Plakat mit Aufschrift: Ist das Kultur? Dann kann das weg!
Die Kulturszene wehrt sich mit Plakaten gegen die geplanten Kürzungen (re.) Bild © Anna Spieß

Ob Landestheater, Waggonhallen oder Bildungsangebote: Marburgs Oberbürgermeister will bei der Kultur sparen. Kulturschaffende protestieren.

Theater, Kunstkurse und Bildungsangebote machen die Marburger Kulturszene vielfältig und bunt. Doch jetzt fürchten viele Kulturschaffende genau um diese Angebote. Sollte die Stadtverordnetenversammlung Ende März dem Haushaltsentwurf von Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) zustimmen, drohen Kürzungen um die 12 Prozent.

Thomas Spies, Oberbürgermeister Marburg
Der Oberbürgermeister von Marburg, Thomas Spies, beugt sich über Unterlagen. Im Bereich Kultur will er den Rotstift ansetzen. Bild © Anna Spiess

Nach Angaben von Spies sind das keine immensen Summen - aber notwendig, um das Haushaltsdefizit nach und nach auszugleichen. "Der Bereich Kultur hat in unserer Stadt jahrelang so viel Zuschüsse bekommen, wie andere Landkreise für den Bereich Bildung, Kultur und Jugend zusammen", sagt Spies.

Kunstkoffer adé

Das sieht Ulrike Spies anders. Sie ist ehrenamtliche Schatzmeisterin der Kunstwerkstatt - und hat nur zufällig denselben Nachnamen wie der Oberbürgermeister. Die Kunstwerkstatt, die Kurse für Kinder und Jugendliche anbietet, gibt es seit über 30 Jahren in Marburg. Ulrike Spies erklärt, dass dort ausschließlich mit Honorarkräften und Ehrenamtlern gearbeitet wird. "Wenn jetzt auch noch Geld gekürzt wird, kann man einige Kurse einfach nicht mehr anbieten", meint sie.

In Zahlen heißt das: Die Kunstwerkstatt braucht jährlich ein Budget in Höhe von 70.000 bis 80.000 Euro. Von der Stadt bekommt sie einen Zuschuss in Höhe von 30.000 Euro, dazu noch 18.000 Euro für Schulkooperationen.

Kunstwerkstatt Marburg
Auch die Kunstwerkstatt Marburg ist von Sparplänen im neuen Haushaltsentwurf betroffen. Bild © Anna Spiess

Von den 30.000 Euro Zuschuss sind 12.000 Euro fest für den sogenannten "Kunstkoffer" eingeplant. Das ist ein kostenfreies Kunstangebot für Kinder in sozialen Brennpunkten. Bei 12 Prozent weniger Zuschuss sind das rund 3.700 Euro weniger für die laufenden Kosten, wie Spies vorrechnet. Die Schatzmeisterin ist ratlos, wie sie das hinbekommen soll.

Kulturbetrieb unterfinanziert?

Ähnlich geht es auch Matze Schmidt, dem Geschäftsführer und künstlerischen Leiter der Waggonhallen. Bei ihm würde sogar doppelt gekürzt, rechnet er vor. Im Jahr 2014 hat die Stadt einen Zuschuss von knapp 90.000 Euro gewährt, was ungefähr 20 Prozent des gesamten Einnahmebedarfs ausmacht. Die Jahre 2015 und 2016 liefen dagegen besser. Die Waggonhallen haben einen höheren Zuschuss bekommen, der bei etwas mehr als 100.000 Euro lag.

Der Rotstift wird jetzt aber bei dem Zuschuss von 2014 angesetzt, sodass Schmidt für 2017 nur noch knapp 83.000 Euro an Zuschüssen zur Verfügung hätte. Im Vergleich zu 2016 sei das ein riesiger Unterschied, den er nur ausgleichen könne, indem er einige Projekte streiche, sagt er. Wütend macht ihn vor allem, dass in der Kulturszene überhaupt gespart werden soll: "Der Kulturbereich in Marburg ist ohnehin schon unterfinanziert."

„Wir haben einen kulturellen Bildungsauftrag“

Matthias Feltz, Intendant des Landestheaters Marburg
Matthias Faltz, Intendant des Landestheaters Marburg Bild © Anna Spieß, hr-iNFO

Während viele Kulturschaffende mit Sorge auf die geplanten Kürzungen reagieren, ist sich Matthias Faltz, Intendant des Landestheaters, sicher, dass es erst gar nicht so weit kommen wird. "Wir sind hier nicht nur zur Bespaßung der Gesellschaft da, sondern erfüllen auch einen kulturellen Bildungsauftrag." An dem dürfe nicht gekürzt werden, sagt er. Faltz geht davon aus, dass der Entwurf des Oberbürgermeisters in der Stadtverordnetenversammlung im März nicht durchkommen wird. Denn auch das Landestheater würde es hart treffen.

Die Einrichtung wird von Stadt und Land gefördert. "Wenn die Stadt uns 6 Prozent weniger Geld gibt, bekommen wir vom Land auch 6 Prozent weniger", erklärt Faltz. Gespräche mit der Stadt hätten aber ergeben, dass dem Landestheater auf keinen Fall geschadet werden soll. "Wenn jetzt Geld wegfällt, wird der Abschluss eben negativ. Dann müssen wir Stadt und Land sowieso um Geld anbetteln." Das könne wohl nicht die Lösung sein, sagt Faltz, der gerade mitten in den Proben für die Premiere von "Romeo und Julia" steckt.

Weicher Standortfaktor hart gekürzt

Um auf sich aufmerksam zu machen, haben die Kulturschaffenden Plakate drucken lassen, die sie in der ganzen Stadt aufhängen wollen. "Weicher Standortfaktor hart gekürzt" steht da. Sie hoffen, dass sie doch noch von den Kürzungen verschont bleiben und ihre Angebote bestehen bleiben. Zur Not würden sie sich etwas einfallen lassen, sagt Schatzmeisterin Spies von der Kunstwerkstatt. Wenn es sein muss, könnte die Kulturszene ja ein "Kultursterben" auf dem Rathausplatz veranstalten. "Mal sehen, wie der Oberbürgermeister das findet."

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