Der Angeklagte Athanasios A. im Landgericht
Der Angeklagte Athanasios A. im Landgericht Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa

Unter großen Sicherheitsvorkehrungen hat am Freitag in Frankfurt der Prozess gegen ein Mitglied der Hells Angels begonnen. Nach Schüssen auf einen anderen Rocker ist er wegen versuchten Mordes angeklagt. Sein mutmaßlicher Komplize ist weiter auf der Flucht.

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Die Schüsse fielen am helllichten Tag. Auf einem belebten Platz an einem Feiertag mitten in der Frankfurter Innenstadt. Sie heizten die öffentliche Diskussion über die Gefährlichkeit der Hells Angels in Frankfurt an und räumten letzte Zweifel aus, dass es sich bei ihnen nicht nur um harmlose Motorradfahrer, sondern vor allem Kriminelle handelt. Seit Freitag muss sich ein Mitglied der Hells Angels vor dem Landgericht wegen versuchten Mordes aus niedrigen Beweggründen verantworten. Sein mutmaßlicher Komplize ist weiter auf der Flucht.

Rückblick: Am 5. Mai vergangenen Jahres schossen - so nimmt es die Frankfurter Staatsanwaltschaft an - der damals 56 Jahre alte Athanasios A. und Miloud A. (38) auf Munir H. Alle drei werden den Frankfurter Hells Angels zugerechnet. Das Opfer war nach einer Auseinandersetzung innerhalb der Frankfurter Rockergruppe einige Wochen zuvor allerdings "out in bad standing", wie es in der Hells-Angels-Sprache heißt: Das bedeutet: Er war aus der Rockergruppe geflogen und durfte deshalb angegriffen werden.

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Hells-Angels-Motiv auf einem Motorradtank

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rückblick: Schüsse auf belebtem Platz in Frankfurter Innenstadt

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Zweiter Schütze ist weiter flüchtig

Der Vorfall passierte am Nachmittag des Himmelfahrtstages auf dem Friedrich-Stoltze-Platz. Laut Anklage schossen Athanasios A. und der noch immer flüchtige Miloud A. aus unmittelbarer Nähe auf einen vorbeifahrenden Geländewagen, in dem Munir H. saß. H. wurde lebensgefährlich verletzt. Ein Schuss landete in der Kopfstütze, ein weiterer verletzte Emir H., der auf dem Rücksitz saß. Eine Beifahrerin blieb unverletzt. Die Staatsanwaltschaft sieht in der Tat einen versuchten Mord. Die mutmaßlichen Täter sollen zuvor in einem benachbarten Café gesessen und sofort geschossen haben, als der Geländewagen auftauchte.

Dass es sich bei der Schießerei am Himmelfahrtstag wohl um eine Auseinandersetzung unter Rockern handelte, war schnell klar. Nach Auskunft von Nadja Niesen, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, wird ein Treffen im März 2016 als Hintergrund der Schüsse angenommen. Seinerzeit trafen sich hochrangige Hells Angels in einem Hotel am Frankfurter Flughafen, um ihre Auseinandersetzungen zu lösen. Doch anstatt den Streit zu schlichten, verschärfte sich die Situation. Es kam zu Handgreiflichkeiten, in deren Verlauf das spätere Opfer dem Vizepräsidenten des verbotenen Frankfurter Charters Westend die Nase gebrochen haben soll. Dies war den Ermittlungen zufolge die Ursache dafür, dass das spätere Opfer ausgeschlossen und für vogelfrei erklärt wurde.

Viele Fragen - ohne Antworten?

Die Schießerei unter Rockern ließ viele aufhorchen. Und Fragen stellen: Wie kann es sein, dass Hells Angels dort schießen, wo Passanten Kaffee trinken oder flanieren? Wie kann es sein, dass sie dabei so unvorsichtig vorgehen und nicht mal ihre Spuren verbergen? Als die Täter türmten, ließen sie Motorräder, Helme und Sonnenbrillen mit der eigenen DNA daran zurück. Fragen, auf die es möglicherweise nie Antworten geben wird - weil Hells Angels schweigen, wenn der Staat sie etwas fragt.

Die Frankfurter Justiz weiß um die Brisanz des Prozesses und sorgt entsprechend vor. Das Verfahren begann daher unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen. Nach Auskunft von Landgerichtssprecher Werner Gröschel gelten von Freitag an strenge Regeln. Jeder Prozessbesucher muss sich ausweisen und wird gründlich kontrolliert, wenn er den Saal betritt. Die Zuschauer sitzen hinter Panzerglas. Gröschel betont aber auch, dass die Frankfurter Justiz erfahren sei im Umgang mit brisanten Prozessstoffen, möglicherweise gefährlichen Angeklagten, Zeugen und Zuschauern. Richter ließen sich davon nicht beeindrucken.

Der Angeklagte hat sich nach Auskunft von Oberstaatsanwältin Niesen zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert. Auch das ist eine Regel der Hells Angels: keine Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden und der Justiz. Mehr als 70 Zeugen und fünf Sachverständige sollen deshalb im Prozess gehört werden. Mindestens 16 Verhandlungstage sind bisher terminiert. Enden könnte der Prozess Ende August.

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Rockergruppen in Hessen

Verschiedene Rocker- bzw. rockerähnliche Gruppen sind in Hessen aktiv. Die größte von ihnen ist nach aktuellen Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) mit circa 180 Mitgliedern der Gremium MC (Motorradclub). Der Hells Angels MC zählt in Hessen etwa 160 Mitglieder, gefolgt von Outlaws MC (ca. 65) und Bandidos MC (ca. 10). Hinzu kommen die als rockerähnlich eingestuften Osmanen. Sie verfügen in Hessen über zwei Charter: Osmanen Germania BC (Boxclub) mit etwa 100 Mitgliedern und Osmanen BC (ca. 40). Das Hells-Angels-Charter Gießen ist nach den tödlichen Schüssen auf seinen Präsidenten zwar weiter existent, aber über die Aktivitäten der Mitglieder macht das LKA keine Angaben.

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