Von Abschiebung bedrohte Familie Gashi und Freunde aus Villmar
"Familie Gashi gehört nach Deutschland": Die Villmarer sind mit der drohenden Abschiebung ihrer Nachbarn (Mitte) nicht einverstanden. Bild © Lisa Will (hr)

Familie Gashi aus Villmar ist ein Beispiel für Integration: Der Vater hat einen Job und hilft bei der Feuerwehr, die Kinder sind in Vereinen aktiv. Und doch sollen die Gashis abgeschoben werden: wegen eines Fehlers bei der Einreise.

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Von Abschiebung bedrohte Familie Gashi aus Villmar

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Abschiebung der Familie Gashi wäre unmenschlich"

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Der geplante Gesprächstermin mit der Familie Gashi wuchs sich zu einer mittleren Bürgerversammlung aus. Rund 70 Villmarer kamen am Dienstagabend ins Sportheim des Marktfleckens im Kreis Limburg-Weilburg, um zu signalisieren, was manche von ihnen auch auf Plakate geschrieben hatten: "Familie Gashi gehört nach Deutschland". Zuvor hatten sie bereits rund 1.000 Unterschriften zusammengetragen, um gegen die geplante Abschiebung der Roma-Familie aus Bosnien-Herzegowina zu protestieren.

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Seit rund sechs Jahren leben Erdan und Azra Gashi in Villmar, inzwischen haben sie vier Kinder. Die jüngeren von ihnen kennen die Heimat der Eltern überhaupt nicht. Der Zuspruch der Nachbarn rührt Erdan Gashi, wie er sagt, er sei aber auch verzweifelt: "Wir haben wohl keine Chancen, hier zu bleiben. Wir haben große Angst." Denn in Bosnien würden er und seine Familie als Roma verfolgt: kaum Chancen auf Arbeit, immer wieder vertrieben, die Kinder dürften nicht in die Schule.

In Villmar dagegen scheint die Familie bestens integriert: Erdan Gashi arbeitet in Vollzeit, ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und kickt in der Kreisliga, die Kinder sind in Sportvereinen aktiv. "Die Familie ist engagiert und hier bestens integriert – besser als so mancher Deutscher", sagt Bürgermeister Arnold-Richard Lenz (SPD). Es wäre ein Verlust für die Gemeinde, wenn die Familie gehen müsste, sagt er. Die Geschichte erinnert an die eines Flüchtlings in Neu-Isenburg.

Falsche Identität bei der Einreise

Nach derzeitigem Stand müssen die Gashis bis Freitag (21. April) nach Bosnien ausgereist sein. Es sei unmenschlich, die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen, findet Angelika Guidry. Als Vorsitzende des Villmarer Helferkreises, eines Vereins für Flüchtlingshilfe, kennt sie die Familie seit Jahren. "Die Kinder sprechen nicht einmal richtig Bosnisch, dafür akzentfrei Deutsch. Ihre einzige Heimat ist Deutschland, ist Villmar", sagt Guidry.

Von Abschiebung bedrohte Familie Gashi und Freunde aus Villmar
Spontan kamen rund 70 Nachbarn aus Villmar zusammen, um für den Verbleib und gegen die drohende Abschiebung der Familie Gashi zu demonstrieren. Bild © Lisa Will (hr)

Doch die Behörden sind anderer Meinung. Die drohende Abschiebung ist wohl zum Teil selbst verschuldet. Die Gashis reisten vor sechs Jahren unter dem Namen Hamidovic, dem Mädchennamen der Mutter von Erdan Gashi, in Deutschland ein. Das Regierungspräsidium Gießen und das hessische Innenministerium sehen sich dadurch getäuscht: Die Gashis hätten eine falsche Identität angegeben.

Nach Angaben des Helferkreises hatte der damalige Anwalt der Familie dazu geraten. Mit einem serbischen Nachnamen wären die Chancen auf Asyl in Deutschland gleich null gewesen, habe er gesagt. Der bosnisch-herzegowinische Name der Mutter habe die Chancen zumindest etwas gesteigert. Einiges bleibt freilich undurchsichtig: So ist Gashi ein albanischer, kein serbischer Nachname. Erdan Gashi wiederum hat nur einen serbischen Pass, obwohl er dort kaum lebte. In den Wirren des Bosnien-Kriegs kam er als gebürtiger Kosovare dorthin, wie er berichtet.

Letzte Hoffnung Verwaltungsgericht

Alle Asylanträge, die die Familie in den vergangenen Jahren stellte, wurden abgelehnt. Auch ein Härtefallantrag hatte - trotz positiver Empfehlung der Härtefallkommission des Landtags - keinen Erfolg. "Aber zum Glück leben wir in einem Rechtsstaat", sagt Fabian Eigenbrodt vom Helferkreis. Die Freunde der Gashis wollen beim Verwaltungsgericht Wiesbaden einen Eilantrag auf Aufenthaltsgewährung bei nachhaltiger Integration (siehe Infobox) stellen.

Wann vor Gericht eine Entscheidung zu erwarten ist, ist ungewiss. Zumindest die Frist, bis Freitag dieser Woche ausreisen zu müssen, sei dann erst einmal gebannt, sagt Eigenbrodt. Für Erdan Gashi liegt darin die letzte Hoffnung, dass seine Familie in Villmar bleiben kann: "Mein großer Wunsch ist es, in Deutschland zu bleiben. Es wäre schwierig, wenn wir zurück müssten."

Weitere Informationen

Aufenthaltsgewährung bei nachhaltiger Integration

Paragraf 25b des Aufenthaltsgesetzes ermöglicht eine Aufenthaltsgenehmigung bei nachhaltiger Integration. Gemeint ist damit, dass sich ein geduldeter Ausländer in die Lebensverhältnisse der Bundesrepublik integriert hat. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass er sich seit mindestens acht Jahren oder – wenn minderjährige Kinder bei ihm leben – sechs Jahren ununterbrochen geduldet in Deutschland aufhält.
Außerdem muss der Ausländer über hinreichende Deutschkenntnisse verfügen, den Schulbesuch seiner Kinder nachweisen, sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik bekennen und seinen Lebensunterhalt überwiegend durch eine Erwerbstätigkeit sichern. Verwehrt werden kann die Aufenthaltsgenehmigung, wenn der Ausländer die Behörden beispielsweise bei der Angabe seiner Identität oder Staatsangehörigkeit getäuscht hat.
Quelle: Aufenthaltsgesetz

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