Eine Ratte kommt selten allein.
Eine Ratte kommt selten allein. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Huch, schon wieder eine! In Wiesbaden lassen sich zurzeit ungewöhnlich viele Ratten blicken. Eine Folge des milden Winters? Die Ursachen liegen eher woanders, sagt ein Schädlingsbekämpfer.

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Wer Ratten im Keller oder im Garten hat, muss das dem Ordnungsamt melden und die Tiere beseitigen lassen. Die Stadt Wiesbaden hat sich veranlasst gesehen, auf diese Rechtsgrundlage aufmerksam zu machen. Denn in den vergangenen Wochen seien "zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung über gesichtete Ratten eingegangen", berichtete Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU). Sein Amt liefert den Bürgern Hinweise, was gegen die Rattenplage zu tun ist, und es begreift den milden Winter als eine Hauptursache für das Problem.

Das Wetter juckt die Nager aber weniger als man denkt, sagt der Darmstädter Diplom-Biologe Björn Kleinlogel im Interview. Er ist Landesvorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpferverbands.

hessenschau.de: Schädlingsbekämpfer wie Sie, Herr Kleinlogel, scheinen zu den Gewinnern des Klimawandels zu zählen. In Wiesbaden werden in diesem Winter mehr Ratten gesichtet.

Björn Kleinlogel: Wenn an der Oberfläche vermehrt Ratten auftreten, heißt das nicht, dass es auch mehr von ihnen gibt. Was in immer neuen Wellen auftaucht, sind Medienberichte darüber. Ratten gibt es immer viele – und zwar in der Kanalisation.

hessenschau.de: Aber die Ratten auf Plätzen in Wiesbaden sind ja keine Einbildung.

Björn Kleinlogel
Björn Kleinlogel, Diplom-Biologe und Schädlingsbekämpfer Bild © privat

Kleinlogel: Nein, aber ein Zeichen dafür, dass der Kanal vermutlich an einer Stelle nicht dicht ist. Wenn es in den Rohren zum Beispiel einen Versatz gibt, buddeln sie sich hoch. Ratten können sich dabei auch durch Kunststoffrohre knabbern. Und sie sind klug. Die merken auch, wenn Vögel gefüttert werden und bedienen sich.

hessenschau.de: In warmen Wintern überleben die Tiere trotzdem leichter, oder?

Kleinlogel: Das wird überschätzt. In der Kanalisation ist es ganzjährig fast gleich warm. Es ist auch kein Wunder, denn unser 40 Grad warmes Duschwasser landet ja zum Beispiel darin. Da haben es die Ratten komfortabel warm.

hessenschau.de: Und das Futterangebot? Bei Eiseskälte wäre es schwieriger für die Ratten, satt zu werden.

Kleinlogel: Im Kanal schaffen wir ihnen doch ein wunderbares Jagdrevier: Es werden einfach zu viele Essensreste im Klo entsorgt. Und es gibt immer so viele Tiere, wie es Nahrung gibt. In den Städten wird so unglaublich viel weggeworfen. Es geht uns einfach enorm gut. Und deshalb geht es auch den Ratten gut.

hessenschau.de: Es sei denn, Schädlingsbekämpfer wie Sie kommen ...

Kleinlogel: Wenn befallene Plätze konsequent mit Ködern belegt werden, sind auch rattenfreie Kanäle machbar. In Lebensmittelbetrieben gelingt uns das ja auch. Bei Städten und Gemeinden geht es allerdings um sehr große Flächen. Die Kommunen scheuen auch die Kosten. Also wird allenfalls sporadisch und lokal etwas gemacht, wenn Beschwerden kommen. Dabei ist mit Rattenbefall nicht zu spaßen. Denn die Tiere können eben alle möglichen Krankheiten übertragen. Wenn Ratten erst einmal da sind, ist die Lösung immer dieselbe.

hessenschau.de: Und die wäre?

Kleinlogel: Als erstes muss man Köder auslegen. Das führt nach mehreren Tagen zum Tod durch Verbluten. Da gibt es leider keine Alternative. Gerade die ortskundigen Tiere müssen weg, die andere darüber informieren, wo es etwas Leckeres gibt. Dann muss das Abflusssystem verschlossen werden, und es ist Ruhe.

hessenschau.de: Das klingt eher unkompliziert.

Kleinlogel: Solche offenen Stellen sind oft im Kanal in der Erde oder irgendwo hinter einer Installationswand verborgen. Oder sie kommen aus Rohren, in denen nur ein Lappen als Abdeckung steckt. Und die Köder müssen ja auch gefressen werden. Da braucht man viel Sachkunde und Erfahrung. Welcher Köder wird lieber gefressen als die Brötchenkrümel? Das ist die Kunst. Auch bei Hausmäusen. Die bereiten uns übrigens zunehmend Probleme, und das sehr viel mehr als Ratten.

hessenschau.de: Rattenplage, Mäuseplage - da müssen Schädlingsbekämpfer wie Sie wohl keine Konjunkturflaute fürchten.

Kleinlogel: Nein, aber uns fehlt der Nachwuchs. Die öffentliche Wahrnehmung ist doch völlig verzerrt. Da sind wir die Giftspritzer, die Tiere töten. Bei uns sind aber kluge Fachleute gefragt, die dafür auch gut bezahlt werden. Wir haben die dankbarsten Kunden.

Man ist immer der Retter, wenn Wespen auf dem Balkon sind, die Kakerlake im Salat ist oder die Maus in der Brotauslage. Das kann für einen Betrieb wie eine Bäckerei existenzgefährdend sein. Neulich habe ich zufällig Kunden getroffen, für die ich vor acht Jahren die Schaben weggemacht habe. Da bin ich gleich zum Kaffee eingeladen worden.

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