Punk Ausstellung Kassel
Ein Mitglied der Kasseler Punkszene Anfang der 80er. Bild © Che Seibert

Irokesenschnitt und laute Musik - Punks rebellierten Anfang der 80er Jahre auch in Kassel gegen das Spießbürgertum. Wie die Punkszene dort entstand und was die Punks anstellten, zeigt nun das Spohr-Museum.

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zum Audio Irokesenschnitt und laute Musik: Schau über Punks in Kassel

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Sie ist bestückt mit Aufklebern von Punkbands: Die alte Zapfanlage aus der "Mutter" in der Nordstadt, der Lieblingskneipe der Kasseler Punks in den 80ern. Im Kasseler Spohr-Museum thront sie nun wie ein Hausaltar im Ausstellungsraum.

Das sei ein Stück Zeitgeschichte, betont Wolfram Bode, Macher der Ausstellung "Pioniere des Punks" und Musikwissenschaftler. Er hat für seine Schau, die noch bis September läuft, alte Kassettenrekorder, Platten, Fotos und Musikinstrumente zusammengetragen.

Laut und schnell

Einigen Instrumenten sehen die Besucher allerdings gar nicht an, dass man mit ihnen Musik machen kann. Ex-Punk-Musiker Peter Hartmann, der die Ausstellung zusammen mit alten Mitstreitern besucht, zeigt wie es geht: Er trommelt auf einem Pizzakarton herum, den er nach eigenen Angaben noch immer unwiderstehlich findet. Wie in alten Zeiten gilt die Devise: "Laut und schnell!"

Hartmann blickt zurück auf seine wilde Zeiten, die 1978 begonnen hatten. Damals war er Student an der Kasseler Kunsthochschule und besetzte mit ein paar Mitstreitern den Messinghof, ein leer stehendes Fabrikgelände. Dort konnten sie sich austoben und Musik machen, die ihnen gefiel. Dazu drehten sie Videos, als Teil ihres Studiums.

Ab und zu kam ihr Professor vorbei und schaute nach dem Rechten. "Herrlich war das, wir waren frei und kreativ", schwärmt Hartmann noch heute. Die Idole der Kasseler Punks waren die "Ramones", Pioniere des Punks aus den USA. Die jungen Studenten wollten alles sein, nur nicht langweilig, nicht "spießig" wie ihre konservativen Eltern. Und trommelten drauf los.

Die erste Schallplatte

Auch der Musikproduzent Rüdiger Ebel von "Iron Curtain Records" kam zu der Ausstellung. Er blickt gerne auf die Zeit im Messinghof zurück, den er 1981 zum ersten Mal betrat. Damals produzierte er noch Volksmusik, die "Original Egerländer" zum Beispiel.

In dem alten Fabrikgebäude erlebte Ebel erstmal einen Kulturschock: "Radau!" nennt er noch heute den Punkrock, den die Studenten damals spielten. Ebel brachte den Punks bei, wie man "richtig" Musik macht. Das war eine schwere Geburt, wie er berichtet. Denn die Punks wollten sich von ihm zuerst partout nicht reinreden lassen.

Doch schließlich spielten sie laut Ebel so manierlich, dass er mit ihnen die erste Schallplatte produzieren konnte. Die Band hieß "Neues Deutschland". Der Song "Schießbefehl" tönt bei der Ausstellung über Kopfhörer. Gesungen und gespielt von Hartmann und seine Bandkollegen im Jahr 1981.

Leben im Zonenrandgebiet

Die Kasseler Punks und Ebel gründeten ein eigenes Plattenlabel namens "Iron Curtain". In ihren Songs ging es um das Leben an der damaligen Zonengrenze, im vergessenen Winkel Deutschlands. Hartmann und seine Band gingen auch auf Tournee. Auf einem Konzert im Rheinland erfuhren sie, dass man sich dort gar nicht vorstellen konnte,"wie Leute so nah an den Russen leben konnten". Sie konnten. Und wie.

Im Zonenrandgebiet gab es Freiheiten, die sonst undenkbar waren. Das nutzten auch Punks aus Eschwege aus, erzählt der Kurator der Punk-Ausstellung, Bode. Die Mitglieder der Band "The Bates" seien zum Beispiel an den Todesstreifen gefahren und hätten dort am Grenzzaun gekifft - ungestraft, weil die Grenzpolizei das nicht kümmerte und die normale Polizei das Grenzgebiet nicht betreten durfte.

Heute sind die Punks bürgerlich

Aber nach 1982 war es mit der Punk-Blüte in Kassel vorbei. Alle Bands verschwanden in der Versenkung, die Mitglieder zerstreuten sich in alle Richtungen und begannen ein bürgerliches Leben.

Hartmann ist heute dreifacher Großvater. Doch er und seine Mitstreiter seien stolz auf ihr Vermächtnis, sagt er. "Wir trugen damals zerrissene Jeans, weil wir keine Kohle hatten. Heute trägt die Mittelschicht zerrissene Jeans und zahlt dafür teures Geld. Also haben wir viel erreicht."

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