Kreisel Dietzenbach
So könnte der "Ratten-Kreisel" aussehen Bild © Uschi Heusel

Immer mehr Kommunen nutzen die Innenfläche von Verkehrskreiseln als Raum für Kunst. Gegen ein Projekt in Dietzenbach regt sich aber nun massiver Widerstand. Die Bronzeskulptur, um die es geht, stellt eine Ratte dar.

Alles begann ganz harmlos. Ein Kreisel in Dietzenbach (Offenbach) soll schöner werden. Noch ist der Kreisverkehr an der Kreuzung von Offenbacher Straße, Gustav-Heinemann-Ring und Theodor-Heuss-Ring ein Provisorium. "Lego-Kreisel" nennen ihn die Dietzenbacher schnodderig - wegen der roten und weißen Plastikelemente, die die Fahrbahn säumen.

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Bei der Frage, wie das Rondell künftig aussehen könnte, meldete sich die Cartoonistin und Malerin Uschi Heusel zu Wort. "Irgendwann stand in der Zeitung, dass der Lego-Kreisel umgestaltet werden soll", erinnert sie sich. "Und bei irgendeiner Gelegenheit habe ich gesagt: Ich könnte mir da gut eine Gestaltung vorstellen."

Wanderratte Ludwig auf einem Steinberg

Die 60 Jahre alte Künstlerin ist nicht nur sehr erfolgreich, sondern obendrein eine waschechte Dietzenbacherin. Sie wurde im Stadtteil Steinberg geboren und lebt bis heute in ihrem Elternhaus. Der Magistrat ihrer Heimatstadt war begeistert und gab Heusel den Zuschlag - sehr zu deren Freude: "Ich hab erst mal gedacht: Super! Der Magistrat hat es abgenickt, der Bauausschuss fand es auch toll. Es gab sogar Applaus - ich habe die Sache nämlich jeweils selber vorgestellt anhand eines kleinen Modells, das ich gebastelt hatte aus Steinen aus dem Garten."

Heusels künstlerisches Schaffen dreht sich um eine Figur, die sie vor knapp 20 Jahren für einen Kunden zeichnete und die alsbald begann, ein aufregendes Eigenleben zu führen: Ludwig. Er lernte als Cartoon-Figur laufen und diente Heusel auch als Protagonist der zuvor sträflich vernachlässigten Kunstgattung Große Nagetier-Meister. Ludwig und einige Anverwandte posieren in berühmten Gemälden. Dass Heusel nicht Gefahr läuft, sich damit eine Strafe als Fälscherin einzuhandeln, liegt an Ludwigs Morphologie. Er ist kein Homo sapiens, sondern gehört der Gattung Rattus norvegicus an. Ludwig ist eine Wanderratte.

Logisch also, dass Ludwig auch Heusels Entwurf für den Kreisel dominiert. Er sitzt auf einem Berg aus Steinen (Steinberg), beschattet mit einer Pfote seine Augen und blickt in die Ferne.

"Die denken vielleicht: Hier ist eine große Rattenpopulation"

Ärger braute sich allerdings nicht am fernen Horizont, sondern vor Ort zusammen. Etliche Dietzenbacher, die in der Nähe des Kreisels wohnen oder dort ihren Geschäften nachgehen, sind von den Umbauplänen nicht begeistert. Eine Ratte sei nun mal kein Tier, das die Leute mögen, findet Otto Krämer. Er ist einer der Aktivisten der neuen Initiative "Bürger gegen den Ratten-Kreisel". Man sei keineswegs eine kleine Minderheit, sagt Krämer: "Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Als sie von der Ratte gehört haben, da haben viele gesagt: Das kann doch nicht wahr sein. Das Ding wird dann Ratten-Kreisel heißen!"

Auch Krämers Mitstreiter Hans-Willi Willems findet, mit der menschengroßen Bronzefigur sende Dietzenbach eine falsche Botschaft an vorbeifahrende Autofahrer, die nicht aus der Gegend kämen. "Die denken vielleicht: Hier ist eine große Rattenpopulation oder hier muss die Ratte verherrlicht werden. Und das sehen wir als übertrieben an."

Monster-Hahn in Einhausen, Frosch in Seligenstadt

Klar, Kunst ist Geschmacksache - auch im Kreisel. Aber um Skulpturen im Straßenraum, die Tieren nachempfunden sind, gibt es in Hessen gern besonders viel Aufregung. Den Vogel schoss zuletzt die Gemeinde Einhausen (Bergstraße) ab. Sie bekam von ihrer Partnergemeinde im US-Bundesstaat Minnesota einen Hahn geschenkt. Das Einhäuser Wappentier sollte einen Kreisel zieren. Doch als der Hahn schließlich da war, wusste man nicht, wohin mit dem "Riesen-Giggel". In Amerika ist ja bekanntlich alles ein bisschen größer. Und das Federvieh aus Minnesota misst vom Kratzfuß bis zum Kamm fast drei Meter. Der Monster-Hahn steht jetzt am Straßenrand.

Ganz in der Nähe von Dietzenbach gibt es einen tierischen Kreisel: in Seligenstadt-Froschhausen (Offenbach). Unschwer zu erraten, dass man sich dort mit Amphibien schmückt. Vor gut vier Jahren spendierte die Vergnügungsgesellschaft Edelweiß zwei mannshohe Frosch-Skulpturen für den Kreisel am östlichen Ortsausgang. Zweimal wurden sie mutwillig beschädigt. Doch nach Auskunft des Vereinsvorsitzenden Hans Flechsenhar leben Mensch und Metall-Frosch insgesamt in vorbildlicher Harmonie: "Ich glaube schon, dass es positiv gesehen wird. Das Ganze soll Fröhlichkeit ausstrahlen. Es ist ein netter Gruß an die Autofahrer, die sich freuen, nach Froschhausen zu kommen. Wir haben hier ein gutes Miteinander."

Ludwig-Gegner fordern offenen Wettbewerb zur Kreisel-Gestaltung

Ein solches ist zwischen Rattenfreunden und Rattengegnern in Dietzenbach vorerst nicht zu erwarten. Willems glaubt: "Dietzenbach ist gespalten." Er betont zugleich, dass die Kritiker weder gegen Uschi Heusel noch gegen deren Kunstfigur Ludwig irgendetwas einzuwenden hätten. "Sie ist sehr beliebt hier. Auch bei uns. Ich war immer ein Fan der Ratte Ludwig", sagt Willems. Aber mit der Ratte, die über einem Kreisel throne, sei dann doch "eine Grenze überschritten" worden.

Die Initiative fordert einen offenen Wettbewerb zur Gestaltung des Kreisels. Sie zweifelt an, dass der Magistrat den Auftrag einfach vergeben konnte, ohne das Stadtparlament zu fragen. Inzwischen haben Willems und seine Mitstreiter mehr als 400 Unterschriften gesammelt. Und es würden beinahe stündlich mehr, heißt es im Lager der Ludwig-Opposition.

Rückzieher kommt für Künstlerin nicht in Frage

Uschi Heusel nimmt den Protest gegen ihr Werk gelassen zur Kenntnis. "So etwas kommt mal vor", sagt die Künstlerin achselzuckend. Das Ausmaß des Widerstands hat sie dennoch überrascht, zumal sie der Stadt ihre Arbeit nicht in Rechnung stellt und für die Kosten zur Herstellung der Bronzeplastik ein privater Geldgeber aufkommt.

Ein Rückzieher kommt für Heusel nicht in Frage: "Ich habe den Auftrag der Stadt und arbeite daran weiter. Erst mal mit Pappmaché. Und wenn ich sage, jetzt ist es gut, wird es zur Kunstgießerei gebracht. Und dann geht die Sache ihrer Wege." Im April soll Ludwig seinen Platz im Kreisel einnehmen. Vielleicht erlebt Dietzenbach dann ja Deutschlands erste Demonstration gegen die Verherrlichung von Nagetieren.

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