documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff
documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff Bild © edisonga.de

In genau 100 Tagen startet die documenta 14 in Kassel. "Die Freiheit der Kunst ist ernsthaft gefährdet", sagt die neue documenta-Chefin Annette Kulenkampff. Im Interview erklärt sie, warum die documenta in brisanten Zeiten besonders politisch sein muss.

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Sie ist weltweit die wichtigste Ausstellung für moderne Kunst: die documenta in Kassel. Alle fünf Jahre zieht sie hunderttausende Menschen in die Stadt. Am 10. Juni öffnet die Ausstellung in Kassel zum 14. Mal ihre Tore. Zum ersten Mal wird die Ausstellung zwei Standorte haben. Bereits am 8. April startet die documenta in Athen. hessenschau.de sprach mit der neuen documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff darüber, warum die documenta dieses Mal besonders politisch sein wird und wann es sinnvoll ist, die Ausstellung zu besuchen.

hessenschau.de: Frau Kulenkampff, die documenta fällt in unruhige Zeiten. Die bisherigen documenta-Ausstellungen waren immer auch politisch. Ist die diesjährige vielleicht noch politischer?

Annette Kulenkampff: Die vergangene documenta war ja ein fantastisches Konglomerat von verschiedensten Kunstwerken. So etwas kann man sich heutzutage nur noch schwer vorstellen. In politisch brisanten Zeiten ist die documenta politischer und muss es auch sein. Ich glaube, Kunst ist sowieso nur relevant, wenn sie das reflektiert, was in der Welt passiert. Natürlich kann man Künstler einladen, die Seenlandschaften malen und die können wunderbar sein. Auch das wäre in diesen unruhigen Zeiten eine politische Aussage. Es ist aber der Anspruch der documenta 14 Künstler zu zeigen, die sich aktiv und sehr bewusst mit dem auseinandersetzen, was in der Welt passiert.

hessenschau.de: Welche ganz konkreten Auswirkungen haben die politischen Situationen in den USA oder Ländern wie der Türkei auf die documenta?

Annette Kulenkampff: Wir sind bei der Finanzierung der Werke für die documenta auch auf die Hilfe von Stiftungen und anderern Geldgebern angewiesen. Und da merkt man schon, dass das schwieriger geworden ist. So hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, die finanzielle Unterstützung für die einzige große amerikanische Stiftung zu kappen, die zeitgenössische Kunst unterstützt. So etwas hat Auswirkungen. Solche Entwicklungen gibt es auch in anderen Ländern, wie der Türkei, Ungarn oder Polen. Und ja, es gibt konkrete Fälle, in denen Künstler Repressalien ausgesetzt sind und Angst haben.

Außerdem befürchte ich, dass mancher schon die Schere im Kopf hat. Dagegen müssen wir uns wehren. Wir werden auf keinen Fall einknicken, wenn es beispielsweise um die Frage geht, ob wir Probleme bekommen könnten, weil wir bestimmte Künstler oder Werke zeigen. Natürlich zeigen wir sie. Wir wissen inzwischen, wie lang der Arm bestimmter Regime sein kann. Das Herzstück der documenta ist die künstlerische Freiheit, wenn man die in Frage stellt, gibt es die documenta nicht mehr. Und dass die Freiheit  der Kunst in diesen Zeiten ernsthaft gefährdet ist, steht außer Frage. Die Welt hat sich verändert.

hessenschau.de: Was kann die documenta dem entgegensetzen?

Annette Kulenkampff: Die documenta hatte immer einen Setzungsanspruch, was die Kunst betrifft, aber sie war immer auch Seismograph für gesellschaftliche und politische Entwicklungen und unterscheidet sich dadurch wesentlich von vielen Biennalen. Sie ist aus dem Willen heraus entstanden, mit Kunst Gesellschaft zu verändern. Ich glaube, dass ihr das auch gelingen kann. Dies gibt auch für Athen Hoffnung.

hessenschau.de: Die documenta soll Athen Hoffnung geben. Der Arbeitstitel der Ausstellung heißt ja sogar "Von Athen lernen". Was bedeutet das?

Annette Kulenkampff: Wenn wir das schon vorher wüssten, hätten wir den ganzen Prozess gar nicht starten müssen. Was man lernen kann ist, in welche Situation die Menschen in Athen und in Griechenland infolge der Finanzkrise und der sogenannten Flüchtlingskrise gekommen sind.

Die existenzielle Not der Menschen dort ist deutlich zu spüren. Es geht nicht um so etwas wie Krisentourismus. Es geht um Empathie, Mitgefühl und Mitmenschlichkeit und auch darum, darauf aufmerksam zu machen, wie unverantwortlich das ist, was den Menschen dort abverlangt wird.

hessenschau.de: Die Ausstellung fällt in diesem Jahr auch in die Zeit eines Bundestagswahlkampfs. Die AfD hat Museen zu einem positiven Deutschland-Bezug aufgefordert. Wäre so etwas auch für die documenta eine Option?

Annette Kulenkampff: Wenn man documenta will, ist das keine Option. Dafür würden nicht knapp eine Million Besucher aus der ganzen Welt nach Kassel kommen. Sie kommen weil die documenta ein Ort ist, wo sich die Auseinandersetzung der Künstler mit der Welt jedem öffnet. Wenn das die documenta nicht mehr bietet, dann werden die Leute auch nicht mehr kommen.

hessenschau.de: Was werden die großen Themen der documenta sein?

Annette Kulenkampff: In unseren programmatischem Magazin South as a State of Mind haben wir die großen Themen der documenta 14 bereits anklingen lassen. Es sind Themen wie Verlust von Heimat, Flucht und Vertreibung, der Norden und der Süden, aber auch von Masken und Verstecken, das was sich dahinter verbirgt, Hunger und Verzicht, Sehnsucht und existenzielle Not.

hessenschau.de: Wie sind denn die beiden Ausstellungen in Kassel und Athen miteinander verzahnt?

Annette Kulenkampff: Die documenta 14 ist eine Ausstellung, die in Athen und Kassel stattfindet. Die Ausstellungszeit in Athen wird in Kassel mit einem breit gefächerten Programm begleitet. Es wird Diskussionsrunden geben und Veranstaltungen, bei denen künstlerische Projekte vorgestellt werden. Es wird Arbeiten geben, die beide Orte miteinander verbinden, die Athen und Kassel aufeinander beziehen. Die Künstler werden eine Brücke zwischen Athen und Kassel bauen. 

hessenschau.de: Muss man beide Ausstellungen gesehen haben?

Annette Kulenkampff: Da gibt es eine gute Antwort des künstlerischen Leiters, Adam Szymczyk: Mit einem Auge kann man auch sehen, mit zwei Augen sieht man mehr. Aber natürlich wird es viele Menschen in Griechenland, Deutschland und dem Rest der Welt geben, die nicht beide Orte sehen werden. Ich war mindestens fünf oder sechs Mal auf der documenta 13, trotzdem habe ich vielleicht nur 30 Prozent der Ausstellung gesehen. Es ist also nie möglich eine so große Ausstellung komplett zu sehen. Ein thematischer Aspekt der documenta 14 ist ja die Sehnsucht. Und die wird auch über die zwei relativ weit voneinander entfernten Standorte hergestellt.

hessenschau.de: Ein Tipp für die Besucher: Wann sollten sie zur Ausstellung in Kassel kommen?

Annette Kulenkampff: Bei früheren Ausstellungen der documenta kamen zu Beginn und zum Schluss die meisten Besucher, was zu langen Warteschlangen führte. Ich würde sagen, es ist sinnvoll von Ende Juni bis Anfang August zu kommen. Das wäre die beste Zeit, wenn man in Ruhe die Kunst erleben will.

hessenschau.de: Wann würden Sie persönlich sagen: Das war eine gelungene documenta?

Annette Kulenkampff: Wenn die Besucher etwas von der Energie und dem Austausch zwischen Kassel und Athen spüren, wenn die Überzeugung wächst, dass sich die unerträgliche Situation der Menschen in Griechenland ändern muss und sei es in der politischen Diskussion hier in Deutschland und Europa. Dann wäre die documenta 14 für mich ein Erfolg.

Das Gespräch führten Sonja Fouraté und Andreas Bauer.

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