Comic-Cover In the Pines, Cowboy Henk, Claire Dewitt
Bild © Avant-Verlag/Edition Moderne /Splitter-Verlag

Klassiker wie Cowboy Henk, das durchgeknallte Zwillingspaar Kinky & Cosy oder Horror-Western mit umherfliegenden Gliedmaßen - die Comic-Welten vom Ehrengast Flandern und die Niederlande sind schier unerschöpflich.

Kamagurka/Herr Seele "Cowboy Henk"

Der bekennende Comic-Fan und -Experte Umberto Eco soll über Cowboy Henk gesagt haben: "(Er) ist nicht immer gut, aber wenn er gut ist, ist er wirklich gut." Wie viel davon wirklich gut ist, macht jetzt ein Sammelband deutlich.

Cover Cowboy Henk Kamagurka/Herr Seele
Bild © Edition Moderne

Kamagurka und Herr Seele alias Luc Zeebroek und Peter van Heirseele zeigen darin allzu schrägen Humor, der oft ins völlig Abseitige abdriftet. In der Tradition der belgischen Surrealisten stehend, könnte man dazu sagen (wie im Innenteil des Bandes) – muss man aber nicht.

1981 erschien die Figur des Cowboy Henk zum ersten Mal und wurde 30 Jahre ununterbrochen veröffentlicht. Nach einer kurzen Pause denken sich die beiden Autoren seit 2013 neue Absurditäten aus, die ihre Figur in meist einseitigen Geschichten durchlebt. Seine Stärken hat Cowboy Henk sicherlich, wenn es mal nicht um Sex oder abgetrennte Gliedmaßen geht. Dann, wenn der muskulöse Blondschopf einfach nur treu-doof daherkommt und beim Bäcker einen Fisch bestellt. Absurder Humor, der sich bitte ausschließlich an Erwachsene richtet - das ist Cowboy Henk.

Nix "Kinky & Cosy"

Wenn Comic-Zeichner Nix alias Marnix Verduyn zur Signierstunde kommt und sein Werk vorstellt, wird schnell ein kleiner Workshop daraus. Wer mitmacht muss abwechselnd mit links und rechts zeichnen, mit beiden Händen gleichzeitig, mit dem Mund oder mit Hand und Mund gemeinsam. Heraus kommen anarchistisch anmutende Kinderzeichnungen, die so auch von seinen Protagonisten Kinky & Cosy stammen könnten.

Cover Kinky&Cosy Nix
Nix "Kinky & Cosy", Avant-Verlag, 288 Seiten, 29,95 Euro Bild © Avant-Verlag

Das verrückte, unschuldige Zwillingspaar hinterlässt Chaos und Verwüstung, erinnert manchmal an Beavis und Butthead aus alten MTV-Zeiten und ist doch ganz anders. Gehirnwäsche und die Pille des Wissens gehören genauso zum Alltag der beiden, wie die geschnorrten Zigaretten, die sie sich zum Schutz vor dem Rauch mit dem Filter nach außen in die Nase stecken. Auch wenn das Buchcover den Eindruck erwecken will: Kinky & Cosy sind wahrlich keine blonden Engel und deshalb ganz, ganz großer Spaß. Und wer es auf die Buchmesse in Frankfurt schafft, kann sich im aufgebauten Container des Kinky & Cosy Experience leibhaftig einen Eindruck von der schrägen Ideenwelt des Comic-Künstlers Nix verschaffen.

Ben Gijsemans "Hubert"

Man fühlt mit, wenn Hubert alleine von Bild zu Bild zieht, um sich in Pariser oder Brüsseler Museen Kunstwerke mit Frauenmotiven anzuschauen. Der Mann im besten Alter strahlt eine Traurigkeit aus, die nicht nur durch die kaum erkennbaren Augen herrührt, die hinter dicken Brillengläsern versteckt sind.

Cover Ben Gijsemans Hubert
Bild © Jacoby & Stuart

Hubert ist ein Einzelgänger. Und so kommt Ben Gijsemans Geschichte auch ohne viel Text aus. Bilder und Blicke sprechen für sich. Wer redet schon mit dem merkwürdig anmutenden Kunstliebhaber, der abends die angeguckten Kunstwerke selbst auf Leinwand malt. Seine vermeintliche Liebe zur hübschen jungen Nachbarin bleibt unerwidert, das direkte Angebot zum Sex mit der gleichalten Bewohnerin unter ihm, schlägt er uncharmant aus. Und so bleibt Hubert wieder einmal alleine – mit sich und seinen Gemälden, die ihm Trost spenden und Gesellschaft genug sind. So entsteht ein sanfter Comic, der genau beobachtet. Und fast wie im Film manchmal ein und dieselbe Szene in 18 Bildern auflöst. Der Comicleser wird zum Beobachter des Beobachters und lernt dessen Blick auf die Kunst kennen.

Guido van Driel "Als wir gegen die Deutschen verloren haben"

Auch wenn der Titel den Eindruck erweckt: es geht nicht um Krieg, sondern um Fußball. Das legendäre 1974er Endspiel Deutschland – Niederlande, in dem Beckenbauer, Breitner und Müller die Oranjes besiegten. Und es geht um Jonas und Daan, zwei Jugendliche in den Sommerferien in Holland. Natürlich haben sie das Endspiel verfolgt, aber das muss nur zur zeitlichen Verortung herhalten. Die eigentliche Geschichte, die Guido van Driel zeigt, ist viel dramatischer - es geht um Kindesmissbrauch.

Cover Guido van Driel Als wir gegen die Deutschen verloren haben
Bild © Avant-Verlag

Die kleine Helene ist verschwunden, immer wieder taucht dieser wichtige Bestandteil der Geschichte fragmentarisch auf. Zwischen den Zeilen wird deutlich (oder müsste man beim Comic nicht sagen: zwischen den Panels), dass der Täter selbst früh erkennt, dass er sich zu kleinen Mädchen hingezogen fühlt. Nur leider unternimmt er nichts dagegen. Zwangsläufig fast ist am Ende nicht nur das Mädchen verschwunden, sondern der Täter auch noch tot - er springt vom Hochhaus. Es ist eine beklemmende Geschichte, die nur am Rande mit dem legendären Fußballspiel zu tun hat. Eine Geschichte, die wieder einmal deutlich macht, dass Comics überhaupt nicht komisch sein müssen.

J. Vanistendael/M. Bellido "Mikel, die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste"

Es ist die Geschichte, die ihn antreibt. Miquel, Schriftsteller mit Aushilfsjob, zwei Kindern und einer Frau. Das Leben ist nicht leicht, der Chef setzt ihn unter Druck, seine Frau macht sich Sorgen, das Geld ist knapp. Zuerst scheint es ein Hirngespinst zu sein, aber dann setzt Miquel seinen Plan in die Tat um. Er wird zum Personenschützer eines spanischen Politikers, der von der ETA bedroht wird. Fortan heißt er Mikel und wird seine Familie kaum noch sehen. Sein neuer Job reißt ihn mit sich.

Cover Mikel
Bild © Reprodukt

Personenschutz, das heißt Bewachung rund um die Uhr. Seine Frau setzt ihn vor die Tür, die Kinder sieht er kaum noch – eigentlich ist er völlig überfordert. Am Ende gerät er selbst zwischen die Fronten, wird zum Anschlagsziel und besinnt sich wieder auf sein eigentliches Ich. Aus Mikel wird wieder Miquel, der Schriftsteller.

Mikel, die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste ist eine beklemmende Geschichte. Der Spanier Mark Bellido, erzählt sie rasant und lässt offenbar eigene Erfahrungen als Leibwächter und Schriftsteller einfließen. Die in Belgien geborene Judith Vanistendael setzt sie zeichnerisch um, mit buntem Strich. Ein Comic, wie er auch als Tatort im Fernsehen laufen könnte.

Peter Nuyten "Apache Junction"

Nein, der Western-Comic ist nicht tot! Auch in einer Zeit, in der autobiografisch geprägte Graphic Novels den geneigten Comic-Leser umgarnen, reiten die Cowboys noch durch den Wilden Westen und kämpfen mit den Ureinwohnern Nordamerikas um Land und Leben.

Cover Peter Nuyten Apache Junction
Bild © Splitter-Verlag

Apache Junction ist ein Western-Comic in bester Manier. Autor Peter Nuyten inszeniert zwar eine fiktionale Geschichte, der Hintergrund aber ist real und historisch belegt. Hilfreich, dass Nuyten selbst mehr als zehn Jahre lang für einen Verein für Indianer arbeitete. In der amerikanischen Geschichte wird vom Apachen-Guerilla-Krieg gesprochen, in dem die Indianer erst auf Seiten der Mexikaner im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg kämpften und bald darauf um ihre gesamte Existenz bangen mussten und in Reservate abgeschoben wurden. Apache Junction greift diesen Teil der amerikanischen Historie auf. Die Bilder erinnern an den Western-Klassiker Blueberry und lassen das Auge über weite Landschaften schweifen, um im nächsten Moment knallharte Action zu liefern. So kann ein moderner Western-Comic aussehen.

Pieter de Poortere "Dickie"

Die Welt des kleinen Bauern Dickie passt in sechs gleich große Quadrate pro Seite. Ohne Worte erzählt Autor Pieter de Poortere sarkastische Geschichten, in denen sein Protagonist in so manche Rolle schlüpft. Mal ist er ein herzkranker Patient, dem das Herz einer Selbstmörderin eingepflanzt wird und der sich anschließend selbst umbringt. Mal ist er ein Bauer, der sich eine Frau aus dem Katalog bestellt und sie anschließend an seinen Nachbarn verliert.

Cover Pieter de Poortere Dickie
Pieter de Poortere "Dickie", Avant-Verlag, 216 Seiten, 29,95 Euro Bild © Avant-Verlag

Aber immer ist Dickie ein Pechvogel. Selbst wenn er die Außerirdischen in seinem Garten mit der Mistgabel besiegt, wird er am Ende doch von den Men in Black selbst erschossen. Dass Dickie als Sieger vom Platz geht, ist in Poorteres Welt nicht vorgesehen. Und so wächst einem der kahlköpfige Bauer ans Herz, der so treu blickend durch die Weltgeschichte läuft und dessen Selbstmordversuch am Ende durch die Anschläge des 11. September zur Randnotiz wird. Pieter de Poortere schreckt vor keiner zynischen Anspielung zurück. Doch weil er sie in seinen harmlos wirkenden Zeichenstil verpackt, hat er sich damit eine treue Fangemeinde erarbeitet.

Willem Ritstier/Fred De Heij: "Claire Dewitt: Bis dass der Tod uns scheidet"

Dieser Comicband ist nichts für schwache Nerven. Horror gemixt mit Western, das ist Claire Dewitt. Schon auf den ersten Seiten fliegen Gliedmaßen durch die Luft, das Blut fließt in Strömen und es tauchen immer wieder unbekannte Teufelswesen auf, die es auf alles abgesehen haben, was ihren Weg kreuzt.

Cover Claire Dewitt  Bis dass der Tod uns scheidet
Bild © Splitter-Verlag

Mittendrin: Die Kopfgeldjägerin Claire Dewitt, die die Gefahren um sich herum ignoriert und es auf einen speziellen Mann abgesehen hat – nicht des Kopfgeldes wegen, sondern weil sie sich rächen will. Soviel, so geheimnisvoll. Rasant erzählen Ritstier und De Heij ihre Geschichte und überraschen den Leser auf jeder zweiten Seite. So entsteht eine Geschichte, die dann doch mehr Horror- oder Gespenstergeschichte denn Western ist und dank ihres Cliffhangers eindeutig als Fortsetzungsgeschichte angelegt ist. Dass Claire Dewitts tot geglaubte Zwillingsschwester am Ende von Band 1 die entscheidende Rolle spielt, dürfte Freunde des Genres nicht überraschen. Spannend dürfte es in jedem Fall weitergehen und blutrünstig wohl auch.

Brecht Evens "Panter"

Auf den ersten Blick wirkt Panter wie ein Kinderbuch: Querformat, einige ganzseitige Bilder, die Optik in Wasserfarben und auf Panelgrenzen und Sprechblasen wird auch weitestgehend verzichtet. Doch nur, weil die Form eine andere ist und die Hauptfigur ein Mädchen, sollten sich die Leser nicht täuschen lassen. Denn Panter entwickelt sich zum Alptraum in Fortsetzungskapiteln.

Cover Brecht Evens "Panter"
Bild © Reproduct

Nachdem Christins Hauskatze stirbt, vergräbt sich das kleine Mädchen in ihren Träumen. Aus der Schublade ihrer Kommode klettert ein verständnisvoller Panter, der Christin zur rechten Zeit Trost spendet. Der Vater ist alleinerziehend, die Mutter zumindest ausgezogen, vielleicht auch tot. Panter füllt die Lücke in Christins Leben schnell, doch irgendetwas scheint mit der Fantasiefigur nicht zu stimmen. Erst verschwindet Christins Lieblingskuscheltier, dann tauchen Panters merkwürdige Freunde auf. So entsteht ein abgründiges Bild kleiner Kinderseelen, die nicht nur mit nächtlichen Schatten zu kämpfen haben. Ein ungewöhnlicher Comic in Form und Inhalt, aber einer, der den Leser fesselt.

Erik Kriek "In the Pines"

Mörderballaden spielen in der nordamerikanischen Popmusik schon seit langem eine große Rolle. Nick Cave hat ein ganzes Album nach ihnen benannt, andere Musiker haben sich ebenfalls mit ihnen verewigt.

Cover In the Pines Erik Kriek
Bild © Avant-Verlag

Jetzt adaptiert der niederländische Comic-Zeichner Erik Kriek mit seinem Comic "In the Pines" fünf solcher Murder Ballads. Man muss allerdings kein Musikexperte sein, um seine Mörder-Balladen zu verstehen. Es sind Geschichten von Unschuldigen und Totschlägern, von Feiglingen und Opfern. Düster in Szene gesetzt suchen sie das Böse im Menschen – und finden es auch. Kriek hatte zuletzt Kurzgeschichten von H.P. Lovecraft als Vorlage genommen, er kennt sich mit dem düsteren Genre also durchaus aus. Jetzt zeichnet er Einzelschicksale nach, die dem Leser als Abschreckung dienen können. In monochromen Zeichnungen widmet er sich einer geheimnisvollen Frauengestalt auf einem Segelschiff, er beschreibt die schicksalhafte Folgen einer verbotenen Liebe oder auch den fatalen Irrtum eines entflohenen Flüchtlings. Als Bonus gibt es eine CD – natürlich mit der musikalischen Interpretation der fünf Mörderballaden.

Simon Spruyt "Junker. Ein preußischer Blues"

Cover Junker Simon Spruyt
Bild © Carlsen-Verlag

Wenn es einem Comic gelingt, die Atmosphäre einer bestimmten Zeit einzufangen, dann ist das ein Glücksmoment. "Junker" von Simon Spruyt verschafft uns solch einen Glücksmoment. Es geht um zwei Brüder, beides Kadetten am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Ludwig und Oswald von Schlitt treten ein schweres Erbe an. Ihr Vater hat im letzten Krieg ein Bein verloren und kümmert sich nun um das verarmende Anwesen, die Ausbildung der Söhne und um seine kranke, im Sanatorium liegende Frau. Im Zentrum aber stehen die beiden Brüder, die vor allem damit zu kämpfen haben, sich in der militärisch organisierten Welt vor 100 Jahren zurecht und vor allem ihren Platz zu finden. Die 2014 mit dem Preis für den besten niederländischen Comic ausgezeichnete Geschichte liefert mehr als ein plattes Historiendrama. Junker – ein preußischer Blues, wie es im Untertitel heißt, malt ein Bild einer obrigkeitshörigen Gesellschaft in der der Einzelne nur schwer gegen den vermeintlich vorgezeichneten Weg aufbegehren kann. Tut er es doch, löst er am Ende noch den Ersten Weltkrieg aus – kleine künstlerische Freiheit des Zeichners und schöner Überraschungsmoment.

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