Ausstellung "Im letzten Hemd"
Eine weiße Rose möchte diese Frau mit ins Grab nehmen. Bild © Thomas Balzer

Was wollen wir mit ins Grab nehmen? Den Lieblingspulli? Oder die heimische Tapete? Der Fotograf Thomas Balzer hat 50 Menschen in dem Outfit porträtiert, in dem sie bestattet werden wollen. Im Interview mit hessenschau.de berichtet er von den skurrilsten und berührendsten Momenten des Shootings.

Beschäftigen sich die Menschen heutzutage eigentlich noch mit ihrem eigenen Tod? Das wollten die beiden Bestatter Hanna und David Roth und der Fotograf Thomas Balzer für eine Kunstaktion von 50 Menschen wissen. Sie haben sie gebeten, sich aufgebahrt in ihrem letzten Hemd fotografieren zu lassen - also in dem Outfit, das sie bei ihrer eigenen Beerdigung tragen würden. Ein Teil der Bilder ist jetzt in einer Ausstellung in Wiesbaden zu sehen. Thomas Balzers Fazit im Gespräch mit hessenschau.de: Der Tod muss in unserer Gesellschaft wieder präsenter werden.

hessenschau.de: Herr Balzer, wie bringt man Menschen dazu, sich für eine Fotoserie mit dem eigenen Tod zu befassen?

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Thomas Balzer: Es war nicht so schwierig, wie man meinen könnte. Die Idee zu dem Projekt entstand ja in einem Bestattungshaus, so dass wir als erstes Mitarbeiter und dann auch die Eigentümer des Instituts fotografiert haben. So hatten wir schnell zehn Porträts im Kasten. Dann sind wir in Frankfurt bei Freunden und Bekannten hausieren gegangen und nach und nach kamen immer mehr Leute dazu. Am Ende hatten wir insgesamt 50 Personen in ihrem letzten Hemd fotografiert.

hessenschau.de: Was waren die größten Schwierigkeiten beim Shooting?

Thomas Balzer: Das Schwierigste war: Kaum jemand hatte sich bis dahin Gedanken über den eigenen Tod gemacht. Das hat eigentlich alle erstmal gehemmt. Im Set war dann das Problem: Wenn die Leute da lagen und den Toten mimen sollten, war es sehr schwierig, sie so entspannt zu kriegen, dass ihre Gesichtszüge auch nach einem Toten aussahen. Es dauerte immer so ein bis zwei Stunden, bis die Leute sämtliche Gesichtsmuskeln loslassen konnten und nicht wirkten, als würden sie nur die Augen zusammenkneifen.

hessenschau.de: Auf einem der Bilder liegt ein Mann auf einer Tapete. Welche skurrilen oder spannenden Dinge hätten Ihre Protagonisten denn noch gern mit ins Grab genommen?

Thomas Balzer: Zwei Sachen habe ich besonders in Erinnerung behalten. Ein Mitarbeiter des Bestatters war Mitglied im Karnevalsverein. Der wollte seine Karnevalskappe aufsetzen. Außerdem hatte er einen Fanschal vom 1. FC Köln. Der sah so friedlich und glücklich dabei aus – als würde er schlafen. Das hat mich sehr beeindruckt.

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"Im letzten Hemd"

Sonntag, 6. März bis Sonntag, 13. März 2016
Eröffnung: 6. März 17.00 Uhr
Foyer der Caligari Film-Bühne, Marktplatz 9, 965183 Wiesbaden
Weitere Informationen zu der Wanderausstellung
Infos zu Thomas Balzer, einem Gründungsmitglied der Frankfurter Künstlergruppe Gotensieben

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Wer mich noch beeindruckt hat, waren zwei Freundinnen, die auch beim Bestatter arbeiteten. Ich habe die eine fotografiert, dann sollte die andere dran sein, sah aber auf dem Bildschirm ihre Freundin da liegen und ist in Tränen ausgebrochen. Sie hat sich bis dahin den ganzen Tag mit dem Tod beschäftigt - nur nicht mit dem eigenen. Der Anblick ihrer Freundin hat sie richtig erschüttert. Es hat dann lange gedauert, sie dazu zu bringen, sich auch hinzulegen.

hessenschau.de: Wie waren denn die Reaktionen auf die fertigen Fotos?

Thomas Balzer: Viele haben betroffen reagiert. Vor allem, wenn die Leute sich kannten, war die Betroffenheit sehr groß. Bei Unbekannten auf dem Foto wurde oft diskutiert, ob der Tod echt wirkt oder nicht. Großes Thema war natürlich, was die Menschen ins Grab mitnehmen würden: Viele haben Fotos ihrer Angehörigen mitgenommen oder wichtige Bücher. Ein Jäger hat seine größte Trophäe mitgenommen, das war - glaube ich - ein 16-Ender, der lag dann hinter ihm.

hessenschau.de: Nachdem Sie sich nun so intensiv mit dem Tod beschäftigt haben: Gehen Sie jetzt anders mit dem Thema um?

Thomas Balzer: Mein persönliches Fazit aus diesem Projekt ist: In unserer Gesellschaft werden der Tod und das Sterben viel zu weit weggeschoben. Das ist nicht mehr Teil unserer Gesellschaft. Dabei ist es so wichtig, weil es dem Leben erst seinen Wert gibt. Ich denke auch: Wenn man sich damit beschäftigt, kann es einem selbst die Angst nehmen. Ich habe auf jeden Fall keine Angst mehr davor.

hessenschau.de: Das ist wahrscheinlich auch das, was die Besucher aus der Ausstellung mitnehmen sollen.

Thomas Balzer: Die Ausstellung soll den Tod wieder ins Bewusstsein holen. Früher war es in den Familien, vor allem auf den Dörfern üblich, dass der Tote bis zu einer Woche aufgebahrt wurde. Alle konnten Abschied nehmen. Das ganze Dorf konnte Abschied nehmen. Auch für die Kinder war das etwas ganz Normales. Heute werden Kinder zum Teil nicht mal mehr zu Beerdigungen mitgenommen, weil man denkt, sie verkraften das nicht. Im Grunde genommen gehen Kinder ganz natürlich damit um, es wird ihnen nur irgendwann genommen. Wenn wieder bewusster mit dem Tod umgegangen wird, dann trifft es die Hinterbliebenen vielleicht auch nicht mehr so hart, wenn ein Mensch stirbt.

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