Tokat Film Montage
Dönmez (links) und Kerem (rechts), zwei Protagonisten des Films "Tokat". Das "Abrippen" war auch ihr Metier. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), Schendel-Stevens-Filme

Frankfurt in den 1990er Jahren: Jugendbanden verticken Drogen, ziehen Walkmen ab, liefern sich Straßenschlachten. Was ist aus den harten Jungs von damals geworden? Zwei Dokumentarfilmerinnen sind der Frage im Film "Tokat" nachgegangen.

"Turkish Powerboys ", "Griesheim Tigers" oder "Ahorn Boys": Namen wie aus einem Gangsterfilm. Im Frankfurt der 1990er Jahre waren sie Namen von berüchtigten Jugendbanden. Junge Migranten schlossen sich zusammen, dealten mit Drogen, lieferten sich Straßenschlachten, es gab Tote. Ihre besondere Spezialität war das "Abrippen": Wer damals Marken-Jacken von "Chevy" oder "Alpha" trug, musste damit rechnen, mehr oder weniger brutal um sein Hab und Gut gebracht zu werden.

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20 Jahre später fragten sich die Dokumentarfilmerinnen Andrea Stevens und Cornelia Schendel, was aus den harten Jungs von damals geworden ist. Sie entschlossen sich, einen Film über die Jugendgangs zu drehen - er trägt den Titel "Tokat – Das Leben schlägt zurück" und feiert am 24. Februar im Metropolis Kino in Frankfurt Premiere.

Die beiden Frauen hatten die Angst vor den Banden noch lebhaft in Erinnerung: "Das Abrippen war ein Phänomen dieser Zeit", erzählt Stevens."Freunde kamen ohne Jacke oder Schuhe nach Hause, es wurden Sachen aus unserer Turnhalle geklaut." Stevens war in den 1990ern auf einer Privatschule im Frankfurter Stadtteil Fechenheim – in direkter Nachbarschule zur Heinrich-Kraft-"Problemschule". Die Turnhalle teilte man sich. "Ich habe zum Glück nie Markenklamotten getragen", berichtet sie.

"Inoffizielles Partnerdorf Frankfurts"

Andrea Stevens und Cornelia Schendel
Andrea Stevens und Cornelia Schendel Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

2011 war sie auf der Suche nach einem Thema für ihre Masterarbeit. Schendel, mit der sie seit dem Studium befreundet war, lernte an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach ein ehemaliges Gangmitglied kennen. Er machte sie mit den späteren Protagonisten bekannt und die Idee zu dem Film "Tokat – Das Leben schlägt zurück" war geboren. Übersetzt bedeutet das türkische Wort "Ohrfeige", im Frankfurt der 90er-Jahre war es auch das Synonym für einen bandenartigen Raubzug.

"Tokat" erzählt die Geschichte dreier Gastarbeiterkinder: Hakan, Dönmez und Kerem. Sie waren Gangmitglieder, teils als Mitläufer, teils als schwer Kriminelle. Alle drei stammen aus dem 400-Einwohner-Dörfchen Bayat im türkischen Ostanatolien. "Unser Film ist auch eine Dorfgeschichte", sagt Schendel. Es gebe Schätzungen, dass inzwischen bis zu 1.500 Menschen in Frankfurt lebten, die irgendwie mit diesem Dorf verbunden sind, schmunzelt Schendel: "Es ist das inoffizielle Partnerdorf Frankfurts."

"Der Film entwickelte sich anders"

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Cornelia Schendel und Andrea Stevens (beide 36) studierten am Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt. Cornelia Schendel war danach noch an der HfG in Offenbach. 2011 gründeten sie ihre Produktionsfirma "Schendel Stevens Filme". Sie produzieren Reportagen und Fernsehbeiträge, Event- und Imagefilme. "Tokat" ist ihr erster langer Dokumentationsfilm, eine "Herzensangelegenheit", wie sie betonen. Sie erhielten dafür Filmförderung, vor allem vom Land Schleswig-Holstein. Außerdem nahmen sie 2013 an der Crowdfunding-Ation "Kulturmut" der Aventis-Stiftung teil.

Die Premiere von "Tokat" ist am 24. Februar im Metropolis Kino in Frankfurt. Mehr auf der Facebook-Seite des Films.

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Zwei Mal reisten die Filmemacherinnen nach Bayat, um zu recherchieren und zu drehen. Anfangs war noch eine Art Bandenfilm mit mehr Protagonisten geplant, erzählt Andrea Stevens.

Doch die Doku entwickelte sich anders: "Viele ehemalige Gangmitglieder haben mit der Vergangenheit abgeschlossen und möchten nicht mehr darüber sprechen. Dann gibt es andere, die nicht reden können, weil sie noch in gewisse Sachen verstrickt sind. Und dann gibt es welche, die sind in Lebenssituationen, die nicht so schön sind."

Auch Hakans, Dönmez' und Kerems Lebensweg war schwierig: Hakan und Dönmez wurden in die Türkei abgeschoben. Der eine arbeitet dort als Bauer, der andere in einer Apfelsaftfabrik. Kerem ist Frührentner und lebt in Frankfurt. All das wollen die Filmemacherinnen ohne Häme zeigen. "Uns war wichtig, diese Menschen durchaus liebevoll zu zeigen und sie nicht vorzuführen", erklärt Schendel. "Wir haben auch keine soziologische Studie gedreht, die die Bandengeschichte erklärt oder sogar glorifiziert."

"Fragwürdige Vorbilder"

Und doch ist der Film in mehrerlei Hinsicht aktuell. Man könne anhand der Biografien schon sehen, was damals bei der Integration schief gelaufen sei, sagt Stevens. Fehler, die sich in der Flüchtlingskrise nicht wiederholen sollten, meint sie: "Die Gastarbeiter sind dageblieben, mit vielen Flüchtlingen wird es auch so sein. Sie sollten also nicht die 'Fremden' bleiben."

Außerdem würden nicht wenige Jugendliche die Banden heute noch verehren. "Das sind natürlich fragwürdige Vorbilder", sagt Stevens. So wollen die Filmemacherinnen nach der Premiere mit ihrem Werk durch Jugendzentren touren. "Zur Prävention", erklärt Stevens, "aber ohne erhobenen Zeigefinger."

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