Ich Bilder
Erwin Wurm: "Selbstporträt als Essiggurkerl", 2010 Bild © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn setzt dem Selfie-Boom eine Ansammlung von schrägen Selbstporträts von Künstlern entgegen. hessenschau.de zeigt, welche Porträts in der Ausstellung "ICH" die seltsamsten, eindringlichsten und witzigsten sind.

Worum geht's?

Die Schirn Kunsthalle zeigt eine Reihe von Selbstporträts, die die ursprüngliche Idee des Selbstporträts infrage stellen oder gleich ganz verwerfen. In der Ausstellung sind nur sehr wenige Gesichter zu sehen - und wenn, dann zeigen sie nicht unbedingt den Künstler. Es geht also um die Dekonstruktion des Selbstporträts, eines jahrhundertalten Genres in der Kunstgeschichte und eines Lieblingsmotivs von hunderten Millionen Menschen in Zeiten des Selfie-Booms. Daher ist das "ICH" im Ausstellungstitel durchgestrichen.

Weitere Informationen

Selbstporträts seit 1963

Die Ausstellung "ICH. Selbstporträts seit 1963" ist vom 10. März bis 29. Mai in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, 60311 Frankfurt, zu sehen. Nähere Informationen hier.

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Das sagt die Kuratorin Martina Weinhart dazu: "Wir können heute feststellen, dass die Selbstinszenierung zum Massenphänomen einer Beeindruckungskultur geworden ist. Die Künstlerinnen und Künstler treten dem entgegen und haben unorthodoxe, spielerische und humorvolle Strategien entwickelt, um die Allgegenwart und die Überkodierung des menschlichen Abbilds in unserer Mediengesellschaft zu hinterfragen."

Das Anti-Selfie

Ich Bilder
Wolfgang Tillmanns: "Lacanau (self)", 1986 (Ausschnitt) Bild © Wolfgang Tillmanns

Der Fotograf Wolfgang Tillmanns ließ bei seinem Selbstporträt einfach das Gesicht weg und fotografierte sich von der Achsel körperabwärts. Er schuf so bereits vor 20 Jahren ein Anti-Selfie. Es dauert eine Weile, bis man kapiert hat, wo Knie, wo Badehose und wo T-Shirt des Künstlers abgebildet sind.

Das rätselhafteste Selbstporträt

Schirn-Goldfolie
Gabriel Kuri: "Self-portrait (with hollow leg) as early peak chart", 2012 Bild © Marijn Dorrestijn (hessenschau.de)

Eine goldene Isolierfolie, eine Aludose, mehr braucht Gabriel Kuri nicht, um sich selbst in Szene zu setzen. Irgendwo in seiner seltsamen Installation sei noch eine Meeresschnecke versteckt, heißt es. Diese Tiere symbolisieren Androgynität, und in der Tat lässt sich hier schlecht sagen, ob Mann oder Frau dargestellt sein soll, auch wenn der Schlitz in der Goldfolie eher auf eine Frau hindeutet.

Die oberflächlichsten Selbstporträts

Schirn-Anzuege
Joseph Beuys: "Filzanzug", 1973 (links); Pawel Althamer: "Selbstporträt (Kleidung)", 1994 Bild © Marijn Dorrestijn (hessenschau.de)

Was hält einen Menschen zusammen? Eingedenk seiner Kriegserfahrung antwortete Joseph Beuys darauf nicht selten mit: Filz. Die Schirn zeigt einen Anzug - aber könnte darin nicht wirklich jeder stecken? Gleiche Frage an die Kleider von Pawel Althamer. Sie gewinnen etwas Persönlichkeit doch erst durch die Beigabe von Ausweis, Brille und Haaren des Künstlers.

Der größte Selbstdarsteller

Schirn-Installation
John Bock: "Verlottertes Requiem", 2016 Bild © Marijn Dorrestijn (hessenschau.de)

Am meisten Raum nimmt das Selbstporträt von John Bock ein. In der eigens für die Schirn konzipierten Installation verknüpft er mehrere opulente Ganzkörperkostüme, in denen er immerhin im Stande ist, Musikkonzerte zu geben, wie ein Video beweist. Solche "Quasi-Me's", wie er sie nennt, entwirft er seit 20 Jahren. Ausgeflippt, allerdings!

Die nüchternsten Selbstporträts

Schirn-Chemie
Alicja Kwade: "Selbstporträt", 2015 (oben); Robert Morris: "Brain portrait", 1963 Bild © Marijn Dorrestijn (hessenschau.de)

Oberfläche, Farbe, Anschein - das alles zählt nichts in diesen Werken von Alicja Kwade und Robert Morris. Die Künstlerin versammelte Phiolen mit den 23 chemischen Elementen, aus denen jeder Körper besteht: Sauerstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Natirum, Eisen, und so weiter. Der Mensch, aufs Elementare heruntergebrochen.

Morris ließ in den 1960er Jahren mittels Elektroenzephalografie seine Gehirnströme aufzeichnen. Während der Sitzung habe er sich ganz auf sich konzentriert, sagte er: Eine Annäherung an seine Persönlichkeit erlaubt diese spezielle Abbildung seines Innenlebens freilich nicht.

Das eindringlichste Selbstporträt

Ich Bilder
Jürgen Klauke: "Toter Fotograf", 1988/1993 (Ausschnitt) Bild © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Was sagt es also über uns aus, wie es in uns aussieht? Jürgen Klauke legte sich auf der Suche nach seiner Persönlichkeit in einen Gepäckscanner an einem Flughafen. Ein ungewöhnlicher Einblick, aber sehr zufrieden scheint der Künstler mit dem Ergebnis nicht zu sein: Er nannte die Arbeit "Toter Fotograf".

Kai aus der Kiste

Schirn-Mann-Karton
Thorsten Brinkmann: "Brinkmann", 2006, daneben der Künstler. Bild © Marijn Dorrestijn (hessenschau.de)

Thorsten Brinkmann steckt seinen Kopf nicht in den Sand, aber in einen Karton. Darin streckt er dem Betrachter vielleicht die Zunge heraus, vielleicht schläft er auch. Der Titel "Brinkmann" verrät immerhin, dass er wohl selbst drin steckt, es sind ja auch seine Jeans. Eine Besucherin der Pressevorbesichtigung mochte bei so viel Negation und Dekonstruktion kaum glauben, dass sich kein aktueller Künstler mehr zu einem positiven Selbstbekenntnis, durchringen kann. Aber wie gesagt: Das "ICH" im Ausstellungstitel ist durchgestrichen!

Das witzigste Selbstporträt

Ich Bilder
Erwin Wurm: "Selbstporträt als Essiggurkerl", 2010 Bild © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Es geht mit viel Humor zu in dieser Ansammlung seltsamster Selbstdarstellungen, da darf ein Profi wie Erwin Wurm nicht fehlen. Er porträtiert sich als "Essiggurkerl": in allen möglichen Größen und Krümmungsgraden. Damit vereinnahmt er das Männliche schlechthin, denn wenn der Österreicher vom "Gurkerl" spricht, meint er auch mal den Penis (eines anderen).

Das öffenlichste Selbstporträt

Schirn-Smartphone
Florian Meisenberg: "Out of Office", 2016, mit dem Künstler. Bild © Marijn Dorrestijn (hessenschau.de)

"Out of Office" nennt Florian Meisenberg die Installation mit einem großen Display, auf dem alle Besucher für die gesamte Ausstellungsdauer sehen können, was sich auf Meisenbergs Smartphone tut. Der Künstler versichert, dass er nur ein Smartphone hat, das heißt: Alle Suchanfragen, Textnachrichten, jedes Foto, das er macht, sind jetzt sehr öffentlich. Er sei gespannt, ob dieses Wissen ihn in seinem Kommunikationsverhalten verändere, sagt Meisenberg. Er begibt sich ein Stück weit out of control.

Am Ende doch noch Gesichter

Ich Bilder
Jonathan Monk: "Senza Titolo VII", 2012 (links); Jack Pierson: "Self Portrait #25", 2005 (Ausschnitt) Bild © Jonathan Monk and Lisson Gallery, London / Kurt Steinhausen, Köln

Jonathan Monk zeigt sein Gesicht in Gestalt einer Büste, deren Nase er mutwillig abgeschlagen hat. Jack Pierson zeigt eine Serie von Selbstporträts, in denen er sich von anderen vertreten lässt: einem nackten Jungen, der Holz hackt, oder einem jungen Mann, dessen verletzter Oberkörper an Jesus denken lässt. Das Selbstporträt ist tot, es lebe die kreative Selbstinszenierung!

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