Carolin Emcke erhält den Friedenspreis aus den Händen von Heinrich Riethmüller, dem Vorsitzenden des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
Carolin Emcke erhält den Friedenspreis aus den Händen von Heinrich Riethmüller, dem Vorsitzenden des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Bild © picture-alliance/dpa

Die Journalistin und Publizistin Carolin Emcke ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. In ihrer Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche warb sie um Widerstand gegen "ausgrenzenden Fanatismus" in Europa.

Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Bundespräsident Joachim Gauck. Die Laudatio hielt die Philosophin Seyla Benhabib. Die seit 1950 jährlich vergebene Auszeichnung des renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist mit 25.000 Euro dotiert. Die Autorin und Publizistin Carolin Emcke wurde für ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog geehrt.

Videobeitrag

Video

zum Video Friedenspreis-Übergabe in Frankfurt

Ende des Videobeitrags
Weitere Informationen

Live-Ticker zum Nachlesen

Die Preis-Verleihung: Hier können Sie sich unseren Ticker noch einmal anschauen [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Emcke rief in ihrer Dankesrede dazu auf, sich gemeinsam für eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft einzusetzen. "Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt", sagte die 49-jährige Berlinerin.

Emckes Appell: Gemeinsam gegen Fanatismus und Hass

Ein Klima von Fanatismus und Gewalt grassiere zurzeit in Europa: "Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Das Dogma des Homogenen, Reinen, Völkischen verengt die Welt. Es schmälert den Raum, in dem wir einander denken und sehen können."

Homosexuelle #Friedenspreis -Trägerin @C_Emcke : "Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten und Kinder adoptieren nicht?"

Die gesamte Zivilbevölkerung sei gefragt, Fanatismus, Hass und Gewalt entgegenzutreten: "Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen", so Emcke.

"Menschenrechte sind voraussetzungslos"

Bildergalerie
Schriftzug Friedenspreis des deutschen Buchhandels

Bildergalerie

zur Bildergalerie Die Friedenspreisträger des Deutschen Buchhhandels seit 2007

Ende der Bildergalerie

Zuvor hatte Carolin Emcke ein Plädoyer für Inklusion und gegen Ausgrenzung in der Gesellschaft formuliert: "Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft."

Bildergalerie
Friedenspreis an Carolin Emcke

Bildergalerie

zur Bildergalerie Carolin Emcke erhält Friedenspreis

Ende der Bildergalerie

In ihrer Laudatio stellte Seyla Benhabib Carolin Emckes Erzählkunst in den Mittelpunkt, die es ihr ermögliche, Dinge so zu benennen und zu erzählen, dass das Schweigen durchbrochen wird. "Als Erzählerin hat sie eine einmalige Mischung aus Reportage, philosophischer Reflektion und literarischer Komposition geschaffen, durch die sie 'moralisches Zeugnis' ablegen kann über menschliches Leid in gewaltsamen Konflikten, aber auch über andere Formen von Leid und Schweigen, die all jene verspüren, die anders sind, sei es sexuell, psychologisch, religiös oder ethnisch. Dadurch erlöst sie den Schmerz der Nicht-Sagbarkeit und bringt die Mauern des Schweigens und Leids zu Fall, hinter denen sich das Trauma des Unsäglichen auftürmt", so Benhabib.

Die Paulskirche erhebt sich für @C_Emcke nach ihrer Dankesrede für den #Friedenspreis .

Börsenverein würdigt schonungslose Art Emckes

Der Börsenverein würdigte Emcke als nüchterne Chronistin einer "Welt in Aufruhr". "Sie schreibt das auf, was andere ihr erzählen und was sie selbst dabei empfindet, nämlich oft Angst, Wut und Hilflosigkeit", sagte der Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller. Die Publizistin und Philosophin mache klar, "dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Sprache und Gewalt und Sprachlosigkeit gibt".

Die in Berlin lebende Emcke gehört zu den profiliertesten Journalistinnen und Intellektuellen der Republik. Einen Namen hat sie sich vor allem mit ihren Berichten aus Kriegs- und Krisengebieten gemacht. Auch in ihrem neuen Buch "Gegen den Hass" schreibt sie gegen den religiösen und nationalistischen Fanatismus an und setzt ihm ein Menschenbild der Vielfalt entgegen.

Das könnte Sie auch interessieren