Kollage zu AFN
AFN-Moderator Tom Gauger (1964), daneben der Sendemast auf dem Feldberg. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), Kollage: hr

Der US-Radiosender AFN sendet nach über 70 Jahren nicht mehr vom Feldberg im Taunus aus. Im hessenschau.de-Interview blicken die Macher des Films "Radio Star - Die AFN-Story" zurück auf die Geschichte des Kultprogramms.

Die Darmstädter Dokumentarfilmer Hannes Karnick und Wolfgang Richter haben sich intensiv mit der Geschichte des Soldatensenders AFN beschäftigt, Anlass war der 50. Geburtstag des Senders in Deutschland. In ihrem Film "Radio Star - Die AFN Story" zeigen sie Ausschnitte legendärer AFN-Auftritte von Stars wie Marlene Dietrich oder Marilyn Monroe. AFN gehörte zur hessischen, speziell zur Frankfurter Geschichte, sagen Karnick und Richter. Warum der Sender der 68er-Bewegung wohl den Weg geebnet hat und warum viele Deutsche einen verklärten Blick auf ihn hatten, erklären sie im Interview.

hessenschau.de: Herr Karnick, Herr Richter, bei den Jugendlichen der 1950er und 60er Jahre war wohl kein Sender so beliebt wie AFN. Warum?

Wolfgang Richter: Dazu muss man erst einmal sagen, dass in dieser Zeit die Amerikaner eine andere Rolle gespielt haben als heute. Es war vor dem Vietnam-Krieg, die Amerikaner hatten die Luftbrücke nach Berlin eingerichtet. Und es waren irgendwie schräge Typen, die in Frankfurt in der Bertramstraße neben dem Hessischen Rundfunk saßen. Und wenn man über "die Amis" Kaugummi organisieren konnte, war man ein ganz großer Typ. Später gab’s da auch billige Zigaretten.

Radio AFN
Erst war er AFN-Moderator, dann machte er in Deutschland eine Karriere als Sänger und Entertainer: Bill Ramsay. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Außerdem war AFN viel attraktiver als die deutschen Sender, was die Musik betraf. In den deutschen Sendern liefen Schlager und Heimatlieder. Die Amis hatten eine andere Musik, Jazz, Blues, Swing, Rock, Pop. Das hat dem Lebensgefühl eigentlich noch vor der Studentenbewegung einen ganz starken Push gegeben. Vielleicht ist sogar vieles, was 1968 passiert ist, erst möglich gewesen, weil mit AFN nach der Nazizeit eine andere Form von Kultur nach Deutschland gekommen ist.

hessenschau.de: AFN soll in dieser Zeit sogar mehr Hörerpost von Deutschen als von Amerikanern bekommen haben.

Hannes Karnick: Das wird so berichtet. AFN selbst hat sich da nie genau drüber ausgelassen. Sicherlich hat man sich dort darüber gefreut, ein Instrument in der Hand zu haben, mit dem man einen kulturellen und sicher auch einen politischen Einfluss auf die deutsche Bevölkerung und speziell auf die deutsche Jugend hatte.

Radio AFN
Gary Bautell, Chef von AFN Radio Europe. Er arbeitet seit 1962 für das Soldatenradio. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Es ist ja so: An sich war die Senderkette ja für die amerikanischen Soldaten gedacht, zu ihrer Unterhaltung und zur Information. Das Informationsziel war und ist bis heute eigentlich die Hauptaufgabe. In unserem Film sagt einer der führenden Mitarbeiter so viel wie: Die Musik war der Zuckerguss, mit dem die Medizin, also die Information besser runtergeht. Ich glaube, die Deutschen haben nur den Zuckerguss in dem Sender gesehen.

hessenschau.de: Dazu würde ein Spruch passen, der wohl während des Vietnam-Kriegs an die Westseite Berliner Mauer gesprüht wurde: "Amis raus. Außer AFN".

Wolfgang Richter: Die Stimmung war tatsächlich so, dass die deutschen Fans dachten, AFN sei etwas ganz anderes - was natürlich nicht stimmte. AFN war und ist ein Teil des militärischen Apparats. Es ist kein Kulturbetrieb. AFN hatte und hat ganz spezielle Ziele.

hessenschau.de: Also auch eine ideologische Beeinflussung?

Wolfgang Richter und Hannes Karnick
Wolfgang Richter und Hannes Karnick (M. und re., zusammen mit Robert Jay Lifton/New York bei der Premiere des Films "Wenn Ärzte töten"). Bild © docfilm

Hannes Karnick: Jein. Offiziell natürlich nicht. Es gibt in Amerika den "Free Flow of Information Act", ein Gesetz, nach dem der freie Informationsfluss gewährleistet sein muss. Aber natürlich haben die Militärs immer versucht - so wie jeder, der seine Interessen vertritt - möglichst das unter den Teppich zu kehren, was ihre Truppen nicht hören sollten - wie schlechte Nachrichten aus Vietnam.

hessenschau.de: Zurück nach Deutschland: Welchen Einfluss hatte AFN auf die deutschen Sender?

Wolfgang Richter: Da ist viel passiert. Da gab es zum Beispiel einen Fritz Egner, der war Tontechniker bei AFN in München. Irgendwann war ein DJ krank, da hat er sich an die Turntables gesetzt und die Sendung gefahren. Egner war später DJ beim Bayerischen Rundfunk und hat dann Fernsehunterhaltung gemacht. Mit solchen Leuten hat sich natürlich auch das Programm der deutschen Sender geändert. Die haben gemerkt, dass sie erfolgreich sind, wenn sie nicht nur Musik abspielen sondern auch locker moderieren.

Fritz Egner
Moderator Fritz Egner Bild © picture-alliance/dpa

Hannes Karnick: Man hat beim deutschen Rundfunk sicher auch gemerkt, dass das Publikum wegblieb. In den 1970er Jahren waren dann Sender wie SWF3 oder etwas später BR3 die ersten, die neues Musikradio im Stil von AFN gemacht haben.

hessenschau.de: Nun trennt sich AFN seit Jahren von Frequenzen in Deutschland. Stimmt Sie das nostalgisch?

Wolfgang Richter: Nicht wirklich, ich höre kein AFN mehr. Und die Jugend heute hört kaum noch Radio. Die hat ihre Streamingdienste im Internet. Durch das Internet haben wir ja heute auch die Möglichkeit, uns jeden Sender der Welt ins Haus zu holen. Insofern spielt AFN sowieso kaum noch eine Rolle. Der Sender war damals einfach ein Fenster in eine andere Welt. Das ist heute gar nicht mehr nötig.

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Hintergrund

AFN steht für American Forces Network. Die Senderkette startete ihren Betrieb im Juli 1943 und sendet seitdem für die im Ausland stationierten amerikanischen Truppen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Abzug amerikanischer Truppen aus vielen Teilen der Welt wurden Stationen geschlossen und Frequenzen verlassen. Am 18. Januar 2017 wird die reichweitenstarke Frequenz 98.70 MHz aufgegeben, auf der vom Großen Feldberg aus gesendet wird. AFN Wiesbaden sendet dann auf der Frequenz 103.7 MHz aus der Hainerberg-Siedlung der US-Armee. Außerdem gibt es AFN im Internet. Die Feldberg-Frequenz übernimmt das Deutschlandradio.

Infos zum Film: "Radio Star - Die AFN Story", 96 Min.
von Hannes Karnick und Wolfgang Richter
Koproduktion: Bayerischer Rundfunk

In dem Film kommen auch ehemalige Moderatoren zu Wort, lokale wie internationale: Werner Lamp zum Beispiel, der für AFN Frankfurt den Wetterbericht in einem kaum verständlichen hessischen Englisch verlas. Oder Adrian Cronauer, der durch den Hollywood-Film "Good Morning Vietnam" weltberühmt wurde.

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60 Kommentare

  • Der AFN war mein Favorit insbesondere deshalb, weil u.a. jeden Sonntag ca. gegen ab 13 Uhr die Top Thirty - oder Top Forty- zu hören war - dieser Sender spielte dann das Beste was an hits zu dieser Zeit erschienen war.

  • AFN war einfach Pflichtfach für die Jugend damals. Kein Englisch-Lehrer konnte uns das freiwillige Lernen der Sprache so vermitteln, wie AFN es vermochte....
    Aufgewachsen im mauerumbauten West-Berlin war AFN aber auch ein 'guter Freund'. Er war immer da, man konnte ihn immer hören...er vermittelte Freiheit und auch Sicherheit. Man hatte nicht ganz so viel Angst vor dem, was da politisch abging. Verwandte im Ostteil der Stadt hörten AFN, sogar DDR Soldaten. Nachts, heimlich, unter der Bettdecke. Riskierten enorme Strafen. AFN war halt die 'Große freie weite Welt'........
    AFN Frankfurt wurde später ebenfalls 'ein guter Freund'. Ja, auch ich erinnere mich sehr gut an viele Namen, an viele Leute. Und mit meinem 'Sugar coated Breakfast Flake' Benny wird AFN immer Teil unseres Lebens sein. Und manchmal sind wir traurig, das diese Zeit für immer vorbei ist.........Schade.
    AFN wird aber weiter leben........durch Menschen, die schöne Erinnerungen daran haben.


  • Meine beiden Twin-Cousins "brachten" bei Besuch aus Fankfurt/Main um 1964 den AFN mit nach Westsachsen. Empfang per Mittelwelle. Um 6:Uhr 05 flotte Musik, im Sommer in den Schulferien , aber auch nur dann, kein Problem. Im Osten wurde uns? (mir) nicht die Marschmusik, sondern die ewigen Pionierlieder weg getrieben. " North to Alaska" erinnere ich mich gern daran, Das hatte für einen Militärsender echt Stil. Was das Leben im Turm betrifft, dazu hätte ich für Tim Gaugher eine kleine Story aus dem Westharz (Wurmberg/Braunlage) parat. Über einen Kontakt zu Tim würde ich mich sehr freuen.
    Es bedankt sich H.-R. Gläser
    Jetzt in Magdeburg

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