Flüchtlingscamp in Dobova
In ein Flüchtlingscamp in Dobova an der slowenisch-kroatischen Grenze lieferte Lind auf dem Weg nach Griechenland Hilfsgüter. Bild © Martina Lind

Sie nahm in Griechenland Flüchtlinge in einem Hilfstransport mit. So landete eine Frau aus dem mittelhessischen Cölbe im Gefängnis. Der Vorwurf: Schlepperei.

Das Schicksal von Flüchtlingen ist ihr nicht gleichgültig. Vor einem Jahr nahm sie einen minderjährigen Pakistani als Pflegekind bei sich auf. Sie engagiert sich in der lokalen Flüchtlingsarbeit. Und in einer eigenen Aktion sammelte sie Ende vergangenen Jahres Kleider, Schuhe und Medikamente, um Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos zu helfen.

Jetzt sitzt Martina Lind (Name von der Redaktion geändert) aus Cölbe (Marburg-Biedenkopf) in der Patsche. Sie war sogar inhaftiert und kam nur auf Kaution frei.

Und so kam es nach Angaben der 48-Jährigen dazu: Kurz vor Weihnachten machte Lind sich mit einem Transporter auf den Weg nach Griechenland. Nachdem sie die Hilfsgüter bei einer privaten Hilfsorganisation abgegeben hat, bekommt sie einen Anruf. Es sind Freunde aus Syrien, die sie im Rahmen ihrer Flüchtlingsarbeit kennengelernt hat. Die sechsköpfige Familie, ein Ehepaar mit vier Töchtern, hat es über die Grenze nach Griechenland geschafft und bittet sie nun um Hilfe.

Pro Person Haftstrafe von bis zu zehn Jahren

Die Cölberin lässt die Flüchtlinge in den Transporter steigen. Sie will sie zur nächsten Registrierungsstelle in Griechenland bringen. Dass sie etwas Verbotenes tut, ist ihr zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Unterwegs wird sie von der Polizei kontrolliert. "Ich habe dann gesagt: Ich habe hier sechs Syrer, die haben alle Ausweise und bräuchten eine Registrierung, damit sie dann über die Balkanroute weiterreisen können."

Zu ihrer Überraschung fordern die Polizisten sie auf mitzukommen. Lind wird festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Die Cölberin kommt erstmal ins Gefängnis. Eine Anwältin und ein Dolmetscher erklären ihr, dass ihr die griechischen Behörden Schlepperei vorwerfen. Diesen Verdacht kann sie zwar ausräumen. Doch auch der kostenlose Transport von Flüchtlingen in Griechenland sei verboten, erfährt sie weiter. Pro Person drohe ihr eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.

"Ich habe nach meinem Herzen gehandelt"

Gegen die Zahlung einer Kaution darf die Hessin das griechische Gefängnis an Silvester schließlich verlassen und nach Deutschland reisen. In einigen Monaten soll das Gerichtsverfahren beginnen. Einen Anwalt sucht sie noch. Die drohende Strafe hat sie dabei ständig vor Augen. "Das ist natürlich sehr belastend", sagt sie. Warum sie für die 20 Kilometer, die sie die Menschen transportiert habe, bis zu 60 Jahre ins Gefängnis müsse, könne sie nicht verstehen. "Ich glaube immer noch, dass ich das Richtige getan habe. Ich habe nach meinem Herzen gehandelt."

Der Preis, den sie dafür bezahlt, ist hoch. Neben einer Gerichtsverhandlung kommen Kosten für die Rückführung des Transporters und damit verbundene Anwaltskosten auf sie zu. Denn die griechische Polizei hat das Auto beschlagnahmt.

Bürgermeister macht Flüchlingshelferin keine Vorwürfe

Im Cölber Rathaus sorgt das für Kopfzerbrechen, denn es handelt sich um einen Transporter der Gemeinde. Der Gemeindevorstand habe das Leasingfahrzeug für die Hilfslieferung gerne zur Verfügung gestellt, sagt Bürgermeister Volker Carle (parteilos) auf hr-Nachfrage. Der Einsatz sei für die Gemeinde kostenneutral gewesen. Nun muss Cölbe auf das Auto allerdings vorerst verzichten. Vorwürfe will er der engagierten Flüchtlingshelferin aber nicht machen. "Im Nachhinein lässt sich immer leicht urteilen", findet er.

Lind will verhindern, dass anderen Helfern Ähnliches passiert. Deshalb hat sie ihre Geschichte im Bekanntenkreis publik gemacht. Freiwilligen auf Lesbos rät sie: "Bitte nehmt keine Flüchtlinge im Auto mit, denn das wird sehr hart bestraft."

Das könnte Sie auch interessieren

Zum Seitenanfang