Buchcover (Ausschnitt)
Buchcover (Ausschnitt) Bild © Lukas Kummer / Zwerchfell Verlag

Verwüstete Landschaften, plündernde Soldaten, Seuchen und Hunger: Lukas Kummer aus Kassel hat für seine Graphic Novel ein düsteres Thema ausgesucht - zwei Kindersoldaten auf der Flucht, und das im Dreißigjährigen Krieg.

Das Thema sei ihm zugeflogen, erzählt Lukas Kummer. "Eigentlich wollte ich als Abschlussarbeit etwas ganz anderes machen, einen Comic, eine Survival-Geschichte. Doch dann fand ich es spannender, das historisch zu verankern." Drei Jahre hat er recherchiert. Wichtig war ihm, die Erzählung historisch korrekt wiederzugeben. "Das ist man der Geschichte und der Zeit schuldig."

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Cover "Die Verwerfung" von Lukas Kummer

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Der Dreißigjährige Krieg überzieht von 1618 bis 1648 ganz Europa. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, Österreich und Spanien, Frankreich, die Niederlande, Dänemarkund Schweden kämpfen um die Vormachtstellung und tragen gleichzeitig den Religionskonflikt zwischen Katholiken und Protestanten aus. Soldaten ziehen durch das Land, plündern, töten, vergewaltigen, hinterlassen Verletzte und Verkrüppelte, werden selber Opfer. Wer nicht am Galgen endet, den holen sich Pest, Fieber oder Ruhr. In Süddeutschland etwa überlebt nur ein Drittel der Bevölkerung.

Die Verrohung von Kindersoldaten

Vor diesem Hintergrund spielt die Graphic Novel: Die Waisen Johanna und Jakob Krainer verdingen sich als Kindersoldaten, um zu überleben. Doch im Winter 1646 desertieren sie und fliehen nach Westen, über den Rhein. Sie kommen durch verwüstete Landschaften, Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht, an den Bäumen baumeln Leichen. Johanna hat sich als Mann verkleidet, um nicht vergewaltigt zu werden. Begegnen die beiden anderen Menschen, müssen sie auf der Hut sein: Jeder raubt jeden aus, für ein Stück Brot wird geschlagen, verletzt und sogar getötet. Johanna bildet da keine Ausnahme.  

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Lukas Kummer "Die Verwerfung"

€ 20,00, ISBN 978-3943547252
Zwerchfell Verlag, Dezember 2015

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"Im Vorfeld habe ich ein paar Dokus gesehen über Kindersoldaten in Afrika", erzählt der 27-jährige Tiroler, der seit 2007 in Kassel lebt. Er fand es erschreckend, wie verroht die Kindersoldaten sind und wie gering sie Menschenleben werten. "Wenn eine Generation im Krieg aufwächst und nichts anderes kennt, da passiert was im Kopf mit den Leuten. Ich glaube, das geht relativ schnell." Das habe er beim Dreißigjährigen Krieg sehen können.

"Der Mensch ist fanatisch und brutal“

Porträt Lukas Kummer
Lukas Kummer Bild © Zwerchfell Verlag

Kummers Graphic Novel erinnert an die aktuellen Bilder aus Syrien und Irak. Auch hier herrscht Zerstörung, die Gewalttätigkeiten nehmen kein Ende. Er wolle keine direkten Parallelen ziehen, aber, so sagt er pessimistisch: "Ich glaube, der Mensch ist fanatisch und brutal. Wenn die Umstände passen, legt sich der Schalter relativ schnell um." Kummer glaubt, dass sich Menschen auch für den Fußball umbringen würden, wenn nicht bei jedem Fußballmatch Sicherheitskräfte da wären. "Der Anlass, warum man in die Brutalität schlittert, kann relativ banal sein. Die Leute, die zum IS gehen, haben hier vielleicht nicht die besten Perspektiven. Aber nichts rechtfertigt das, was sie machen."

Holzschnittartige Düsternis

Kummer beschreibt einen grauenvollen Zustand. Seine Zeichnungen nehmen die düsteren Geschehnisse auf sehr ungewöhnliche Weise auf. Er zeigt reduzierte Landschaften, unnatürlich beleuchtete Szenen mit vielen Kontrasten. Sie erinnern an Holzschnitte. "Holzschnitte waren damals ja wie Zeitungen", so Kummer, "und ich wollte, dass das ein bisschen nach Zeitungsfoto aussieht, reportageartig. Auf jeden Fall sollte der Zeichenstil sehr grob sein. Das sollte auch kein Stil sein, bei dem man sich besonders wohl fühlt." Beeinflusst haben ihn auch die Kupferstiche des lothringischen Künstlers Jacques Callot. Dessen berühmte Arbeit "Der Galgenbaum" hat er übernommen: "Seine Motive haben sich am ehesten gedeckt mit dem, was ich recherchiert hatte. Callot hat ja auch im Dreißigjährigen Krieg gelebt."

Heldenromantik, verklärtes Schlachtengetümmel finden sich nicht in dieser Graphic Novel, nur Leere, Not, Einsamkeit.  Ein Happyend hat Kummers Geschichte nicht, im Gegenteil. Er präsentiert Untergangsszenarien: "Es hat damit zu tun, wie die Erde untergehen oder das Universum enden könnte,  mit diesem Ausbrennen und sich Verzehren“, sagt er.

Vom Dreißigjährigen Krieg zu den Täufern von Münster

Vor acht Jahren war Kummer nach Kassel gekommen, um an der Kunsthochschule zu studieren. "Die Verwerfung" ist seine Abschlussarbeit. Heute arbeitet der 27-Jährige als Zeichner und Illustrator. Und ein neues historisches Projekt wartet auf ihn: "Nächstes Jahr mache ich wahrscheinlich eine Graphic Novel über die Täufersekte in Münster, wobei das nicht von mir kommt. Da kriege ich die Story und bin nur der Zeichner." Also wieder ein historisches Thema. Wo er doch eigentlich endlich mal in die Zukunft will, gesteht er lachend.

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