Yachtklub Frankfurt
Der Yachtklub, einer der vielen Läden von Hans Romanov, war bis zu seiner Schließung ein beliebter Treffpunkt. Bild © picture-alliance/dpa

Gibt es in Frankfurt Raum für Subkultur? hessenschau.de hat Kulturschaffende aus Gastronomie, Nachtleben und Film gefragt. Tenor: Trotz Raumnot geht einiges.

Es geht durch die Lieferanteneinfahrt, durch eine unscheinbare Tür, durch einen dunklen Gang, bis sich ein großer Raum auftut. Hier läuft Technomusik, und alle, die sich sonst so im Frankfurter Nachtleben tummeln, sind natürlich auch schon da. (Beispiel A)

Ein Ladenlokal mit großem Schaufenster im Bahnhofsviertel. Draußen auf der Straße warten Prostituierte und stolpern Junkies, drinnen will sich ein Künstler in einer Performance vor drei Dutzend Zuschauern mit einer Spritze einen Schuss setzen. (Beispiel B)

Ein Haus im Innenhof, im Erdgeschoss ein weißer Raum. An Holztischen warten lässig gekleidete Menschen auf ihr Essen. Das dauert. Am Herd stehen keine Köche, sondern Künstler und Freunde des Hauses. So geht das jeden Freitag, es ist immer voll. (Beispiel C)

Nur Wahl zwischen Ausstieg oder Aufstieg ins Establishment?

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Bürger-Universität zu Frankfurts Subkultur

Frankfurts Bürger-Universität beschäftigt sich am Montag (25. Januar, 19.30 Uhr) unter der Frage "Zu etabliert, um cool zu sein?" mit der Subkultur der Stadt. Veranstaltungsort ist das Haus am Dom (Domplatz 3).

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Die drei Beispiele könnten auf eine breite Frankfurter Subkultur hindeuten, eine reiche, nicht vornehmlich kommerzielle, nicht etablierte kulturelle Szene. Doch das gilt nur bedingt.

Galerie Kaiser P
Die inzwischen geschlossene Galerie Kaiser P im Frankfurter Bahnhofsviertel. Bild © Galerie Kaiser P

Während es den Club in einem leer stehenden Bankgebäude in der Hafenstraße (Beispiel A) nur wenige Monate lang gab und nach der Absage der umstrittenen "Heroin-Performance" mit der Galerie Kaiser P (B) gleich der dafür vorgesehene Veranstaltungsort schloss, etablierte sich die Freitagsküche (C) derart, dass sie jetzt auch das Restaurant im Museum für Moderne Kunst (MMK) betreibt. Hat die Subkultur in Frankfurt nur die Wahl zwischen Ausstieg oder Aufstieg ins Establishment?

Es steht und fällt mit den Räumen

Marc Alexander Littler
Marc Alexander Littler, Filmemacher und zuletzt bei den Machern des geschlossenen Dreikönigskellers. Bild © privat

"Jede Stadt hat die Kultur, die sie verdient“, sagt der Filmemacher Marc Littler. In Frankfurt liege der Fokus nun mal auf Theater und Museen. Mit anderen verantwortete Littler zuletzt das Programm im Dreikönigskeller, einem eingesessenen Club für Rockabilly. Diese Nische ist seit Jahresende dicht. Das Haus wechselte seinen Besitzer, und der hat andere Pläne.

Es steht und fällt mit den Räumen. Raum ist knapp in Frankfurt - und teuer. Kreativen mangelt es nicht an Ideen, jedoch oft an Geld.

"Schwieriger geworden, geeignete Räume zu finden"

"Es ist schwieriger geworden, geeignete Räume zu finden, so wie es schwieriger geworden ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden", sagt Hans Romanov, eine Institution im Frankfurter Nachtleben. Romanov betreibt seit 30 Jahren Bars und Clubs (Ostklub, Maxim, Yachtklub), mal für ein paar Jahre, mal für ein paar Tage.

Ata Macias
Ata Macias im Café Plank, mit dem er neuen Schwung ins Frankfurter Bahnhofsviertel brachte. Bild © picture-alliance/dpa

Die Klage über schwindende Räume teilt der DJ und Gastronom Ata Macias, der mit dem Club Robert Johnson, dem Lokal Club Michel und der Bar Plank seinerseits Leuchttürme im hiesigen Nachtleben aufgestellt hat. Andererseits sind Romanov und Macias selbst die besten Beispiele dafür, dass sich doch neue Räume finden, die Kunststudenten und Clubgänger dankbar ansteuern. Weil dort weder Design noch Brauereireklame die Gäste erdrückt.

"Es gibt Platz, man muss ihn sich nur nehmen"

Freilich sind beide, Romanov und Macias, inzwischen etabliert. Was sie machen, ist von Behörden abgenommen. Illegale Clubs? Temporäre Umnutzungen von Büroetagen oder leerstehenden Läden? Der Spielraum für Veranstalter illegaler Partys wird auch deshalb kleiner, weil das Ordnungsamt schneller Wind davon bekommt als früher - dem Internet sei Dank. Und wer es beim Brandschutz oder Fluchtwegen nicht genau nimmt, für den kann es teuer werden.

Freitagsküche an der Mainzer Landstraße
Freitagsküche an der Mainzer Landstraße Bild © Freitagsküche

Vielleicht hatten es Anbieter alternativer Abendveranstaltungen vor 15 Jahren tatsächlich leichter. Vielleicht stimmt auch, was Thomas Friemel sagt, einer der beiden Chefs der Freitagsküche: "Es gibt Platz, man muss ihn sich nur nehmen. Vielleicht tun das die Jungen heute nicht so wie wir früher. Das hat mit Gestaltungswillen zu tun."

Hochkultur sucht Nähe zur Subkultur

Die Freitagsküche begann in einer kleinen Galerie im Ostend. Als die abgerissen wurde, zogen sie um. Als auch dieses Haus einem Neubau wich, zogen sie zwei Ecken weiter. Nun haben sie ihr Domizil aufgeschlagen in der neuen Dependance des MMK - auf die das Team etwas der ursprünglichen Freitagsküchen-Idee übertragen will.

Das MMK hätte auch gestandene Gastronomen fragen können. Die Hochkultur sucht hier die Nähe zur Subkultur, die für viele den Reiz einer Stadt ausmacht. Ebenso tat es die städtische Kunsthalle Schirn, als sie nach der Eröffnung der Daniel-Richter-Ausstellung zur After-Show-Party in den eingangs erwähnten illegalen Club lud.

Enthusiasmus und Durchhaltevermögen wichtig

Nur leider, findet etwa Ata Macias, fördere die Stadt Underground-Clubs nicht annähernd so wie die junge Kunstszene. Für sie gibt es Atelierhäuser mit vielen günstig zu mietenden Räumen (Basis, Atelierfrankfurt). Dem Kunstverein Familie Montez, dessen altes Domizil geräumt wurde, gab die Stadt ein neues Zuhause am Hafenpark.

Altes Lola Montez
Zuerst residierte der Kunstverein Familie Montez in einem Keller, dann in diesem Haus in der Frankfurter Innenstadt, seit 2014 schließlich in zwei Bögen der Honsellbrücke. Bild © wikimedia.org/CC BY-SA 3.0 de

Montez-Chef Mirek Macke sagt: "In Frankfurt wird die Off-Kultur mehr subventioniert als anderswo. Aber keiner sollte erwarten, dass er was geschenkt bekommt. Wichtig ist, dass man mit Enthusiasmus und Durchhaltevermögen seine Sache angeht.“

Mit der Leerstandsagentur Radar hilft die Stadt jungen Kreativen bei der Suche nach Ladenlokalen, Ateliers. Auf der Suche nach geeigneten Orten ist immer auch Gregor Maria Schubert. Er ist Direktor des Lichter Filmfests, das sich von einer regionalen Filmschau zum Festival mit internationalem Programm gemausert hat. Dennoch tingelt es seit neun Jahren von einem Festivalzentrum zum anderen.

"Underground hat für mich mit Jugend zu tun, mit Raum zum Experimentieren", sagt Schubert. Aber wer von seiner Kunst leben wolle, müsse mit den Regeln konform gehen. Aber wie soll man sich etablieren ohne festen Ort?

"Man muss auch mal groß denken"

Schubert hofft, dass das vor Jahren auch von den im Rathaus mitregierenden Grünen gewünschte Festivalkino einmal gebaut wird. All die über die Stadt verstreuten Festivals mit ihren in normalen Kinos nicht gezeigten Filmen hätten dann ein Zuhause. "Das wäre ein Millionenprojekt, klar, aber man muss auch mal groß denken. So was wie für das Romantikmuseum kann man doch auch für den Film machen", findet Schubert.

Das Romantikmuseum wird dank Millionenspenden von Bürgern gebaut. Das Städel Museum sammelte Spenden für seine Erweiterung, das Jüdische Museum tut es aktuell. Dass Privatleute und Firmen auch Subkultur in der Stadt fördern?

Das passiere immer öfter, sagt Jakob Sturm von der Leerstandsagentur Radar, die immer mehr Räume an junge Kreative vermitteln kann. Viele in der Stadt hätten erkannt, dass Subkultur ihr gut tut, Leerstand aber schadet.

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