Mal verschwand Geld, mal ein Smartphone aus der Wohnung eines pflegebedürftigen Mannes in Neu-Isenburg. Mit einer versteckten Kamera überführten die Töchter seine Pflegerinnen als Diebe. Die Frauen sind entlassen - sicher sind andere Senioren vor ihnen aber nicht.

Pflegedieb
Eine der Pflegerinnen, die Josef S. aus Langen mutmaßlich bestahl, in einer Aufnahme der versteckten Videokamera. Bild © privat

Die Filme der Überwachungskameras zeigen eine Frau, die in einem Zimmer Schränke und Schatullen routiniert durchwühlt. Andere Video-Mitschnitte zeigen, worauf es diese und eine weitere Pflegerin in der Wohnung von Josef S. in Neu-Isenburg (Offenbach) abgesehen hatten: Geld und Wertsachen. Sie bestahlen den 83-Jährigen mehrfach, bis seine Familie ihnen auf die Schliche kam.

Immer wieder hatte der pflegebedürftige Mann beklagt, dass Geld verschwinde. Auch ein Päckchen, das er für eine Nachbarin entgegengenommen hatte, war nicht mehr aufzufinden - es enthielt ein teures Smartphone.

Ausgerechnet die Lieblingspflegerin

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zum Video Diebstahl während häuslicher Pflege

Ende des Videobeitrags

Die Töchter des Mannes dachten erst, ihr Vater sei eben ein wenig schusselig. Doch als sich die Fälle häuften, wurden sie misstrauisch. Sie installierten eine Überwachungskamera in der Wohnung von Josef S., versteckt in einem Wecker.

Was die Videobänder zeigten, habe sie schockiert, sagt Tina G., eine der Töchter: "Das war wie im Film. Eine der beiden Frauen war seine Lieblingspflegerin, der er total vertraut hat. Unglaublich, wie dreist die vorgegangen sind." Gleichwohl nennt Tina G. die Videomitschnitte "ein Geschenk des Himmels". Damit hätten sie den Diebstahl belegen können.

Problematische Kameraaufnahmen

Mit den Kameraaufnahmen ist es ein bisschen komplizierter. Sie griffen in die Persönlichkeitsrechte der Pflegerinnen ein, sagt Ingbert Zacharias, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen. Es bestehe ja quasi ein Angestelltenverhältnis. Die Betroffenen müssten wissen, dass sie gefilmt werden. Natürlich weiß auch Zacharias: Dann hätte die Familie wohl nie herausgefunden, dass der Vater bestohlen wurde.

Pflegedieb
Eine der Pflegerinnen, die Josef S. aus Langen mutmaßlich bestahl, in einer Aufnahme der versteckten Videokamera. Bild © privat

Das heimliche Filmen in der Wohnung des Vaters ist laut Polizei nicht per se verboten. Auf der Tonspur wurden keine Privatgespräche aufgezeichnet, was eindeutig untersagt ist. Es ging desweiteren um einen konkreten Verdacht, und die Aufnahmen zeigen einen Raum, in dem das Pflegepersonal nichts verloren hat. Im Einzelfall könne das als Beweis für eine Straftat gelten, sagt Polizeisprecher Zacharias. Bewerten müsse das letztlich die Staatsanwaltschaft.

Pfleger müssen Führungszeugnis vorlegen

Der ambulante Pflegedienst, bei dem die beiden Frauen seit Jahren beschäftigt waren, entließ die Pflegerinnen fristlos. Ihm macht die Familie keine Vorwürfe, die kleine Firma ist weiterhin mit der Pflege von Josef S. betraut. Die Geschäftsführer, die nicht wollen, dass der Name ihrer Firma genannt wird, zeigen sich auch schockiert. Zugleich räumen sie ein: Völlig ausschließen könne man solche Vorkommnisse wohl nicht.

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Das sagen Pflegeverbände

Olaf Bentlage, Sprecher des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Pflege: "So ein Fall kommt mir zum ersten Mal zu Ohren. Wir versuchen, die Menschen schon vor der Einstellung auf Herz und Nieren zu prüfen. Wenn gestohlen wird, ist das ein Phänomen, das gewiss nichts speziell mit der Pflegebranche zu tun hat."
Hubert Röser, Sprecher des Bundesverbands ambulante Dienste: "Innerhalb unserer Mitgliedschaft ist mir in den Jahren meiner Tätigkeit nie so etwas bekannt geworden. Ich würde davon ausgehen, dass die Pflegekräfte sauber und anständig arbeiten."

Ende der weiteren Informationen

Bewerber für den Pflegedienst müssen ein Polizeiliches Führungszeugnis vorweisen. Doch das hilft dem Arbeitgeber selbst bei Vorbestraften nur bedingt weiter. Entsprechende Einträge verschwinden mit Ablauf der Bewährungsfrist. Nur bei einem Erweiterten Führungszeugnis, nötig zum Beispiel für einen Job im sicherheitsrelevanten Bereich eines Flughafens, ist das anders.

Wiederanstellung der Diebinnen wahrscheinlich

Pflegedieb
Eine der Pflegerinnen, die Josef S. aus Langen mutmaßlich bestahl, in einer Aufnahme der versteckten Videokamera. Bild © privat

Solange keine Anklage gegen die diebischen Pflegerinnen erhoben ist, können sich die beiden wohl problemlos eine neue Stelle beschaffen. Man müsse sogar damit rechnen, berichten die Chefs des Pflegedienstes, der sie entließ. Erfahrene Kräfte würden in Zeiten des Pflegenotstands mit Kusshand genommen. Tina G. hat gehört, dass eine der beiden Frauen schon einen neuen Job haben soll. Wieder ist sie fassungslos.

Disclaimer: In einer früheren Version des Artikels stand, dass Josef S. in Langen (Offenbach) wohne. Das war falsch. Er lebt in Neu-Isenburg. Wir bitten, unser Versehen zu entschuldigen.

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