Tafel Flensburg
Für alle offen: Die Tafeln versorgen Obdachlose, Menschen mit niedrigem Einkommen und in jüngster Zeit immer mehr Flüchtlinge. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Es wird eng an Deutschlands Tafeln – auch deshalb, weil immer mehr Flüchtlinge das Angebot wahrnehmen. In Langen ist der Andrang inzwischen so groß, dass improvisiert werden muss: Es gibt ein Vergabesystem mit Farbkärtchen – und eine Warteliste.

Schon am Freitagvormittag ist viel los bei der Lebensmittelausgabe nahe dem Langener Bahnhof. Die Helfer sind noch dabei, Obst und Gemüse zu stapeln, als schon die ersten Nutzer der Tafel eintreffen. Diesmal sind die Blauen dran. Wer sich für zwei Euro eindecken will, muss sich zuvor anmelden. Am 1. März haben die Organisatoren um Friedelgaard Pietsch, die Vorsitzende des Vereins Langener Tafel, auf ein Modell mit farbigen Kärtchen umgestellt. "Die Leute bekommen ein Kärtchen", erklärt Pietsch, "und die unterschiedlichen Farben für die Wochentage machen es für uns einfach: montags Rot und so weiter und so weiter."

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Tafel Leipzig

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An Deutschlands Tafeln wird es eng. Der Bundesverband der Lebensmittelausgaben für Bedürftige meldet flächendeckend eine große Nachfrage. Die Ernährungssoziologin Jana Rückert-John sagte der dpa, es komme zu Spannungen, "weil nun auch vermehrt Migranten die Einrichtungen aufsuchen". Auch in Hessen arbeiten viele der Lebensmittelausgaben für Bedürftige an der Belastungsgrenze. Die Tafel in Langen (Offenbach) hat wegen des großen Andrangs nun sogar eine Warteliste eingeführt.

"Das schaffen wir nicht mehr"

Früher konnten sich die Armen zweimal pro Woche an der Langener Tafel bedienen. Doch das, sagt Pietsch, könne man wegen des großen Andrangs nicht mehr leisten. "Durch die Flüchtlingssituation wurde es plötzlich immer mehr, immer mehr, immer mehr und wir merkten irgendwann: Das schaffen wir nicht mehr."

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Viermal pro Woche werden Bedürftige in Langen mit Lebensmitteln versorgt. Die Einteilung der Kunden in eine rote, eine grüne, eine orangefarbene und eine blaue Gruppe blieb nicht die einzige Maßnahme, um die Situation zu bewältigen, die durch die zusätzlichen Nutzer entstanden ist. Rund 60 kann die Tafel an einem Tag bewältigen. Kommen weitere hinzu, hilft nur noch eine Warteliste.

Dort trage man dann die Namen der Neuen ein, sagt Pietsch. "Und da wir über einen längeren Zeitraum Listen geführt haben, können wir sehen: Ach, da war einer von den Flüchtlingen einen Monat nicht mehr da, der ist dann wohl weitergezogen. Dann können wir die, die wir neu eingetragen haben, wieder aufnehmen."

Die Rentner bleiben lieber unter sich

Flüchtlinge stellen auch an diesem Freitagmorgen in der Lebensmittelausgabe das Gros der Anwesenden. Maria aus dem benachbarten Egelsbach gehört nicht zu ihnen. Mit der gestiegenen Nachfrage durch die Flüchtlinge hat sie kein Problem: "Es sind mehr dazugekommen, klar, und wir sind jetzt in vier Gruppen unterteilt. Aber wir fühlen uns nicht belästigt oder so."

Nicht alle, die schon länger zur Langener Tafel kommen, sehen das so entspannt. Bei einigen Langener Rentnern, die das Angebot nutzen, sorgten die Neuankömmlinge aus fernen Ländern für Verunsicherung. Friedelgaard Pietsch wusste Rat: Die Altvorderen gehören nun zur grünen Gruppe, kommen dienstags zur Tafel – und bleiben da weitgehend unter sich.

Keine Konflikte, aber "eine gewisse Ungeduld"

Noch sind bei der Langener Lebensmittelausgabe keine ernsthaften Konflikte aufgetreten. Aber Friedelgaard Pietsch hat bei Teilen der alten Klientel doch einen Stimmungswandel erkannt: "Manchmal merke ich schon eine gewisse Ungeduld, um nicht zu sagen Aggression; dass so ein Neidgefühl aufkommt, von denen, die schon immer hier waren."

Die Flüchtlinge, die am Freitag geduldig warten, bis es losgeht, wirken nicht so, als ob sie davon etwas mitgekriegt hätten. "Ich hole mir hier alle möglichen Lebensmittel. Es gibt Obst, Schokolade, Gemüse. Und es ist billig!", sagt Tarik aus Pakistan. Er lobt ausgiebig, wie respektvoll die Menschen bei der Tafel miteinander umgingen und dass die Religionszugehörigkeit keine Rolle spiele.

Im April wird die Tafel in den Langener Stadtteil Neurott umziehen. Die Vereinsvorsitzende Pietsch schwärmt von den neuen Räumen. Aber auch dort könnte es rasch eng werden. Langens größte Flüchtlingsunterkunft ist gleich um die Ecke.

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