Schriftzug: Gutmensch
Bild © picture-alliance/dpa

Das Unwort des Jahres 2015 heißt "Gutmensch". Der Begriff ist zwar schon seit längerem im Gebrauch, doch im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema hat er eine besondere Aktualität bekommen. Menschen für etwas Positives mit einem grundsätzlich positiven Begriff zu beschimpfen - das ist eines Unwortes würdig.

"Mit dem Vorwurf 'Gutmensch', 'Gutbürger' oder 'Gutmenschentum' werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert", heißt es in der Begründung der Jury am Dienstag in Darmstadt . Als "Gutmenschen" wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen.

Der Ausdruck „Gutmensch“ floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem "Konformismus des Guten" benutzt. "Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert einen demokratischen Austausch von Sachargumenten", sagte Jurysprecherin Nina Janich. 2011 war "Gutmensch" schon einmal in der engeren Auswahl zum Unwort des Jahres und landete damals auf Platz 2.

Rügen für "Hausaufgaben" und "Verschwulung"

Auf den Rängen zwei und drei landeten die Begriffe "Hausaufgaben" und "Verschwulung". Das Wort "Hausaufgaben" wurde in den Diskussionen um den Umgang mit Griechenland in der EU als breiter politischer Konsensausdruck genutzt, um Unzufriedenheit damit auszudrücken, dass die griechische Regierung die eingeforderten so genannten Reformen nicht wie verlangt umsetze. "In diesem Kontext degradiert das Wort souveräne Staaten bzw. deren demokratisch gewählte Regierungen zu unmündigen Schulkindern", so das Urteil der Jury, die aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten und einem für ein Jahr berufenen Vertreter aus dem Kultur- und Medienbetrieb besteht. Externes Jurymitglied war in diesem Jahr der Kabarettist Georg Schramm.

Das Wort "Verschwulung" ziert einen Buchtitel des Autors Akif Pirinçci. Die damit gemeinte "Verweichlichung der Männer" und "trotzige und marktschreierische Vergottung der Sexualität" stelle eine explizite Diffamierung Homosexueller dar. Auch durch die Analogie zu faschistischen Ausdrücken wie "Verjudung" sei die Bezeichnung kritikwürdig.

Flüchtlinge das dominante Thema

Die Sprachforscher in Darmstadt hatten die Wahl aus 1.644 Einsendungen, genannt wurden dabei 669 verschiedene Begriffe. Das waren mehr Vorschläge als in den Vorjahren. 2014 wurden 1.246 Vorschläge gemacht, 2013 waren es 1.340. Für die sprachkritische Jury stand eine Fülle von Schlagworten zum Thema Flüchtlinge zur Diskussion, wie etwa "Flüchtlingskrise" oder "Asylkritiker". Die Jury könne dieses Thema kaum ignorieren, meinte die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich als deren Sprecherin. Bei den Einsendungen für das "Unwort" sei noch nie ein Thema so präsent gewesen.

Die Jury entscheidet aber unabhängig. Das Gremium richtet sich auch nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge. Der Ausdruck "Gutmensch" wurde 64 Mal und damit am dritthäufigsten eingesendet.

Weitere Informationen

Unworte der vergangenen Jahre

2014: "Lügenpresse"
2013: "Sozialtourismus"
2012: "Opfer-Abo"
2011: "Döner-Morde"
2010: "Alternativlos"
2009: "Betriebsratsverseucht"
2008: "Notleidende Banken"

Ende der weiteren Informationen

Das "Unwort des Jahres 2014" war "Lügenpresse", ein Begriff, der vor allem vom islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bündnis genutzt wird. Im Jahr davor war es "Sozialtourismus", 2012 "Opfer-Abo". Die Aktion gibt es seit 1991. Damit ist das "Unwort" jetzt zum 25. Mal bestimmt worden.

Die Aktion will für Sprache sensibilisieren und auf undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden Gebrauch aufmerksam machen. Neben dieser Jury wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das "Wort des Jahres". Für 2015 entschied sie sich für den Begriff "Flüchtlinge".

Zum Seitenanfang