Taschenbuchausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" aus dem Jahr 1933
Taschenbuchausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" aus dem Jahr 1933 Bild © picture-alliance/dpa

Nach Ablauf des Urheberschutzes erscheint "Mein Kampf" wieder im deutschen Buchhandel. Doch in Antiquariaten war Hitlers Hassschrift immer erhältlich. Ein Frankfurter Antiquar ist froh darüber.

Das böse Werk liegt auf der Couch. Weil es in einer Schachtel aus Karton steckt, ist nur der blaue Buchrücken zu sehen. Darauf prangt in goldenen Lettern: Mein Kampf. "Schauen Sie ruhig mal rein", sagt Georg Ewald.

Der Antiquar sitzt in seiner kleinen Wohnung in der Frankfurter Altstadt, in der sich die Bücher zu mannshohen Stapeln türmen. Die Hetzschrift, die Adolf Hitler Mitte der 1920er Jahre während seiner Festungshaft in Landsberg verfasste, ist Teil von Ewalds Geschäft.

Nachfrage gab es immer

Nach Ablauf des Urheberrechts ist eine kommentierte Neuausgabe von Hitlers "Mein Kampf" ab Freitag wieder im deutschen Buchhandel erhältlich. Das Ziel des Instituts für Zeitgeschichte in München: die Entmystifizierung der Hetzschrift.

Die Aufregung um das Machwerk, das 70 Jahre nach dem Tod des Diktators erscheint, ist groß. Stellte "Mein Kampf" doch den Kern der menschenverachtenden nationalsozialistischen Ideologie dar. So warnte der Zentralrat der Juden davor, dass mit Ablauf des Urheberschutzes auch wieder die unkommentierte Hetzschrift verbreitet werden könnte.

"Man hatte das unterm Ladentisch"

Interessierte konnten sich das Relikt aus dem Dritten Reich allerdings bereits in den vergangenen Jahrzehnten einfach besorgen. Es hat laut Antiquar Ewald immer Nachfrage gegeben. Und es gebe sie noch, sagt der 64-Jährige, der aus Hausen im Kreis Offenbach stammt: "Da wurde ein bisschen getuschelt, und dann hatte man das unterm Ladentisch."

Noch heute ist die Propagandaschrift problemlos zu bekommen. In der Regel für 100 bis 200 Euro; eine Erstausgabe kann aber deutlich mehr kosten. "Für Antiquare war das immer ein gutes Geschäft", sagt Ewald. Der 64-Jährige ist inzwischen nur noch im Online-Handel tätig. Bis vor sieben Jahren betrieb Ewald ein Antiquariat an der Großen Bockenheimer Straße in Frankfurt.

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Ewald besitzt die mutmaßlich größte Reclam-Sammlung weltweit und stand mit Satirikern der Neuen Frankfurter Schule auf trautem Fuße. Er ist definitiv kein Rechter. Sympathien für die Nazis hegt er schon gar nicht. Doch Hitlers Werk hat er bis heute im Angebot."Wir Antiquare durften und dürfen damit handeln", sagt er.

Hoher Altbestand des Machwerks

Das ist richtig – und kaum bekannt. Zwar macht sich strafbar, wer in Deutschland verfassungswidrige Propaganda verbreitet. Doch der Handel mit Exemplaren von "Mein Kampf" aus der Zeit des Nationalsozialismus ist ebenso erlaubt wie deren Besitz.

Da diese Exemplare älter seien als die Bundesrepublik, könnten sie sich nicht gegen die bestehende Verfassung und Rechtsordnung richten, urteilte der Bundesgerichtshof 1979. Besitz, Kauf und Verkauf sind daher zulässig. Und der Altbestand ist Ewald zufolge riesig. "Ich schätze mal, dass es allein hier in Frankfurt noch in tausenden Haushalten vorhanden ist."

Anders als heute gern behauptet, hatte sich Hitlers Buch schon vor der Machtergreifung der Nazis gut verkauft. Ab 1933 wurde es dann zum Mega-Bestseller und machte seinen Autor reich. Wer im NS-Staat heiratete, erhielt bald nicht länger die Bibel sondern "Mein Kampf" als Dreingabe.  1944 lag die Gesamtauflage bei rund zehn Millionen; bis dahin war Hitlers Hetzschrift bereits in 16 Sprachen übersetzt worden.

„Wirklich miserabel geschrieben“

An der literarischen Qualität könne das nicht liegen, sagt Ewald, denn: "Es ist wirklich in miserabler Sprache geschrieben. Man legt dieses Buch ganz schnell zur Seite. Es ist im Grunde unlesbar." Das ist auch der Grund, weshalb dem Frankfurter Antiquar beim Verkauf des Machwerks nie moralische Bedenken kamen. Um junge Menschen von heute zu verführen, sei der Text einfach zu schlecht, sagt er.

Es sei Zeit für eine Entmystifizierung, findet Ewald. Deshalb begrüßt er, dass das Münchner Institut für Zeitgeschichte jetzt, da der urheberrechtliche Schutz von "Mein Kampf" erloschen ist, eine kritische Edition herausgibt. Ganz sicher werde die kommentierte Neuauflage Hitlers Gedankengut nicht wieder populär machen, sagt der Antiquar: "Der, der seine geistige Nahrung aus diesem Buch ziehen will, hat es sowieso. Die Veröffentlichung jetzt wird keine neuen Nazis schaffen, ganz im Gegenteil."

Ewald glaubt nicht, dass Hitlers völkisches Gestammel in unserer Gesellschaft noch demagogisches Potenzial entfaltet. "Man muss diese Inhalte politisch bearbeiten. Ich bin froh, dass das Buch endlich für jeden zu haben ist."

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