Ebbelwei-Lied Walze
Die Wachswalze (rechts) mit Adam Müllers "Ebbelwei-Lied" aus der Sammlung von Werner Baus. Bild © hessenschau

Eintracht, EZB, Ebbelwei: drei Frankfurter Schmuckstücke. Letzteres besang der Mundartdichter Adam Müller vor über 100 Jahren. Sein auf einer Wachswalze aufgenommenes "Äbbelwei-Lied" ist nun in Nordhessen aufgetaucht. Hören Sie es hier in voller Länge.

Es knistert, als die Nadel über die Wachswalze kratzt. Blechern und dünn klingen die Bläser, bevor Adam Müllers Stimme wie aus weiter Ferne ertönt: "In Frankfurt hier am Maa / Kennt alles Groß wie Klaa / Wie könnt's auch anders sein / De gude Äbbelwein!" (Springen Sie hier zum gesamten Liedtext in einer Fassung von 1912.)

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zum Video Adam Müllers "Ebbelwei-Lied" in voller Länge

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1907, vor mehr als 100 Jahren also, nahm der Mundartdichter und Humorist Adam Müller sein "Äbbelwei-Lied" (nach heute üblicher Schreibweise: Ebbelwei-Lied) auf einer Wachswalze auf. Das ist ein zylinderförmiger Tonträger mit Rillen, ein Vorläufer der Schellackplatte. Zum Abspielen benötigt man einen Edison Phonographen, der einem Grammophon ähnelt. Entwickelt hat ihn der Glühbirnen-Erfinder Thomas Alva Edison.

Der Liebhaber schwärmt vom Klang der alten Wachswalze

Einen solchen Phonographen mit 200 Wachswalzen, darunter jene mit dem Ebbelwei-Lied, fand Werner Baus, Experte für historische Tondokumente samt dafür nötiger Abspieltechnik, vor kurzem in Berlin. Baus betreibt in Helsa-Eschenstruth (Kreis Kassel) ein kleines, aber exquisites Musik-, Radio- und Kinomuseum. Selbst im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte liegt Adam Müllers Loblied auf den Apfelwein nur als Schellackplatte vor, nicht jedoch in der älteren Aufnahme auf Wachswalze.

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zum Video Entdeckung der Frankfurter Äbbelwei-Hymne auf altem Phonographen

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Der Liebhaber beurteilt die Qualität der alten Aufnahme übrigens ganz anders. "Schon vor mehr als 100 Jahren aufgenommen und noch immer ein toller Klang, und das auf einer Wachswalze", sagt Baus. Auch der Phonograph sei in einem guten Zustand. So einer habe ihm in seiner Sammlung noch gefehlt.

Der 73-Jährige entdeckte vor 60 Jahren seine Liebe zu historischen Musikautomaten: Mit 13 fand er auf dem Dachboden seines Zuhauses eine Spieluhr aus dem Jahr 1895. "Da war ich hin und weg", erinnert sich Baus.

Vom Versicherungskaufmann zum Restaurator

Werner Baus
Musikautomaten-Sammler Werner Baus vor seinem Edison Phonographen. Bild © hessenschau

In den 1980er Jahren packte ihn seine Leidenschaft endgültig, und er kündigte seinen sicheren Job als Versicherungskaufmann. Nach einer Ausbildung zum Orgel- und Harmoniumbauer hat Baus sich zum Restaurator für historische Musikautomaten weitergebildet. Davon kann er leben. Er verkauft restaurierte Stücke für mehrere 10.000 Euro bis in die USA. In seinem Museum in Helsa stehen Musiktruhen, Pianolas und Orchestrions - und jetzt eben auch ein echter Edison Phonograph, der Anfang des 20. Jahrhunderts 250 Goldmark kostete.

"De Ärzte tun uns kund / Dass Äbbelwein gesund / Wer 70 Jahr ihn trinkt / Zum hohen Alter bringt!" So singt Adam Müller im Ebbelwei-Lied - für Werner Baus ein Fenster in eine ganz andere Welt. Er will mehr wissen über den Interpreten und diese Hymne auf das Frankfurter Traditionsgetränk. Und er hat gehört, dass es noch mehr Wachswalzen mit Stücken des Humoristen geben soll. Dem will der 73-Jährige jetzt nachgehen.  

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Adam Müller: "Unser Äbbelwein!"

Von Adam Müllers "Äbbelwei-Lied" gibt es offenkundig verschiedene Fassungen. Im Büchlein "Original Frankfurter Lokal- und Äbbelwein-Humor in Poesie und Prosa des populären Frankfurter Schneidermeister und Lokalhumoristen Adam Müller", um das Jahr 1912 herum von diesem selbst aufgelegt und im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte einsehbar, hat sein Loblied auf den Apfelwein ganze sechs Strophen mehr als bei der hier vorgestellten Aufnahme von 1907.

Hier der Text, der sich mit der Wachswalzen-Version deckt - freilich mit etlichen kleineren Abweichungen in den Versen:

Bei uns am scheene Maa
Kennt alles Groß wie Klaa,
Wie könnt's aach annerscht sein
Den gude Äbbelwein!

In jeder Heckeschenk
Do zabbt mer des Getränk,
Un jeder dorschtig Schnud
Schmeckt dann deß Zeug so gut.

Awwer öfters aach mer find,
Daß er forchtbar werd verdinnt,
Wann mit Wasser er gedaaft,
Un die Gäst wern eigesaaft.

Alles schimpft dann wie noch nie,
Krieh die Kränk! is deß e Brieh.
Ei vor dem Gesöff o Graus!
Da rickt gleich jeder aus.

Awwer en gute Schobbe,
Der nach dem Abbel schmeckt,
Wann der von dorscht’ge Berger,
Is erscht emal endeckt,

Nachher da bleibt er hocke
Bis in die Nacht enei,
Un baast als wie meschugge
Sein Quantum Äbbelwein.

Die Praxis duht uns kund,
Daß Ebbelwein gesund,
Wer siebzig Johr en drinkt,
Zum hohe Alter bringt.

Vor die wo dickes Blut,
Da is er aach sehr gut,
Ganz ahle Knöpp werrn jung,
Aach leest der aam die Zung.

Der wo net gut esse kann,
Ganz egal, ob Weib ob Mann,
Täglich 15 Schobbe blos,
Do kann achle mer famos.

Ächte Sachsehäuser Luft,
Haspel, Rippcher, Handkäsduft,
Dabei die Gorgel fest geschmiert,
So en Mensch der is kuriert.

Drum sagt mer noch e Plätzi
Uff dere scheene Welt,
Deß wo uns so wie Frankfort
An unserm Maa gefällt,

Wo mer babbelt glatt vom Herz,
Die Muttersprach so sei,
Segt: Gott verhaag die Äbbelkist
En Bembel Äbbelwein!!

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