Leon Groß und Vincent Keller mit ihren Rädern vor dem documenta 6-Kunstwerk "Rahmenbau" oberhalb der Kasseler Karlsaue.
Leon Groß und Vincent Keller mit ihren Rädern vor dem documenta 6-Kunstwerk "Rahmenbau" oberhalb der Kasseler Karlsaue. Bild © privat

Mit dem Start der documenta 14 wollen die beiden Kasseler Leon Groß und Vincent Keller von Athen in ihre nordhessische Heimat radeln - entlang der Flüchtlingsroute. Im Interview erklären sie, warum sie "Das Tagebuch der Anne Frank" im Gepäck haben.

Leon Groß und Vincent Keller (beide 20) wollen ihren ganz eigenen Beitrag zur documenta 14 leisten. Wenn die Weltkunstschau am 8. April in Athen startet, dann gehen sie von dort aus auf Fahrradtour nach Kassel. 14 Länder wollen sie durchqueren, darunter Albanien, Serbien und Ungarn.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Seit 1955: documenta in Kassel - ein historischer Überblick

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Im Gepäck haben sie - symbolisch - ein verbotenes Buch, das sie dem "Parthenon der Bücher" der documenta-Künstlerin Marta Minujín spenden wollen. Im Interview erzählen sie, wie sie auf diese nicht ganz ungefährliche Tour-Idee kamen.

hessenschau.de: Leon und Vincent, wie seid ihr darauf gekommen, durch genau 14 Länder zu fahren?

Vincent Keller: Dass wir durch 14 Länder fahren wollen, war schon recht früh klar - um eine logische Verbindung zur 14. documenta zu schaffen. Die genauen Länder haben sich dann mehr oder weniger daraus ergeben, dass wir uns auf der Landkarte angeschaut haben, wo wir auf der Strecke von Athen nach Kassel überall vorbei kommen. Und so haben wir eine machbare Route im Zickzack nach Kassel entworfen.

hessenschau.de: Warum wolltet ihr eure Route mit der documenta verknüpfen?

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8. April 2017: Start der documenta 14 in Athen; 10. Juni 2017: Start der documenta 14 in Kassel

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Leon Groß: Wir wurden von der documenta 13 "angefixt". Ich hatte in der Schule Kunst-Leistungskurs und zeichne selbst sehr gern. Deswegen hatte ich für die documenta auch eine Dauerkarte.

Vincent Keller: Die documenta 13 fand ich aus vielen Gründen toll. Dazu zählt, dass es eine documenta mit vielen öffentlich zugänglichen Ausstellungen war, die unter anderem in der ganzen Aue verteilt waren. Außerdem fand ich das Motto super, welches so viel hieß wie: aus Altem Neues machen. Das Kunstwerk, was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war eine kleine, aus Müll gebaute Ansiedlung, in welcher der Künstler selbst gelebt und gearbeitet hat.

hessenschau.de: In Anlehnung an die Aktion "Parthenon der Bücher" wollt ihr ein verbotenes Buch mitnehmen. Welches?

Vincent Keller: Das Tagebuch der Anne Frank. Wir haben es ausgewählt, da das Leben Anne Franks im Hinterhaus kaum gegensätzlicher zu unserer Reise sein könnte. Wir dürfen es genießen, uns frei bewegen zu können. Anne Frank war dagegen extrem eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit, sie lebte auf wenigen Quadratmetern. Damit wollen wir aufzeigen, welch ein großes Privileg wir heutzutage und speziell in Europa haben, uneingeschränkt reisen zu können.

documenta -Tour Karte mit Rad
Bild © hr

Diese Freiheit sollte jedem gewährt werden, egal woher er kommt und wohin er will. Nach unserer Reise wollen wir dieses Buch dem Kunstwerk "Parthenon der Bücher" zur Verfügung stellen.

hessenschau.de: Ihr sagt, ihr wollt auf der Route auch schauen, welche Rolle zeitgenössische Kunst spielen kann. Wie wollt ihr das konkret machen?

Vincent Keller: Wir wollen die documenta in Athen besuchen, wenn sie dort eröffnet wird. Auf der Route geht es uns dann um den Gedanken, Athen mit Kassel zu verbinden. Motto der documenta ist ja "Von Athen lernen". Darüber wollen wir mit Leuten sprechen, mit denen wir in Kontakt kommen - wir hoffen auf viel Kontakt. Uns interessiert, inwiefern sich bestimmte Menschen mit Kunst und speziell mit zeitgenössischer Kunst beschäftigen.

hessenschau.de: Das documenta-Motto "Von Athen lernen" klingt erst einmal etwas abstrakt. Was bedeutet es für euch?

Vincent Keller: Für den künstlerischen Bereich kann ich das schwer einschätzen. Der Hauptfokus liegt auf dem Politischen. Dass wir alle sehen, welche Herausforderungen Griechenland gerade im Flüchtlingsbereich meistern musste.

Leon Groß: Im künstlerischen Bereich ist das Interessante, dass die documenta 14 eine völlig neue Form der Kunstausstellung wird - dadurch, dass sie erstmals in dem Maß in zwei Städten stattfindet. Wenn wir wieder in Kassel sind, werden wir sehen, wie weit die Ausstellung in Athen die in Kassel beeinflusst hat. Das wird ziemlich spannend.

hessenschau.de: Seid ihr in Kontakt mit der documenta-Leitung?

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Auf ihrem Blog docLink dokumentieren Leon und Vincent ihre Tour.

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Vincent Keller: Am Anfang hatten wir viel Kontakt, weil wir die Vision hatten, das offiziell zusammen mit der documenta zu machen. Wir dachten, wir könnten eine Art Botschafter sein. Das ging aber nicht, weil die Verantwortlichen sagten, sie lehnen solche Projekt-Kooperationen grundsätzlich ab. Sie sagen, sie konzentrieren sich auf die Künstler, weil auch ihr Budget knapp sei. Wir dachten uns dann: Wir machen es trotzdem, auch wenn es nicht offiziell ist.

hessenschau.de: Warum nehmt ihr überhaupt das Fahrrad für euren Trip? Ihr hättet euch auch einfach ein Interrail-Ticket kaufen können.

Leon Groß: Von einer großen gemeinsamen Fahrradtour träumen wir beide schon länger. Nach dem Abi hatte ich mein Freiwilliges Soziales Jahr angefangen, Vincent war für ein Jahr in Südafrika. Irgendwann beim Skypen kam uns - erst aus Spaß - die Idee mit der längeren Tour. Dass sie von Athen nach Kassel führen soll, das hat sich mit der Zeit entwickelt.

hessenschau.de: Die fahrradfreundlichste Strecke ist es nicht. Auch, weil sie sich teilweise mit der Balkan-Flüchtlingsroute überschneidet.

Vincent Keller: Wir haben tatsächlich überlegt, ob das problematisch sein könnte. Nachdem wir aber länger darüber nachgedacht haben, fanden wir es gerade deswegen noch interessanter. So können wir uns mit dem Thema nochmal ganz anders beschäftigen. Wir kriegen sonst auch nur durch die Medien mit, was dort geschieht.

Leon Groß: Entlang der Flüchtlingsroute zu fahren wird für uns sicherlich eine zusätzlich neue und spannende Erfahrung sein, neben all den anderen Eindrücken einer solchen Tour. Für mich persönlich ist es mehr als nur eine Route zu fahren. Es bedeutet auch, einen Einblick zu bekommen mit welchen Strapazen viele Flüchtlinge selbst in Europa noch zu kämpfen haben.

hessenschau.de: Angst habt ihr deswegen aber nicht?

Leon Groß: Wir lassen das größtenteils auf uns zukommen. Klar kann man sich darauf vorbereiten, Erfahrungsberichte studieren und so. Im Endeffekt müssen wir aber selbst erfahren, wie die Lage auf der Strecke ist. Im Notfall müssen wir eben ausweichen und können nicht ganz die gewünschte Route fahren.

Vincent Keller: Wir wollen und müssen zum Beispiel wild campen, haben aber gelesen, dass es in Albanien noch viele Tretminen gibt. Das war in der Vorbereitung nicht so schön zu lesen. Wir wollen trotzdem versuchen, zu campen, in Albanien aber möglichst bei Privatleuten im Garten. So können wir auch die Einheimischen kennen lernen und uns mit ihnen austauschen.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

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