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Friedenspreisträger Navid Kermani bei seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche Bild © picture-alliance/dpa

Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani ist in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. In einer emotionalen Dankesrede appelliert er an die internationale Gemeinschaft, den Krieg in Syrien und im Irak zu beenden.

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Um den Krieg in Syrien und im Irak zu beenden seien weit entschlossenere diplomatische und möglicherweise auch militärische Schritte notwendig, sagte der 47-jährige Orientalist bei der feierlichen Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche vor fast 1.000 Besuchern.

"Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt - und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich." Die Kermani-Rede im Wort können Sie hier nachlesen.

"Wir stehen erst auf, wenn Bombe uns trifft"

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Navid Kermani, Frankfurts OB Peter Feldmann und Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Bild © picture-alliance/dpa

Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt würden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele wichtige Kulturdenkmäler der Menschheit von Barbaren in die Luft gesprengt. Doch Europa versammle sich erst jetzt. "Wir stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen." 

Doch es gebe Hoffnung. "Es gibt bis zum letzten Atemzug Hoffnung", so Kermani. Der Einsatz für die Flüchtlinge in Europa sei beglückend, aber zu unpolitisch.

Europa ist nichts eingefallen

"Wir führen keine breite gesellschaftliche Debatte über die Ursachen des Terrors und der Fluchtbewegung und inwiefern unsere eigene Politik vielleicht sogar die Katastrophe befördert, die sich vor unseren Grenzen abspielt", so Kermani: "Wir fragen nicht, warum unser engster Partner im Nahen Osten ausgerechnet Saudi-Arabien ist."

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Nichts sei Europa eingefallen, um das Morden zu verhindern, das das syrische Regime seit vier Jahren am eigenen Volk verübe, so Kermani. "Je länger wir warten, umso weniger Möglichkeiten bleiben uns." Der größte Fehler sei jetzt, weiterhin nichts zu tun.

Gemeinsames Gebet statt Applaus

Roter Faden von Kermanis emotionaler Rede war die Geschichte von Pater Jacques, einem syrischen Christen, der bis zu seiner Entführung durch den IS im vergangenen Mai in einem syrischen Klosters lebte und eine rund 200-köpfige Gemeinde betreute. Monatelang fehlte jedes Lebenszeichen von Pater Jacques sowie Pater Paulo und der gesamten christlichen Gemeinde.

"Pater Jacques ist frei", sagte Kermani am Ende seiner Rede. Muslimische Bewohner hätten ihn mit Hilfe von Beduinen aus dem Bereich des IS geschafft. "Muslime haben ihr Leben für einen christlichen Priester riskiert. Das zeigt, dass Liebe über die Religionen hinaus funktioniert." Kermani bat die Besucher in der Paulskirche zum Schluss seiner Rede um etwas Ungewöhnliches. "Ich möchte Sie bitten, nicht zu applaudieren. Stehen Sie auf und beten Sie für Pater Paulo und die 200 entführten Christen." Mit diesem Bild der betenden Menschen wolle er den brutalen Videos der Terroristen ein Bild unserer Brüderlichkeit entgegenhalten. 

"Den Roman, an dem ich schreibe"

In seiner Laudatio hatte zuvor der Literaturwissenschaftler Norbert Miller die Literatur Kermanis in den Mittelpunkt gestellt und den Bogen vom Romanschreiber über den Orientalisten, den Reporter und den Bildbetrachter bis hin zum Berichterstatter gespannt.

"Dieses Festhalten am Schreibvorgang als Lebensprogramm des Schriftstellers Kermani begreift in sich auch alle künftigen Äußerungen. Sie alle sind, bis auf diesen heutigen Tag, Teil eines roman à faire." Charakteristisch sei einer seiner Buchtitel: "Jean Paul, Hölderlin und der Roman, an dem ich schreibe". "Der Roman, an dem ich schreibe" - dieser Satz sei so etwas wie ein Motto für das Schaffen Kermanis.

Reisender zwischen Kulturen und Weltregionen

Als Reisenden zwischen den Kulturen und Weltreligionen würdigte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, den Preisträger.

"Navid Kermani ist ein Kosmopolit, der glaubwürdig und engagiert für Toleranz, Offenheit und Freiheit wirbt." Eine schreckliche Nachricht jage die andere, Bilder von Flüchtlingen und Katastrophen würden uns täglich in die Wohnzimmer geliefert. "Angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, brauchen wir solche Menschen wie Navid Kermani, Menschen die Vorbilder sind."

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hatte die feierliche Zeremonie eröffnet. Deutschland könne Integration, und Frankfurt sicherlich ganz besonders, anders als in anderen deutschen Städten, so Feldmann. Heute sei es die Aufgabe, Menschen aus einer anderen Kultur mit den Deutschen zusammenzubringen.

Vom Friedens- zum Nobelpreis

Bereits im Vorfeld hatte sich Kermani tief bewegt über die Auszeichnung mit dem Friedenspreis gezeigt. "Ich bin mit diesem Preis aufgewachsen". Er könne die Liste aller Friedenspreisträger aufsagen und immer wieder sei die Verleihung für ihn ein großes Ereignis, sagte der Preisträger im Vorfeld.

Große Dichter und Denker wie Hermann Hesse, Max Frisch, Jürgen Habermas, Václav Havel, Astrid Lindgren, Orhan Pamuk, aber auch Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer und Yehudi Menuhin konnten den Preis bereits entgegennehmen. Der Friedenspreisträgerin des Jahres 2013, Swetlana Alexijewitsch, wurde soeben der Literaturnobelpreis zuerkannt. Der Friedenspreis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 1950 vergeben und ist mit 25 000 Euro dotiert.

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