Zeltpavillion auf einem Platz im Zentrum Athens
"Denkanstöße" - Auf dem Platz Kotzias in Athen hat der Künstler Rasheed Araeen für die documenta 14 Zeltpavillons errichtet Bild © picture-alliance/dpa

Es ist soweit: Die documenta öffnet ihre Tore. Doch erst einmal nicht in Kassel. Los geht's in der griechischen Hauptstadt. Das Motto: Von Athen lernen. Was heißt das? Eine Spurensuche.

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Sehen fast aus wie ein geheimer Code: Plakate der documenta in der Innenstadt von Athen

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zum Audio Die Kunst des Überlebens und Erinnerns - auf den Spuren der documenta 14 in Athen

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Wer durch das Zentrum von Athen läuft, kommt derzeit an dieser Zahl kaum vorbei: einer schwarzen 14 auf weißem Hintergrund - einem Graffito ähnlich. Die Zahl prangt auf den vielen Plakaten und Transparenten, die auf die documenta 14 in der griechischen Hauptstadt hinweisen. Ein besonders großes Transparent hängt am Rathaus.

Wer ins alternative Viertel Exarchia kommt, findet dort ganz andere Graffiti. Auf einem ist zu lesen: "Liebe documenta. Ich weigere mich, mich zu exotisieren, um dein kulturelles Kapital zu vergrößern. Mit freundlichen Grüßen. Die Eingeborenen."

Die Entscheidung, die documenta dieses Mal an zwei Orten stattfinden zu lassen, hat nicht nur in Kassel den einen oder anderen Protest ausgelöst. Auch in Griechenland gab es bereits im Vorfeld der Ausstellungseröffnung heftige Diskussionen. Der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis sprach sogar von "Krisentourismus".  Die Tragödie in Griechenland werde ausgenutzt, "um das Gewissen einiger Leute von der documenta zu streicheln".

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Die wichtigste Schau zeitgenössischer Kunst - die documenta - startet am 10. Juni in Kassel. Die Kunstschau hat in diesem Jahr zwei Spielstätten. Bereits am 8. April eröffnet die documenta in Athen ihre Pforten. Wir halten Sie in einem Ticker auf dem Laufenden.

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Kritik gab es auch am Motto der documenta. Der Arbeitstitel der Kunstaustellung heißt "Von Athen lernen" - eine Idee des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk. In Interviews gab er an, dass es ihm darum gehe, die Teilung in Nord- und Südeuropa zu untersuchen. Athen sieht er als Symbol der globalen Finanzkrise und der Krise Europas.

Das Rathaus von Athen, an dem ein Banner mit Werbung für die documenta hängt
Geschmückt mit dem documenta-Transparent: das Athener Rathaus Bild © picture-alliance/dpa

Nicht wenige griechische Künstler fühlten sich davon provoziert. "Ich frage mich, was die documenta meint,  wenn sie davon spricht, dass man von Athen lernen kann", sagt die Musikerin Clio Karabelia. Vor ein paar Jahren ist die Harfenistin nach Athen gezogen.

Harfenistin Clio Karabelia
Clio Karabelia hätte sich mehr griechische Künstler auf der documenta gewünscht. Bild © Wiki Katopi

"Für uns Künstler ist es wahnsinnig schwer, finanziell über die Runden zu kommen", sagt sie. Sie selber gebe Yoga-Unterricht. Viele ihrer Freunde arbeiten in Cafés, in Bars oder als Kellner. "Am Anfang des Monats fragst du dich, welche Rechnungen du bezahlen kannst." Sie sei auch enttäuscht, dass so wenige griechische Künstler an der Weltkunstausstellung teilnehmen.


Die Leiterin des documenta-Büros in Athen, Marina Fokidis, sieht das ein bisschen anders. "Die documenta kann die Welt nicht verändern", sagt sie. Viele griechische Künstler hätten jetzt aber die Chance, neue Netzwerke zu bilden und Kontakte zu knüpfen.

Kann mit der documenta nichts anfangen: Theater-Regisseurin Tatiana Skanatovits
Kann mit der documenta nichts anfangen: Theater-Regisseurin Tatiana Skanatovits Bild © Wiki Katopi

Seit 2010 befindet sich Griechenland in der Krise. Viele Menschen sind arbeitslos, haben keine Krankenversicherung, können ihre Strom- und Heizölrechnung nicht bezahlen. Im Haushalt der Regierung hat der Kulturetat nur einen Anteil von 0,3 Prozent.

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Vom Staat haben Künstler in Griechenland also kaum etwas zu erwarten. Und doch tut sich einiges in der Stadt. Leer stehende Häuser werden zu Cafés und Restaurants umgewandelt. Ateliers und Wohnungen in Galerien. Die Theaterhäuser sind voll. Alleine in diesem Jahr gibt es in Athen mehr als 1.500 Aufführungen.

Anti-documenta im selbstverwalteten Theater

Gegenwind bekommt die documenta auch vom Theaterhaus Embros. Es liegt etwas versteckt, mitten im quirligen Viertel Psirri, im Zentrum von Athen. Embros bedeutet: Vorwärts. Die Außenwände sind voller Graffiti. Oft fotografiert: Das Graffito, welches Kanzlerin Merkel zusammen mit dem griechischen Premier Tsipras zeigt. Das Theater ist besetzt und wird selbstverwaltet.

Freiräume in Athen gefunden: der Kasseler Künstler Lukas Panek (rechts)
Freiräume in Athen gefunden: der Kasseler Künstler Lukas Panek (rechts) Bild © Wiki Katopi

"Das Embros ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Menschen in Athen,  trotz der harten Lebensbedingungen, gegenseitig unterstützen und selbst organisieren", sagt die Theaterschauspielerin und Regisseurin Tatiana Skanatovits. Jeder könne aber sehen, dass die Menschen hier ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Oder es zumindest versuchen. Mit der documenta könne sie nichts anfangen, sagt die 47-Jährige. Im Embros planen sie und ihre Kollegen daher für Juli ein zehntägiges Festival als Reaktion auf die internationale Kunstausstellung. 

Könnte man das also von Athen lernen? Dass Menschen ihr Schicksal in die Hand nehmen und beginnen ihr Leben zu verändern? Es ist, als öffne die Krise auch neue Freiräume. Athen zieht Künstler aus aller Welt an - unter ihnen auch der 23 Jahre alte Kasseler Student Lukas Panek. Er hat gemeinsam mit einem Freund einen alternativen Ausstellungsraum eröffnet. "Wir sind hier auf eine sehr vitale Kunstszene gestoßen" sagt Panek.

"Die documenta öffnet eine Tür in eine andere Welt"

Marina Gioti zeigt auf der documenta ihren Film "Invisible Hands"
Marina Gioti zeigt auf der documenta ihren Film "Invisible Hands" Bild © Wiki Katopi

Die documenta als Chance? Für die Filmemacherin und Videokünstlerin Marina Gioti auf jeden Fall. Ihr Film "Invisible Hands" wird während der documenta in Athen Premiere feiern. Darin geht es um einen US-amerikanischen Sänger in Kairo. In Kassel wird sie einen Kurzfilm zeigen, der auf einem Propagandafilm der griechischen Militärjunta in der 1970er Jahren basiert. Als öffentliche Mittel fehlten, sprang die documenta ein. "Die documenta öffnet eine Tür in eine andere Welt", freut sie sich. Und die Ausstellung wirft zugleich ein Licht auf die Kunstszene des Landes.

Der griechische Künstler Zafos Xagoraris glaubt, dass durch die documenta die griechische Kunstszene in den Mittelpunkt gerückt werde. Der documenta-Künstler lehrt an der Kunsthochschule in Athen und findet es sehr gut, dass mit der Kunstakademie in Kassel "eine sehr interessante Zusammenarbeit" entstanden sei. Es seien viele gemeinsame Projekte begonnen worden.

Freut sich über die Zusammenarbeit mit der Kasseler Kunsthochschule: documenta-Künstler Zafos Xagoraris
Freut sich über die Zusammenarbeit mit der Kasseler Kunsthochschule: documenta-Künstler Zafos Xagoraris Bild © Wiki Katopi

Von Athen lernen, das könnte für Besucher der documenta auch heißen, etwas über die gemeinsame Geschichte von Deutschland und Griechenland zu erfahren. Die Performance-Künstlerin Mary Zigouri greift für die Ausstellung ein Ereignis während des Zweiten Weltkrieges auf.

documenta Athen:  Künstlerin Mary Zigouri
documenta-Künstlerin Mary Zigouri in ihrem Atelier Bild © Wiki Katopi

Am 17. August 1944 trieben deutsche Soldaten in der Stadt Nikea Kokkinia Männer im Alter von 14 bis 60 Jahren zusammen. 176 Menschen wurden erschossen, tausende verhaftet. Einige von ihnen wurden mit Güterzügen nach Biblis deportiert, wo sie als Zwangsarbeiter einen Militärflugplatz bauen mussten, andere kamen ins Außenlager Bensheim/Bergstraße des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. In ihrer Performance greift Mary Zigouri das Ereignis auf. Die Aktion wird aufgezeichnet. Der Film wird später auch in Kassel zu sehen sein.

Gemeinsames Feiern im Festzelt

Während der documenta wird vor dem Athener Rathaus ein großes Zelt stehen. "Es ist angelehnt an die großen Festzelte, die es auf pakistanischen Hochzeiten gibt", erklärt Marina Fokidis, die Leiterin des Athener documenta-Büros . "Denkanstöße", heißt dieses Projekt des pakistanischen Künstlers Rasheed Araeen. In dem Festzelt soll es jeden Tag kostenloses Essen für rund 140 Menschen geben. Dabei gehe es nicht so sehr um Armenspeisung, sagt Fokidis. "Die Menschen aus verschiedenen Kulturen sollen ohne Diskriminierungen zusammen sitzen, reden und essen. Denn die Gastfreundschaft ist nicht nur in der griechischen Kultur sehr wichtig, sondern auch in der pakistanischen", sagt sie.

Gastfreundschaft, einfach zusammen sitzen, essen und miteinander reden - vielleicht noch so etwas, über das sich nachzudenken lohnt, wenn es ab kommendem Samstag auf der documenta heißt: "Von Athen lernen."

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arte taucht ein in kulturelle Szene Athens

Seit Jahren ist Athen Schauplatz von Flucht, Armut und Schuldenrkrise. Nun auf einmal ist die Stadt documenta-Spielort. Wie leben die Künstler hier? Was können wir von Athen lernen? Die neunteilige Serie "Art and Survival" auf arte taucht ein in die kulturelle Szene der griechischen Hauptstadt

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