Luisenplatz mit tausenden Tauben aus Video
Luisenplatz mit tausenden Tauben aus Video Bild © Waref Abu Quba

Vor zwei Jahren kam der Syrer Waref Abu Quba als Flüchtling nach Darmstadt. Jetzt hat der Künstler ein Video über die Stadt gedreht, um "den vielen netten Menschen" dort etwas zurückzugeben.

Menschen wuseln kreuz und quer über den Schlossplatz, Tauben wirbeln in unzähligen Schwärmen über dem Luisenplatz - und jede Szene ist in ein ganz eigenes Licht getaucht. In diesem Licht sieht der Syrer Waref Abu Quba Darmstadt. Seinen Film "Stadt, Licht & Bewegung" haben sich auf der Online-Plattform Vimeo schon mehr als 14.000 Menschen angesehen, in den sozialen Netzwerken wird er mit Lob überschüttet. Wir haben den Künstler getroffen und ihn zu seinem Werk befragt.

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hessenschau.de: Herr Abu Quba, wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Darmstadt-Film?

Waref Abu Quba: Es gab am Anfang sehr viel Zeit in Deutschland, in der ich nur gewartet habe. Diese Zeit wollte ich nutzen. Deshalb habe ich einfach mit dem Film begonnen. Während der Arbeit am Film habe ich mitbekommen, wie sensibel sich die Flüchtlingskrise in Deutschland entwickelt hat. Ich konnte damals noch kein einziges Wort Deutsch und ich dachte mir, 'Kunst ist doch eine internationale Sprache'. Als Syrer wollte ich etwas zurückgeben.

hessenschau.de: Warum wollten Sie etwas zurückgeben?

Waref: Als ich nach Darmstadt kam, war ich zum ersten Mal überhaupt in Europa. Das alles hat mich sehr begeistert: die Gebäude, die Straßen und vor allem die Leute. Es gab so viele nette Menschen, auch in den Ämtern, die sich Zeit genommen haben, um mir zu helfen. Bei der Wohnungssuche hat mir zum Beispiel eine Dame vom Frauenzentrum geholfen. Meine Herkunft hat dabei nie eine negative Rolle gespielt, und dafür bin ich wirklich dankbar.

hessenschau.de: Wie aufwändig waren Dreharbeiten und Schnitt?

Waref: Ich habe meine Kamera-Ausrüstung mit nach Deutschland gebracht: eine Canon-Spiegelreflex mit Stativ und ein wenig Zubehör. Die Idee gab es schon länger, etwas Experimentelles mit Licht und Bewegung zu drehen.

Für manche Einstellungen bin ich 30 oder 40 Minuten lang mit der Kamera in der Hand Schritt für Schritt durch die Stadt gegangen. Die Aufnahmen von oben sind auf dem Langen Ludwig entstanden. Es war echt harte Arbeit. Das Wissen über die Aufnahmetechniken und den Videoschnitt habe ich mir hauptsächlich durch Erklär-Videos auf YouTube angeeignet. In Syrien gibt es leider keine Akademie oder Universität, die in Film und Video spezialisiert ist. In meinem Studium der bildenden Kunst habe ich zwar einiges über Bildkomposition und Ästhetik gelernt, aber eben kaum etwas Technisches.

Waref Abu Quba im Herrengarten in Darmstadt
Waref Abu Quba im Herrengarten in Darmstadt Bild © Raphael Warnke, hessenschau.de

hessenschau.de: Wie sind die Reaktionen auf den Film?

Waref: Viele Menschen haben so reagiert: "Wenn alle Flüchtlinge so sind, das wäre ja der Hammer." Sie denken oft, alle Geflüchteten sitzen nur zu Hause und lassen sich fürs Nichtstun bezahlen. Ich habe irgendwie die Verantwortung gehabt, die syrische Gesellschaft zu vertreten. Das Dankeschön kommt nicht nur von mir, sondern von allen Geflüchteten und besonders den Syrern.

hessenschau.de: In einem früheren Video zeigen Sie Ihre Heimatstadt Damaskus. Was vermissen Sie?

Waref: Am meisten vermisse ich einen langen Spaziergang durch Damaskus und die Atmosphäre der Stadt. Und auch das Essen in Syrien ist so gut, das vermisse ich schon. Leider war das Leben vor dem Krieg in Syrien auch nicht immer schön. In einer Diktatur zu leben und dabei Träume zu haben, das passt nicht zusammen. Mein Glück ist, dass meine Familie hier in Europa in meiner Nähe ist. Meine Schwester lebt in Lyon und mein Bruder auch in Darmstadt. Es gibt ein syrisches Sprichwort: Ein Paradies ohne Menschen ist kein wünschenswerter Ort. Da ist viel Wahres dran, wie ich im Moment merke.

hessenschau.de: Wie sieht es mit Ihrer Zukunft aus? Haben Sie bereits neue Filmpläne?

Waref: Als nächstes wird der Animationsfilm "Four Acts for Syria" realisiert. Der existiert bisher nur als Projekt. Auf der diesjährigen Berlinale haben mein Team und ich dafür den Preis der Robert-Bosch-Stiftung bekommen. Der Preis wird für Deutsche-Arabische Zusammenarbeit zur Filmförderung verliehen. Ich und mein Partner aus Amerika haben eine Produktionsfirma in Berlin gefunden. Der Film soll in vier Kapiteln die Geschichte Syriens erzählen. Wie hat sich das Land unter einer Diktatur verändert, und was ist unsere große Hoffnung für die Zukunft? Das sind dabei zentrale Themen. Wann genau der Film erscheint, weiß ich allerdings noch nicht.

hessenschau.de: Und Ihre persönliche Zukunft, was wünschen Sie sich da?

Waref: Zurzeit werde ich als syrischer Geflüchteter wahrgenommen, der Filme macht. Ich würde sehr gerne Filmregisseur sein und etwas erschaffen, an das sich die Menschen erinnern können. Die Menschen sollen mich für meine Filme kennen und nicht dafür, dass ich dieser eine Geflüchtete bin, der Filme macht. Das ist etwas, was ich mir wirklich wünsche.

Weitere Informationen

Zur Person

Waref Abu Quba ist 30 Jahre alt.
Er wurde in der Nähe von Damaskus geboren, ist dort aufgewachsen und hat an der Universität von Damaskus Bildende Kunst studiert.
Im September 2011 verließ er Syrien aufgrund des Kriegs. Über Dubai und Jordanien kam er Anfang 2014 in Deutschland an und lebt seitdem in Darmstadt.

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