neuen Zuhause. Sein Traumhaus steht unter Kirschbäumen auf einer Wiese in Reichelsheim in der Wetterau. Küche, Bad, Arbeits-, Wohn- und Schlafbereich: alles vorhanden. Auf 12,5 Quadratmetern und auf Rädern.

Bewusst auf Überfluss verzichten

Seit drei Wochen wohnt der Inhaber einer Vermarktungsgesellschaft für Bio-Lebensmittel in seinem winzigen Holzhäuschen. Eine große Wohnung, Leben in der Stadt - das wollte der studierte Gemüsebauer nach der Trennung von seiner Frau nicht länger. Es zog ihn in die Natur - und in sein "Tiny House". Gebaut hat es ihm der nordhessische Tischler Christian Bock aus Bad Wildungen. Nur mit dem Nötigsten, das Deltau braucht.

Minihaus-Bewohner Frank Deltau
Frank Deltau lebt in einem Minihaus. Bild © Christina Hallenberger | Medienagentur Hallenberger, Tischlerei Christian Bock, Querbeet Bio Frischvermarktung GmbH

Denn darum geht es dem Minihaus-Trend aus Amerika: Ganz bewusst will die "Tiny House"-Bewegung auf möglichst kleinem Raum leben. Einen Gegenentwurf zum Trend, Besitz und Wohnfläche zu vergrößern. Sie streben nach einem Wohnen im Einklang mit der Natur: durch ökologische Baustoffe und einen niedrigen Energieverbrauch. Eine Randbewegung? Ja. Aber sie fasst so langsam auch in Hessen Fuß.

Das Minihaus versorgt sich selbst

Und Frank Deltau ist ihr Vorreiter. Die Küche besteht aus einer Spüle und einem Campingkocher, das Badezimmer aus einer Toilette. Deltaus Schreibtisch ist zugleich sein Essstisch und das Spülbecken in der Küche nutzt er gleichzeitig als Waschbecken. Eine Dusche hat sein Zauberhaus nicht. Für gewöhnlich duscht, kocht und isst er auf dem Bauernhof, der auch Sitz seiner Vermarktungsgesellschaft ist. Deltau handelt mit dem ökologischen Obst und Gemüse, das auf dem Hof angebaut wird.

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So ungewöhnlich wie das Minihaus ist auch seine Wasser-, Strom- und Heizversorgung. Strom generiert das Haus über die eigene Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Für Frischwasser und Abwasser gibt es zwei Kanister. Geheizt wird über einen Kamin. Das ganze Minihaus versorgt sich selbst. Es ist aus ökologischen Baustoffen, LED-Technik hilft Strom sparen.

"Tiny Houses" Musterhaus der Tischlerei Bock
Das Musterhaus der Tischlerei Bock: Die Küche, das Bad und der Wohnbereich sind im Erdgeschoss. Unter dem Dach gibt es einen Schlafboden. Bild © Katharina Jäger/Medienagentur Hallenberger, Tischlerei Bock

Deltau: "Es ist wahnsinnig entlastend"

An sein Minihaus musste sich der Reichelsheimer erst gewöhnen, sagt Frank Deltau: "Ich war es gewohnt, dass es automatisch schön warm war, wenn ich nach Hause kam. Und das Wasser kam aus dem Wasserhahn." Jetzt muss er eben daran denken, nach der Arbeit einen Kanister frisches Wasser mitzunehmen, das Abwasser der Toilette und des Spülbeckens regelmäßig zu entleeren und den Kamin anzuheizen.

"Aber ich habe mich hier eingegroovt. Mein Minihaus ist zunehmend ein Zuhause für mich", fasst Deltau zusammen. Auf WLAN und ein Telefon hat der 46-Jährige bewusst verzichtet. "Mir geht es vor allem darum, in der Natur zu sein. Es ist wahnsinnig entlastend, nur das bei sich zu haben, das man wirklich braucht." Das Gefühl, er müsse auf irgendetwas verzichten, hat Deltau nicht.

Nordhessischer Tischler baut die Minihäuser

Deltau ist nicht der erste "Tiny House"-Kunde des nordhessischen Tischlers Christian Bock. Aber der erste, der das Minihaus als ständigen Wohnsitz nutzt. Seit 2014 hat Bock sechs solcher Winzig-Gebäude hergestellt: als Zweitwohnsitz für Singles, als Büro oder als Musikhaus. Bock hatte auch bereits eine Anfrage eines Studentenpärchens bekommen, die während eines Auslandssemesters sogar zu zweit ein Minihaus beziehen wollten. Ab 30.000 Euro kann man ein "Tiny House" kaufen. Je nach Kundenwunsch wird es mehr. Deltaus Haus mit der autarken Strom-, Wasser- und Heizversorgung kam auf rund 50.000 Euro.

Tischler Christian Bock aus Bad Wildungen
Tischler Christian Bock aus Bad Wildungen baut die "Mini-Häuser". Bild © Christina Hallenberger/Medienagentur Hallenberger, Tischlerei Christian Bock

Inspirationen aus dem Ausland

Zum "Tiny House"-Liebhaber wurde Christian Bock auf seinen vielen Reisen. Er hat für mehrere Monate in der Schweiz, der Türkei, Spanien und in Skandinavien gearbeitet. "Ich habe jedes Mal gedacht, wie ideal es doch wäre, mein eigenes Häuschen dabei zu haben", erinnert sich Bock. Erst experimentierte der Tischler mit einem Bauwagen, dann mit einem Zirkuswagen. Dann stieß er im Internet auf die "Tiny House" Bewegung in den USA.

Als Pionier der "Tiny Houses" gilt der US-Amerikaner Jay Shafer. Er plant gleich ein ganzes Minihaus-Dorf. Zwei Jahre lang hat Bock nach dem Vorbild Shafers nach Feierabend immer wieder Minihaus-Skizzen gezeichnet, erste Modelle angefertigt. 2014 hatten der Tischler und sein Team das erste "Tiny House" fertig. Sechs Monate hat es gedauert. Inzwischen reicht die Hälfte der Zeit.

Trotz Rädern: Deltaus Haus bleibt erst mal stehen

Wird das Tiny-Haus stationiert, müssen wie bei jedem Eigenheim die jeweiligen Bauordnungen beachtet werden. Umziehen geht auch. Bocks Minihäuser sind so konstruiert, dass sie selbst nach den strengen deutschen Vorschriften als gesicherte Ladung auf Anhänger oder mit eigenen Rädern als Wohnwagen zugelassen werden können.

Frank Deltau will aber erst einmal nicht mit seinem neuen Eigenheim auf Reisen gehen. "Ich bin froh, einen Platz gefunden zu haben, an dem ich gut leben kann", sagt der 46-Jährige. Miete für den Stellplatz auf der Wiese muss er nicht zahlen. Dafür schneidet er im Herbst die Kirschbäume.

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